Jeanette Biedermanns Familie floh nach Stasi-Drohung gegen das Kind
Die Stasi drohte Jeanette Biedermanns Familie: „Wir wissen, wo dein Kind zur Schule geht.“ 1989 floh die Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über Prag in den Westen.
Die Stasi verprügelte ihren Vater, stahl seine Papiere und drohte schließlich, ihrem Kind etwas anzutun. Für Jeanette Biedermann wurde diese Bedrohung zum Auslöser einer dramatischen Flucht aus der DDR – im Herbst 1989, als sie gerade einmal neun Jahre alt war.
Mehr als drei Jahrzehnte später wird die Geschichte der Sängerin und Schauspielerin erneut erzählt – auch vor dem Hintergrund, dass Biedermann im August 2026 erstmals Mutter geworden ist. Bereits 2019 hatte sie in einem Gala-Interview und bei „Sing meinen Song“ unter Tränen von den Ereignissen berichtet.
Schikane nach dem Ausreiseantrag
1988 stellten Jeanettes Eltern Marion und Bernd Biedermann einen Antrag auf Ausreise in den Westen. Der Antrag wurde abgelehnt – und die Familie geriet ins Visier der Staatssicherheit.
Ihr Vater, von Beruf Taxifahrer, durfte nicht mehr arbeiten. Gegenüber dem Focus beschrieb sie die Übergriffe:
„Mein Vater wurde verprügelt, als er von der Kneipe nach Hause kam, und dann wurden ihm seine ganzen Papiere gestohlen – es waren Leute von der Stasi. Als er zur Polizei ging, bekam er zu hören, er solle „zur Polizei im Westen gehen“.“
Jeanette Biedermann, Sängerin und Schauspielerin
Die Polizei bedeutete ihm, sie sei für ihn die „falsche Polizei“ – er solle sich an die Polizei im Westen wenden. Die Schikanen wurden persönlicher und zielten bald direkt auf die Tochter.
Die Drohung gegen das Kind
Die Stasi setzte den Vater unter Druck, den Ausreiseantrag zurückzuziehen. Nächtelang wurde er verhört – doch Bernd Biedermann blieb standhaft.
„Wir wissen, wo dein Kind zur Schule geht – das war der Moment, an dem mein Vater zu meiner Mutter sagte: Wir müssen hier weg. Wenn es an unser Kind geht, müssen wir hier weg.“
Jeanette Biedermann, Sängerin und Schauspielerin
Für Jeanette Biedermann war dieser Satz der Wendepunkt. „Wir müssen hier weg. Wenn es an unser Kind geht, müssen wir hier weg“, habe ihr Vater nachts zu ihrer Mutter gesagt.
Flucht über Prag
Im Herbst 1989 packte die Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nur das Nötigste. Der damals neunjährigen Jeanette erzählten die Eltern nichts vom Fluchtplan – sie glaubte an einen harmlosen Tagesausflug nach Prag.
In der Prager Botschaft warteten rund 3500 DDR-Flüchtlinge. Drei Tage verbrachte die Familie dort mit wenig Nahrung, während der Vater draußen warten musste. „Für mich war es ein riesen Abenteuer, aber meine Eltern haben die ganze Zeit Angst gehabt“, erinnerte sich Biedermann später.
Die Flucht der Familie Biedermann
1980
Geburt in Ost-Berlin
Jeanette Biedermann wird geboren und wächst in Ost-Berlin auf.
1988
Ausreiseantrag abgelehnt
Die Eltern stellen einen Ausreiseantrag; die Stasi beginnt mit Schikanen.
1988/89
Drohung gegen das Kind
Die Stasi droht: „Wir wissen, wo dein Kind zur Schule geht.“
Herbst 1989
Flucht über Prag
Die Familie flieht nach Prag und verbringt drei Tage in der Botschaft.
2017
Tod des Vaters
Bernd Biedermann stirbt.
21.05.2019
Sing meinen Song
Jeanette erzählt unter Tränen von der Flucht und singt „Deine Geschichten“.
02.09.2026
Erneute Aufarbeitung
Joyn greift die Geschichte anlässlich ihrer Geburt auf.
Auch die Zugfahrt nach Westdeutschland blieb gefährlich. Stasi-Beamte sollen damals schlafenden Passagieren die Kinder entrissen haben. Deshalb blieben die Eltern abwechselnd wach, um Jeanette zu beschützen.
Neuanfang und späte Verarbeitung
Die Ankunft in West-Berlin bedeutete einen Neubeginn voller Unsicherheit. „Wir haben anfangs mit nur einer Reisetasche bei meinem Onkel gelebt … und ich habe meine Freunde und mein altes Umfeld vermisst“, erinnerte sie sich.
Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls fand sie klare Worte: „Freiheit ist das höchste Gut!“
2017 starb ihr Vater Bernd Biedermann. Zwei Jahre später verarbeitete sie das Erlebte bei „Sing meinen Song“ und widmete ihm das Lied „Deine Geschichten“.