Sechs Morde, eine Schwiegermutter am Steuer des Fluchtwagens – und nun tritt der niedersächsische Migrationsbeauftragte zurück. Deniz Kurku (SPD) legte sein Ehrenamt am 4. September 2026 mit sofortiger Wirkung nieder, wie der NDR über den Rücktritt berichtet. Die Staatskanzlei in Hannover bestätigte den Schritt.
Als Grund nannte Kurku in einer schriftlichen Erklärung „massive Anfeindungen und Drohungen“ gegen sich, Morddrohungen sowie „die Verbreitung von Falschbehauptungen in Teilen der öffentlichen Berichterstattung und den sogenannten sozialen Medien“. Sein Landtagsmandat behält der 44-Jährige.
Anlass ist der Sechsfachmord vom 29. Juni 2026 in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade. Der ausreisepflichtige türkische Staatsangehörige Fatih Khan Gazioglu erschoss sechs Menschen – drei Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover und drei Mitarbeitende der Einrichtung. Seine Tochter und deren Mutter waren dort untergebracht.
„Diesen Schritt gehe ich nach sorgfältiger Abwägung und ausdrücklich zum Schutz dieses wichtigen Amtes.“
Die Rolle der Schwiegermutter
Nach der Tat geriet Kurku in den Fokus, weil seine Schwiegermutter Sylvia S. (65) den Fluchtwagen des Schützen steuerte. Die Polizei stoppte den Mercedes-Benz GLE Coupé nach einer Verfolgungsjagd mit Schüssen auf die Reifen. Die 65-Jährige, laut NIUS als Migrationsberaterin für eine staatlich geförderte NGO tätig, hatte den Täter von Hannover nach Stade begleitet.
Kurku hatte Anfang Juli 2026 selbst offengelegt, dass es sich bei der festgenommenen mutmaßlichen Fahrerin um seine Schwiegermutter handelt. Er habe davon über die Medien erfahren und umgehend Ermittlungsbehörden und Staatskanzlei informiert. Gegen Sylvia S. und die Mutter des Kindes, Enise Ö., wird weiter ermittelt – ein dringender Tatverdacht besteht bislang nicht.
Die Verbindung seiner Familie zur Bluttat beschäftigt Politik und Öffentlichkeit seit Wochen – die Rolle der Schwiegermutter nach der Bluttat hatte bereits im Juli für Schlagzeilen gesorgt.
Chronologie der Ereignisse
- 5. Mai 2026Visitenkarten-Vorschlag
Laut NIUS soll Sylvia S. dem späteren Täter vorgeschlagen haben, einen „Dennis“ oder „Deniz“ aus Hannover mit Visitenkarte ins Krankenhaus zu schicken.
- 29. Juni 2026Sechsfachmord in Stade
Fatih Khan Gazioglu erschießt in einer Mutter-Kind-Einrichtung sechs Menschen; Sylvia S. fährt den Fluchtwagen.
- 21. Juli 2026Tod in Untersuchungshaft
Gazioglu nimmt sich in der JVA Bremervörde das Leben.
- Anfang Juli 2026Kurku informiert Behörden
Kurku legt offen, dass die festgenommene Fahrerin seine Schwiegermutter ist.
- 3. September 2026Innenausschuss befasst sich mit Fall
Kurku nimmt aus Befangenheit nicht teil; Innenministerin Behrens verteidigt ihn.
- 4. September 2026Rücktritt
Kurku erklärt seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung.
Vorwürfe aus Ermittlungsakten
Unter Druck geriet Kurku, nachdem das Portal NIUS Auszüge aus Ermittlungsakten veröffentlicht hatte. Danach soll Sylvia S. am 5. Mai 2026 vorgeschlagen haben, einen „Dennis“ oder „Deniz“ aus Hannover mit einer Visitenkarte ins Krankenhaus zu schicken. Die Polizei vermerkte dazu, es dürfte sich um den Schwiegersohn von Sylvia S. handeln – Deniz Kurku.
Kurku wies jede Verbindung zu dem Täter zurück. Über seine Anwaltskanzlei ließ er erklären, er habe weder Gazioglu noch dessen Familie gekannt, es habe keinen Kontakt gegeben und er sei nicht in den Sorgerechtsstreit eingebunden gewesen. Nachprüfbare Belege dafür, dass Kurku vor der Tat von den Plänen des Schützen wusste, wurden bislang nicht vorgelegt. die Welt erhielt keine Bestätigung der Aktenangaben.
Am Donnerstag vor dem Rücktritt befasste sich der Innenausschuss des Landtags mit dem Fall Stade. Kurku nahm aus Befangenheit nicht teil. Innenministerin Daniela Behrens (SPD) stellte klar, dass Kurku nach aktuellem Ermittlungsstand kein Beschuldigter ist, und warf einigen Medien „niederträchtiges“ Verhalten vor.
Reaktionen aus Hannover
Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) würdigte Kurkus Einsatz und dankte ihm für „großes Engagement und viel Herzblut“. Zugleich verurteilte er den Umgang mit ihm scharf.
„Wenn Hass und Hetze dazu führen, dass engagierte Menschen ihr Ehrenamt niederlegen, ist eine Grenze überschritten.“
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Stefan Politze stellte sich hinter Kurku: „Für uns steht fest: Deniz hat mit der Tat in Stade nichts zu tun. Er hat uns von Anfang an offen und glaubhaft geschildert, was er wusste und was nicht.“ Der innenpolitische AfD-Sprecher Stephan Bothe nannte den Rücktritt dagegen „überfällig“ und forderte Aufklärung.
Offene Fragen
Über die Nachfolge will das Kabinett zeitnah entscheiden. Laut einer Regierungssprecherin liefen dazu bereits Gespräche im Hintergrund. Anliegen an den Migrationsbeauftragten würden weiterhin im zuständigen Verbindungsbüro bearbeitet.
Offen bleibt, ob das Ehrenamt erneut mit einem Landtagsabgeordneten besetzt wird. Zudem ist bislang unklar, ob bei der Polizei Hannover eine Anzeige wegen der von Kurku angeführten Morddrohungen eingegangen ist – NIUS hatte berichtet, dass dort keine vorliegt. Die Staatskanzlei hatte vor dem Rücktritt erklärt, Kurku habe das Verwandtschaftsverhältnis „unmittelbar und eigeninitiativ“ mitgeteilt.
