Baden-Württemberg: Schulen bekommen Notfallbogen gegen Zwangsheirat in den Sommerferien
Wenn nach den Sommerferien Schülerinnen unentschuldigt fehlen, sollen Lehrkräfte in Baden-Württemberg künftig auch an Zwangsheirat denken. Ein neuer Notfallbogen von Terre des Femmes gibt konkrete Handlungsempfehlungen.
Wenn nach den Sommerferien in Baden-Württemberg ein Mädchen nicht in den Unterricht zurückkehrt, kann dahinter ein Verbrechen stecken: Heiratsverschleppung. Das Kultusministerium in Stuttgart hat deshalb einen Notfallbogen an die Schulen ausgegeben, der Lehrkräfte zum Frühwarnsystem machen soll.
Der vom Frauenrechtsverein Terre des Femmes entwickelte Bogen heißt „Zwangsverheiratung in den Ferien – Wie können Sie als nicht-betroffene Person helfen?“. Wie die offizielle Pressemitteilung des Kultusministeriums erklärt, sollen Lehrkräfte bei unentschuldigtem Fehlen ausdrücklich auch an eine Zwangsverheiratung oder ein Festhalten im Ausland denken.
Notfallbogen als Frühwarnsystem
Der Anlass ist düster: Ein Mädchen fährt mit den Eltern ins Herkunftsland, „einige Wochen später beginnt in Deutschland wieder die Schule. Der Platz des Mädchens bleibt leer“, beschreibt FOCUS online das Szenario. Die Behörden sprechen von Heiratsverschleppung – so definiert es der baden-württembergische GesellschaftsReport.
Konkret verlangt der Plan von Lehrern, bei Verdachtsfällen nicht einfach die Eltern anzurufen. Berlin geht hier noch weiter und warnt, dass eine solche Kontaktaufnahme „die Gefährdung massiv erhöhen“ kann, wie FOCUS online berichtet.
Ein Fall aus dem baden-württembergischen GesellschaftsReport zeigt, warum: Eine 15-Jährige bat das Jugendamt ausdrücklich, ihre Eltern nicht zu informieren. Diese wurden dennoch in Kenntnis gesetzt – die Jugendliche ist heute im Ausland und kommt nicht mehr zurück.
Warnzeichen und Beratungszahlen
Als Warnzeichen gelten laut Solwodi Angst vor einer Auslandsreise, kurzfristig angekündigte Reisen ins Herkunftsland, zunehmende Kontrolle durch Angehörige oder Hinweise auf eine geplante Verlobung. Allein 2025 betreute die Organisation bundesweit 261 Frauen und Mädchen, die von Zwangsverheiratung bedroht oder bereits betroffen waren.
Die Stuttgarter Beratungsstelle Yasemin verzeichnete zuletzt rund 600 Hilferufe innerhalb eines Jahres. Dort melden sich neben betroffenen Mädchen und jungen Frauen auch Lehrer, Sozialarbeiter und andere Personen, die einen Verdachtsfall beobachten.
Dunkelziffer und Strafrahmen
Wie oft Zwangsverheiratungen tatsächlich geschehen, ist unklar. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2024 mehr als 60 Fälle nach § 237 StGB aus, 2023 rund 80 und 2022 knapp 70. Terre des Femmes ermittelte 2022 in einer nicht repräsentativen Schulumfrage sogar 379 gesicherte Fälle – von insgesamt 1847 Hinweisen auf angedrohte oder vollzogene Früh- und Zwangsverheiratung.
Rechtlich ist Zwangsheirat nach § 237 StGB mit sechs Monaten bis fünf Jahren Haft strafbar. Erfasst ist ausdrücklich auch, einen Menschen mit Gewalt, Drohung oder List ins Ausland zu bringen oder ihn dort an der Rückkehr zu hindern, um eine Heirat gegen seinen Willen durchzusetzen – selbst der Versuch ist strafbar. Bei rein religiösen oder traditionellen Verbindungen können andere Tatbestände wie Nötigung greifen.
In Berlin wurden für 2022 insgesamt 496 Fälle drohender oder vollzogener Zwangsverheiratung bekannt; 88 Prozent der vollzogenen Fälle fanden im Ausland statt, größtenteils während der Ferien. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg warnt bereits seit Juli vor dieser Gefahr – mehr dazu bei jux.news.
Warum die Schule so wichtig ist
Dass die Schule ein zentraler Schutzraum ist, zeigte laut FOCUS online unfreiwillig die Corona-Zeit: Als die Schulen geschlossen waren, gingen bei einer baden-württembergischen Fachberatungsstelle die Anfragen zeitweise fast auf null. Manche Betroffene werden zur Schule gebracht und wieder abgeholt, teils müssen sie mit Fotos nachweisen, wo sie sich gerade befinden.
Terre des Femmes betont, Zwangs- und Frühehen seien ein weltweites Phänomen mit Ursachen in patriarchalen Familienstrukturen, traditionellen Geschlechterrollen, Vorstellungen von Familienehre und teils Armut – und warnt davor, sie einer bestimmten Religion zuzuschreiben. Die Folgen sind drastisch: Abbruch der Ausbildung, lebenslange Abhängigkeiten, frühe Schwangerschaften und erhöhte Gefahr häuslicher Gewalt.
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Die Sommerferien in Baden-Württemberg dauern noch bis zum 12. September. Bis dahin müssen Lehrkräfte bei jedem leeren Platz genau hinsehen – und im Zweifel die vorgesehenen Beratungsstellen einschalten.