Rund 90.000 Kinder besuchen in Deutschland eine Waldorfschule – so viele wie nie zuvor. Dafür zahlt der Staat jedes Jahr über 647 Millionen Euro. Eine Undercover-Recherche zeigt jetzt: In den Klassenzimmern wird offenbar gezaubert statt unterrichtet, und die Lehrerausbildung basiert auf Esoterik.
Die neue Folge von „Team Wallraff“ lief am Montag, 24. August 2026, um 22:15 Uhr auf RTL und war bereits vorab auf RTL+ abrufbar. Reporterin Antonia, selbst ehemalige Waldorfschülerin, arbeitete verdeckt an zwei Waldorfschulen in Sachsen und Rheinland-Pfalz sowie bei einem Seminar für angehende Waldorflehrer in Dresden.
Laut einer RTL-Anfrage bei den 16 Kultusministerien unterstützt der Staat die freien Schulen im Schuljahr 2024/25 mit mehr als 647 Millionen Euro. Spitzenreiter sind Nordrhein-Westfalen mit rund 164 Millionen Euro für 55 Waldorfschulen und Baden-Württemberg mit rund 160 Millionen Euro für 58 Schulen, wie n-tv berichtet.
Öffentliche Mittel für Waldorfschulen (Schuljahr 2024/25)
Zuschüsse des Staates an Ersatzschulen in ausgewählten Bundesländern
Esoterik statt Wissenschaft
In Sachsen erlebte die Reporterin, wie eine Lehrerin ihre Schüler auf Grundlage von Rudolf Steiners Anthroposophie nach „Temperamenten“ einteilte. André Sebastiani von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) sagt dazu: Für diese Vorstellung gebe es aus wissenschaftlicher Sicht keine Grundlage.
Die Schule antwortete auf die Frage, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage die Temperamenten-Zuordnung erfolge, inhaltlich nicht. Sebastiani bezeichnet die dahinterstehende Vorstellung wörtlich als „rein esoterisches Weltbild“.
„rein esoterisches Weltbild“
Noch deutlicher wurde es im etwa 90-minütigen künstlerischen Teil des Dresdner Grundlagenseminars. Die Teilnehmer sprachen Zaubersprüche in den „Temperamenten“, gingen im Kreis, erhoben die Arme und riefen Fantasiewörter wie „Abrakadabra“ und „Ebrekedebre“. Damit sollten sie ein imaginäres Feuer in ihrer Mitte entfachen – laut Reporterin eine rund 45-minütige Übung in der Rolle von „Zauberlehrlingen“.
Das Dresdner Seminar erklärte dazu, es handele sich um eine künstlerische Annäherung an ein pädagogisches Thema. Rollenspiele gehörten auch an Universitäten zum Ausbildungsplan, und selbst wissenschaftliche Werke über deutsche Literatur begännen mit Zaubersprüchen.
Lehrerausbildung unter der Lupe
Viele Lehrkräfte – darunter etliche Quereinsteiger – beschrieben ihre Ausbildung gegenüber der Reporterin als teils unzureichend. Schüler berichteten von Wissenslücken bei grundlegenden Inhalten, Eltern von nicht hinreichend beachteten Lernschwierigkeiten ihrer Kinder. Lehrbücher gebe es kaum, stattdessen vor allem sogenannte Epochenhefte.
„Es bedeutet, der Lehrer ist die einzige Ressource der Wahrheit“
Im Seminarteil zum Lesen- und Schreibenlernen erklärte eine Dozentin, Konsonanten würden über Bilder und Bewegungen vermittelt – etwa die Darstellung einer Schlange. Ein langsameres Lesenlernen sei bei Waldorfschülern nicht ungewöhnlich; erst wenn ein Kind in der dritten Klasse noch Schwierigkeiten habe, würde man genauer hinsehen.
Riskante Szenen und ausgesetzter Unterricht
An beiden Schulen erlebte die Reporterin Situationen, in denen regulärer Unterrichtsstoff aus ihrer Sicht zu kurz kommen könnte. In Sachsen sollte über Wochen normaler Unterricht seltener stattfinden, um ein Theaterstück einzustudieren. Die Schule teilte mit, „schulisch durchgeführte Theaterinszenierungen“ seien „ein wichtiges Element pädagogischer Binnendifferenzierung“.
In Rheinland-Pfalz dokumentierte Antonia Szenen ohne Lehreraufsicht mit potenziell gefährlichen Folgen: An einem Tag hantierten zwei Schüler mit Hammer und Spitzhacke, am nächsten stieg ein Junge mit einem Bein aus einem Fenster im zweiten Stock.
Reaktionen der Schulen und offene Fragen
Beide Schulen betonten auf Anfrage, ihre Lehrkräfte würden nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben und unter Beteiligung der Schulaufsichtsbehörden eingesetzt und verfügten über die erforderlichen Qualifikationen.
Zudem verwiesen sie auf die Ergebnisse der staatlichen Abschlussprüfungen: In Rheinland-Pfalz lägen diese seit Jahren im oder über dem Landesdurchschnitt. Die Schule in Sachsen teilte mit, Waldorf-Abiturienten erzielten im Schnitt bessere Abiturergebnisse als Schüler aus Regelschulen.
Die Schule in Rheinland-Pfalz wies pauschale Rückschlüsse aus einzelnen Beobachtungen zurück: „Sollten im schulischen Alltag einzelne Situationen auftreten, die pädagogisch oder organisatorisch zu reflektieren sind, werden diese selbstverständlich im Rahmen der bestehenden Verfahren aufgearbeitet.“
Die Recherche zeigt ein Schulsystem mit großen pädagogischen Freiheiten – und wirft die Frage auf, ob Unterricht und wissenschaftliche Ausbildung der Lehrkräfte den Anforderungen entsprechen, die Eltern, Kinder und der Staat an die Ersatzschulen stellen.
