Rente mit 63 vor dem Aus: Ältere verlieren Jobs – Regierung will länger arbeiten lassen
Während die Bundesregierung die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren abschaffen will, drängen Konzerne ältere Beschäftigte mit Abfindungen und Frühverrentung aus dem Erwerbsleben. Finanztip-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen kritisiert den doppelten Widerspruch.
Ingo, 57 Jahre alt, hat 35 Jahre als Disponent gearbeitet – und jetzt die Kündigung wegen Personalabbau bekommen. Seine Frage: Warum soll er mit 57 verschwinden, wo doch alle länger arbeiten sollen? In seiner Spiegel-Kolumne nimmt Finanztip-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen genau diesen Widerspruch auseinander: Die Politik will die Menschen länger im Erwerbsleben halten, aber die Unternehmen drängen ältere Beschäftigte zunehmend hinaus.
Tenhagen belegt den Konflikt mit Zahlen: Die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich gestiegen – von 2,81 Millionen im Juli 2024 auf 3,01 Millionen im Juli 2026. Besonders getroffen seien ältere, oft teurere Arbeitskräfte. Ein Drittel der Arbeitslosengeldbezieher (362.000 von 1,05 Millionen) ist laut der Juli-Statistik der Bundesagentur für Arbeit 55 Jahre oder älter.
Sozialverträglicher Abbau über Frühverrentung
Konzerne wie VW, Mercedes-Benz und SAP haben Tausende hoch bezahlte Mitarbeiter mit üppigen Abfindungsangeboten zum Gehen bewegt. Die VW-Tochter Audi rühmt sich sogar, den Abbau Tausender Stellen „sozialverträglich einzig über Altersteilzeit und Frühverrentung" hinzubekommen, schreibt Tenhagen.
Dass Arbeitslosigkeit wieder als Bedrohung wahrgenommen wird, zeigt eine Werbekampagne der Rechtsschutzversicherung Arag. Sie meldet, dass sich die Rechtsschutzfälle im Arbeitsrechtsschutz seit 2021 um 63 Prozent erhöht haben. Der IAB-Wissenschaftler Ulrich Walwei bestätigt: Ältere Entlassene finden häufig nicht in den Arbeitsmarkt zurück.
Dabei hätten die Älteren gerade erst den Arbeitsmarkt erobert: 2015 arbeiteten nur 53 Prozent der 60- bis 64-Jährigen. Von 2020 bis 2024 stieg ihre Erwerbstätigkeit laut IAB von 60,5 auf 67,6 Prozent. Dieser Trend könnte jetzt kippen.
Was die Rentenkommission empfiehlt
Die Alterssicherungskommission unter Vorsitz von Constanze Janda hat im Sommer 33 Empfehlungen vorgelegt. Die Bundesregierung kündigte am 2. Juli 2026 an, alle Vorschläge umsetzen zu wollen – darunter das Aus der abschlagsfreien Frührente für besonders langjährig Versicherte nach 45 Beitragsjahren („Rente mit 63"). Die Rentenkommission empfiehlt einen radikalen Umbau, der auch die Anhebung des Mindestalters für die Frührente mit Abschlägen von 63 auf 64 Jahre vorsieht.
Zudem soll die Regelaltersgrenze künftig an die Lebenserwartung gekoppelt werden: Steigt diese um ein Jahr, wächst das Rentenalter um sechs Monate. Das berichtet der Merkur. Eine erste Erhöhung wäre ab 2032 vorgesehen. Zehn Jahre nach der Einführung der abschlagsfreien Frührente 2014 haben über drei Millionen Menschen diese Option genutzt – zusammen mit den Abschlags-Fällen sind es insgesamt rund sechs Millionen vorzeitige Renteneintritte.
Chronologie der Rentenreform
2014
Einführung der Rente mit 63
Abschlagsfreie Frührente nach 45 Beitragsjahren.
Juni 2026
Rentenkommission legt Empfehlungen vor
33 Vorschläge, darunter das Aus der Rente mit 63.
2. Juli 2026
Bundesregierung kündigt Umsetzung an
Alle 33 Empfehlungen sollen umgesetzt werden.
17. August 2026
SPD-Arbeitnehmerflügel lehnt Abschaffung ab
AfA fordert Erhalt der abschlagsfreien Frührente.
22. August 2026
Tenhagen-Kolumne erscheint
Kritik am doppelten Widerspruch.
23. August 2026
Merz will zügige Umsetzung
Kanzler kündigt schnelle Reform an.
Widerstand in der eigenen Koalition
Innerhalb der Koalition regt sich erheblicher Widerstand. Der SPD-Arbeitnehmerflügel AfA sprach sich am 17. August für den Erhalt der abschlagsfreien Frührente aus. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) zeigte sich zuletzt offen dafür, auf diesen Punkt zu verzichten, falls die Union das wolle. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kündigte an, der Reform im Bundesrat nicht zuzustimmen.
„Wer 45 Jahre gearbeitet und in die Rentenversicherung eingezahlt hat, hat sich seine Rente verdient.“
Cansel Kiziltepe, Berlins Sozialsenatorin und SPD-AfA-Chefin
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will dagegen keine Abstriche: „Die Bundesregierung lässt sich nicht von ihrem Kurs abbringen, wir wissen, was richtig und gut ist für das Land„, sagte er der Bild am Sonntag. Ver.di-Chef Frank Werneke nannte die Vorschläge eine „völlige Missachtung der Lebensleistung der betroffenen Menschen“. Juso-Chef Philipp Türmer hält die Kopplung an die Lebenserwartung für ungerecht, weil Beschäftigte in Bau oder Pflege oft früher beginnen und statistisch kürzer leben. Die Kommission verweist auf Härtefallregeln.
Auch die private Bankenbranche warnt: Ohne das Blockmodell bei der Altersteilzeit würden bei Restrukturierungen verstärkt betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen, sagt Carsten Rogge-Strang vom Arbeitgeberverband der privaten Banken. Die Kommission will Altersteilzeit im Blockmodell abschaffen und die Altersgrenze von 55 auf 58 Jahre anheben.
Die Zahlen zum Arbeitsmarkt
Die Statistik zeigt den zentralen Konflikt: Während die Politik die Menschen länger im Erwerbsleben halten will, werden Ältere zunehmend abgebaut. Die Erwerbstätigkeit der 60- bis 64-Jährigen ist zwar stark gestiegen, aber gleichzeitig wächst die Arbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe. Besonders für Beschäftigte ohne sechsstellige Abfindung wird der Verlust des Arbeitsplatzes zum existenziellen Risiko – und die abgeschaffte abschlagsfreie Frührente würde ihnen das Sicherheitsnetz entziehen.
Erwerbstätigkeit der 60- bis 64-Jährigen
Anteil in Prozent
Quelle: IAB, Bundesagentur für Arbeit
Tenhagens Pointe: Die Politik will die Menschen länger im Job halten, aber die Unternehmen drängen sie raus – über Abfindungen, Altersteilzeit und Frühverrentung. Die entscheidende offene Frage ist, ob die Koalition den Widerstand aus den eigenen Reihen überwindet oder die Reform im Bundesrat scheitert. Der nächste Termin: die Kabinettsklausur in Schloss Neuhardenberg in der Folgewoche.