Schweineniere überbrückt erstmals die Wartezeit auf ein Spenderorgan
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Medizin

Schweineniere überbrückt erstmals die Wartezeit auf ein Spenderorgan

Ein US-Amerikaner hat neun Monate lang mit einer Schweineniere überlebt – ganz ohne Dialyse. Danach bekam er eine menschliche Spenderniere. Der Fall zeigt erstmals, wie Xenotransplantation die Wartezeit überbrücken kann.

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271 Tage lang schlug in Tim Andrews' Körper eine Niere, die nicht von einem Menschen stammte, sondern von einem genetisch veränderten Schwein. Der 66-Jährige aus Concord, New Hampshire, überbrückte so die Wartezeit auf eine menschliche Spenderniere – neun Monate lang völlig ohne Dialyse.

Der Fall ist der erste seiner Art: Noch nie zuvor hatte eine Schweineniere bei einem lebenden Menschen als Überbrückung bis zur Transplantation einer menschlichen Niere gedient. Das Massachusetts General Hospital in Boston veröffentlichte die Ergebnisse im September 2026 im Fachjournal The Lancet, wie der Bericht des Spiegels zur Schweinenieren-Transplantation zeigt.

Der lange Weg zur Spenderniere

Andrews litt an Nierenversagen im Endstadium, ausgelöst durch Typ-2-Diabetes. Seine Blutgruppe war schwer zu vermitteln. Die Ärzte schätzten seine Chance, innerhalb von fünf Jahren ein menschliches Organ zu bekommen, auf nur neun Prozent. Das Risiko, in dieser Zeit zu sterben oder von der Warteliste gestrichen zu werden, lag bei 40 Prozent.

In den USA warten rund 100.000 Menschen auf eine Niere, aber nur etwa 25.000 Nierentransplantationen werden jährlich durchgeführt. Andrews stieß zufällig auf die Pilotstudie und bewarb sich als Proband. Die Niere stammte von einem Yucatan-Minischwein des Biotech-Unternehmens eGenesis – dem Tier wurden 69 Gene verändert, um Abstoßungen zu verhindern und Schweineviren auszuschalten.

Für Leonardo Riella, den leitenden Transplantationsmediziner und Hauptautor der Studie, ist genau das die Vision: eine Brücke, bis ein menschliches Organ verfügbar ist.

Unsere Vision ist, dass die Xenotransplantation dazu beitragen kann, diese Lücke zu schließen – zunächst als Überbrückung, um Patienten von der Dialyse zu befreien, während sie auf eine menschliche Spenderniere warten.
Leonardo Riella, Transplantationsmediziner am Massachusetts General Hospital

Neun Monate ohne Dialyse

Die Operation fand am 25. Januar 2025 statt. Die Niere nahm sofort ihre Funktion auf und produzierte noch während des Eingriffs Urin. Die Nierenwerte verbesserten sich rasch. Schon nach 14 Tagen behandelten die Ärzte eine leichte, von T-Zellen ausgelöste Abstoßungsreaktion erfolgreich mit Medikamenten.

Nach drei Monaten reduzierten sie die Immunsuppression. Doch nach rund einem halben Jahr zeigten sich Schäden an den Blutgefäßwänden, und eine Blutansammlung um die Niere musste operativ entfernt werden. Gleichzeitig wurde eine Infektion mit dem multiresistenten Keim MRSA diagnostiziert. Die Ärzte mussten die Immunsuppression weiter senken – mit Folgen.

Nach etwa 220 Tagen führte die erneute Reduktion zu Entzündungen in kleinen Blutgefäßen und Blutgerinnseln, die die Filterleistung beeinträchtigten und irreversible Schäden verursachten. Am 23. Oktober 2025, nach 271 Tagen, musste die Schweineniere entfernt werden. Bis dahin war Andrews durchgehend dialysefrei geblieben – länger als je ein Mensch zuvor mit einer Schweineniere.

Chronologie des Falls

  1. 25. Januar 2025
    Transplantation der Schweineniere

    Tim Andrews erhält im Massachusetts General Hospital eine Niere eines Yucatan-Minischweins mit 69 Genveränderungen.

  2. Anfang Februar 2025
    T-Zell-Abstoßung

    14 Tage nach der Operation wird eine leichte Abstoßungsreaktion festgestellt und erfolgreich behandelt.

  3. Juli 2025
    Komplikationen

    Blutgefäßschäden werden sichtbar, eine Blutansammlung wird entfernt und eine MRSA-Infektion diagnostiziert.

  4. 23. Oktober 2025
    Entfernung

    Nach 271 Tagen wird die Schweineniere wegen Funktionsverlusts explantiert.

  5. Januar 2026
    Menschliche Niere

    Andrews erhält nach 82 Tagen an der Dialyse eine menschliche Spenderniere.

Eine menschliche Niere – und der Blick nach vorn

Nach weiteren 82 Tagen an der Dialyse erhielt Andrews im Januar 2026 eine menschliche Spenderniere. Der Körper nahm das Organ ohne größere Probleme an, und ein halbes Jahr später gab es keine Anzeichen einer Abstoßung. Für die Ärzte ist das der Beleg, dass die Schweineniere die spätere Transplantation nicht erschwert hat.

Der Fall gilt als erster erfolgreicher Übergang von einer funktionierenden Schweineniere in einem lebenden Empfänger zur menschlichen Niere. Er zeigt, dass Xenotransplantation eine echte Brücke sein kann – auch wenn die Schweineniere nicht dauerhaft hielt. Die Forscher fanden keine eindeutigen Hinweise auf eine klassische antikörpervermittelte Abstoßung; vermutet wird eine mit der Infektion verbundene Schädigung.

Joachim Denner, Virologe an der Freien Universität Berlin und nicht an der Studie beteiligt, wertet den Verlauf dennoch als Erfolg.

Der Patient weist die bislang längste Überlebensdauer mit einer funktionstüchtigen Schweineniere auf und war mehr als neun Monate dialysefrei.
Joachim Denner, Virologe, Freie Universität Berlin

Die Biotech-Unternehmen eGenesis und United Therapeutics bereiten bereits größere klinische Studien vor. Im Juni 2026 transplantierte das Team einem zweiten Mann aus New Hampshire eine Schweineniere; eine dritte Transplantation in der Pilotstudie wird noch in diesem Jahr erwartet. Langfristig soll die Schweineniere – sofern Sicherheit und Haltbarkeit belegt sind – womöglich dauerhaft im Patienten bleiben.