In der spanischen Exklave Ceuta werden Helfer der Dresdner Organisation Mission Lifeline massiv angefeindet, bedroht und teils durch die Stadt gejagt. Vorsitzender Nolte Bauer schildert im Interview der taz zu den Angriffen, wie ein Team Ende August nur knapp entkam.
Die NGO ist seit der ersten Augustwoche in der Stadt, um Geflüchtete zu versorgen. Sie organisiert Schlafplätze, Essen und Ladestationen für Handys. Ein solarbetriebener Lastwagen lädt täglich rund 300 Telefone. Die Zahl der Verbliebenen ist umstritten, die Gewalt eskaliert.
Feindselige Stimmung gegen Helfer
Sobald die Helfer als solche erkannt werden, werden sie laut Bauer andauernd gefilmt, bedroht und bedrängt. Einheimische werfen ihnen vor, durch ihre Hilfe nur weitere Migranten anzulocken – als Beispiel wurde in spanischen Medien das Aufladen der Handys genannt. An beiden Hinterreifen des Hilfsfahrzeugs wurden Messerspuren entdeckt.
Gegenüber den Berichten zu den Todesdrohungen sagte Bauer: „Ich wurde verbal schon mal mit dem Tode bedroht.“ „Die Reaktion der Einheimischen auf unsere Tätigkeit ist leider überwiegend feindselig“, zitiert ihn die Nachrichtenagentur.
Hetzjagd durch die Stadt
Den Höhepunkt bildete ein Vorfall Ende August. Ein Mission-Lifeline-Team wurde in der Nähe einer rechten Demonstration erkannt, mit dem Tod bedroht und von rund 1.000 Menschen durch die Stadt gejagt. Es versteckte sich gemeinsam mit einem älteren marokkanischen Mann auf Krücken in einer Tiefgarage.
„Wir wurden mit dem Tod bedroht und durch die Stadt gejagt.“
In der folgenden Nacht zündeten Rechte ein Geflüchteten-Camp an – laut Bauer nicht zum ersten Mal.
Chronologie der Eskalation
Die Gewalt in Ceuta hat sich seit dem Massenansturm im Juli zugespitzt:
Eskalation in Ceuta
- 30. Juli 2026Massenansturm auf Ceuta
Rund 72.000 Menschen gelangen aus Marokko in die Exklave; mindestens 141 sterben.
- Erste Augustwoche 2026Mission Lifeline beginnt Einsatz
Helfer organisieren Schlafplätze, Essen und Handy-Ladestationen.
- 27. August 2026Blockade des Roten Kreuzes
Demonstrierende blockieren die Essensauslieferungen des Roten Kreuzes.
- Ende August 2026Hetzjagd auf Lifeline-Team
Rund 1.000 Menschen jagen Helfer durch die Stadt; sie verstecken sich in einer Tiefgarage.
- Folgende NachtCamp angezündet
Rechte zünden ein Geflüchteten-Camp an – laut Bauer nicht zum ersten Mal.
- 2. September 2026Landesweite Proteste
Zehntausende demonstrieren in Spanien gegen die Migrationspolitik.
Verletzte Teenager und schwere Vorwürfe gegen Polizei
Vor wenigen Tagen musste das Team zwei 14-jährige marokkanische Jungen versorgen, die zusammengeschlagen und mit Pfefferspray besprüht worden waren. Eine Traube von Männern habe die Helfer daraufhin beschimpft und gesagt: „Diese Jungs kriegen, was sie verdienen.“
Bauer wirft Polizei und Militär überzogene Härte vor: „Der Schlagstock sitzt für kleinste Sachen sehr locker.“ Mehrfach sei berichtet worden, dass Sicherheitskräfte nachts Gewalt ausübten, Telefone zerstörten und Wertgegenstände klauten. Zu den Helfern kämen Kinder mit Gummigeschoss-Verletzungen im Gesicht und mit pfeffersprayverätzten Augen.
Die Bedrohungslage ist für die Helfer alltäglich. Mission Lifeline setzt deshalb verstärkt Einsatzkräfte ein, die sonst in Krisengebieten wie der Ukraine oder Afghanistan arbeiten.
„Ich habe noch keinen Tag angefangen, ohne dass mir jemand gesagt hat, dass ich den nächsten nicht erleben werde.“
Bauers Forderungen an die EU
Bauer zeigt Verständnis für die Überforderung der 80.000-Einwohner-Stadt. Den eigentlichen Skandal sieht er darin, dass eine kleine Gemeinde ein gesamteuropäisches Problem tragen muss. Er fordert, die Geflüchteten auf die EU-Mitgliedstaaten zu verteilen und geregelte Asylverfahren zu ermöglichen.
Bei 452 Millionen EU-Bürgern würde es niemand merken, wenn selbst 100.000 Geflüchtete verteilt würden, sagt Bauer. Er macht Hetze von konservativen bis rechtsextremen Parteien für die Stimmung verantwortlich und befürchtet, dass sich die Lage noch Monate hinzieht.
