Ukraine: Porno-Entkriminalisierung soll 30.000 Drohnen finanzieren
Bild: KI-generiert
Kriegsfinanzierung

Ukraine: Porno-Entkriminalisierung soll 30.000 Drohnen finanzieren

In der Ukraine ist Pornografie strafbar, doch die OnlyFans-Branche boomt. Ein Gesetzentwurf soll Erwachsene entkriminalisieren und jährlich bis zu 25 Millionen Dollar Steuern für den Krieg einbringen – genug für 30.000 Drohnen.

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In der Ukraine drohen Erwachsenen bis zu fünf Jahre Haft, wenn sie einvernehmliche Pornografie herstellen oder verbreiten – während Tausende über OnlyFans Millionen verdienen. Ein Gesetzentwurf soll diesen Widerspruch auflösen und die Branche entkriminalisieren, um Steuereinnahmen für den Krieg gegen Russland zu mobilisieren.

Seit dem russischen Überfall im Februar 2022 sucht das Land dringend zusätzliche Einnahmen. Artikel 301 des Strafgesetzbuches stellt Herstellung, Verbreitung und sogar Besitz pornografischer Inhalte unter Strafe – strikter als in vielen europäischen Ländern oder den USA. Trotzdem ist eine große Online-Creator-Wirtschaft entstanden, vor allem auf OnlyFans.

It’s absurd, especially in the midst of a full-scale war.
Yaroslav Zhelezniak, ukrainischer Abgeordneter

Der Abgeordnete Zhelezniak von der Partei Holos treibt die Gesetzesänderung seit Jahren voran. Er verweist auf den Widerspruch: OnlyFans zahlte im ersten Halbjahr 2023 bereits mehr als 34 Millionen Hrywnja (rund 920.000 US-Dollar) Mehrwertsteuer an den ukrainischen Staat – während die Herstellung derselben Inhalte strafbar bleibt.

Verbot und boomende Branche

Im Jahr 2023 eröffneten Behörden laut einem Bericht des Kyiv Independent über die ukrainische Pornografie-Strafverfolgung 699 Verfahren wegen Verbreitung, Verkauf und Produktion von Pornografie – Kinderpornografie nicht eingerechnet. Ein Gericht in Poltawa verurteilte eine Frau zu fast 1.000 Dollar Strafe, weil sie ihrem Freund zwei Videos schickte. In Sumy erhielt ein Mann drei Jahre Haft auf Bewährung für den Versand intimer Fotos über eine Dating-Website.

Die Künstlerin Maria Timchenko verließ die Ukraine nach eigener Aussage in Richtung Deutschland, nachdem sie wegen angeblicher Verbreitung pornografischer Inhalte angeklagt worden war – jemand hatte ihre erotischen Gemälde auf Telegram geteilt. Ihr drohten bis zu drei Jahre Haft und 1.800 Dollar Geldstrafe.

Gleichzeitig wächst der Markt. Nach Angaben der Steuerbehörde verdienten ukrainische OnlyFans-Models zwischen 2020 und 2022 zusammen 123 Millionen Dollar: 2020 erwirtschafteten mehr als 5.000 Kreateure rund 8 Millionen Dollar, 2021 stieg der Wert auf über 35 Millionen Dollar, 2022 verdoppelte er sich nahezu auf 80 Millionen Dollar.

2023 meldeten 7.900 Ukrainer über die Plattform Einkünfte von mehr als 131 Millionen Dollar. Die britische Muttergesellschaft Fenix International übermittelte den Behörden Daten Tausender Nutzer, woraufhin viele Models Briefe erhielten – wie ein Bericht über die Folgen des Pornografie-Verbots zeigt, drohten Verfahren wegen Steuerhinterziehung und illegaler Produktion.

Gesetzentwurf zur Entkriminalisierung

Der formelle Entwurf mit der Nummer 12191 zielt auf Entkriminalisierung, nicht auf vollständige Legalisierung. Er ändert Artikel 301 so, dass Erwachsene nicht mehr mit drei bis fünf Jahren Haft bestraft werden, wenn sie einvernehmlich intime Videos herstellen und verbreiten. Strafbar bleiben ausdrücklich Kinderpornografie, Rachepornos, Deepfakes, extreme Inhalte und die Verbreitung an Minderjährige.

Am 23. Dezember 2025 unterstützte der Parlamentsausschuss für Strafverfolgung den Entwurf mit 11 Ja-Stimmen bei 2 Enthaltungen. Zhelezniak sprach von einer konservativeren Fassung, die über ein Jahr in Abstimmung mit dem Ausschuss und einer Arbeitsgruppe vorbereitet worden sei. Am 14. Juli 2026 stimmte das Parlament in erster Lesung mit 231 Stimmen zu. Die auf OnlyFans-Models spezialisierte Anwältin Lesia Mykhalenko nannte dies einen „großen Sieg“ für Reformer.

Der Weg zur zweiten Lesung

  1. Sommer 2023
    Erster Entwurf

    Zhelezniak bringt die Gesetzesänderung ein; 699 Verfahren wegen Pornografie werden bekannt.

  2. 23. Dezember 2025
    Ausschuss stimmt zu

    Der Parlamentsausschuss für Strafverfolgung unterstützt den Entwurf mit 11 Ja-Stimmen.

  3. 14. Juli 2026
    Erste Lesung

    Das Parlament stimmt mit 231 Stimmen für die Entkriminalisierung.

  4. September 2026
    Warten auf zweite Lesung

    Das Wall Street Journal berichtet über den Stand und mögliche Einnahmen von 25 Millionen Dollar jährlich.

Millionen für Drohnen

Das Wall Street Journal berichtete im September 2026, dass Zhelezniak die jährlichen Steuereinnahmen nach einer Entkriminalisierung auf bis zu 25 Millionen Dollar schätzt. Das ist gemessen am gesamten Verteidigungsbedarf von rund 120 Milliarden Dollar pro Jahr gering, würde nach Berechnungen von Abgeordneten aber ausreichen, um etwa 30.000 Drohnen zu finanzieren.

Zhelezniak betont: „Pornografie ist heute vor allem auf Online-Plattformen, und wer dort offiziell verdient, zahlt Steuern. Das sind Millionen Dollar für die Streitkräfte.“ Der Ausschussvorsitzende Danylo Hetmantsev nannte die erste Lesung „einen unbestreitbaren Sieg des gesunden Menschenverstands über offensichtliche Absurdität“.

Tatsächlich haben einzelne Creatorinnen bereits hohe Summen gezahlt. Eine in Medienberichten zitierte Ukrainerin gab an, rund 40 Millionen Hrywnja (etwa 900.000 Dollar) an Steuern abgeführt zu haben – ihrer Rechnung nach der Gegenwert von etwa 2.000 Drohnen oder 100 Militär-Pick-ups.

Korruption und Ausblick

Befürworter argumentieren, die Entkriminalisierung würde auch Korruption eindämmen. Derzeit behandeln bewaffnete Polizisten erwachsene Content-Creator nach Schilderungen aus der Szene teils wie „gefährliche Kriminelle“: Sie dringen in Wohnungen ein, drücken Betroffene zu Boden und verlangen Geständnisse, um entweder Schmiergelder zu erpressen oder Verfahren rasch abzuschließen.

In Odessa erstattete eine Maniküre Anzeige gegen ihre Kundin, weil diese angeblich als Model für OnlyFans und PornHub arbeitete; der Kundin droht nun ein Strafverfahren.

Ob die zweite Lesung im Parlament gelingt und ob die erhofften 25 Millionen Dollar jährlich tatsächlich realisiert werden, ist offen. Der Fall zeigt jedoch, wie die Ukraine angesichts enormer Kriegskosten auch unkonventionelle inländische Einnahmequellen prüft.