Einen Tag nach dem AfD-Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist die ARD-Talkshow „Hart aber fair“ zur hitzigen Konfrontation geworden. CDU-Staatsminister Philipp Amthor platzte der Kragen: „Die ganze Debatte ist doch nicht sinnvoll!“ – ein Ausbruch, der sich gegen Moderator Louis Klamroth richtete.
Die AfD hatte am 6. September mit 43,8 Prozent klar gewonnen, die CDU war auf 17,2 Prozent abgestürzt. Ein Ergebnis, das laut der TV-Kritik der FAZ zur Sendung erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in einem Bundesland auf weit über 40 Prozent brachte. Bereits im Vorfeld hatte das TV-Duell zwischen Schulze und Siegmund für hitzige Momente gesorgt.
In der Runde saßen neben Amthor und AfD-Vize Markus Frohnmaier auch Linken-Chefin Ines Schwerdtner, BSW-Co-Chef Fabio de Masi, „Zeit“-Ressortleiterin Anne Hähnig, SPD-naher Influencer Hannes Kreschel und Aras Badr, der 2015 aus Syrien geflüchtet war.
„Wenn Sie hier so große Töne spucken, dann können Sie ja mal zeigen, ob Sie was können, da bin ich ja mal ganz gespannt!“
Der Auslöser: Amthors Frust über Klamroth
Klamroth konfrontierte Schwerdtner mit einer Umfrage, wonach 65 Prozent der AfD-Wähler in schlechter finanzieller Lage seien – für ihn „eine perfekte Klientel für die Linke“. Schwerdtner entgegnete, die AfD mache „Politik für die Reichen, fürs Establishment“. Immer wieder gerieten Amthor und Schwerdtner aneinander.
Die Linken-Politikerin warf Amthor Arroganz vor, weil er nicht merke, wie wütend die Menschen seien. 58 Prozent hätten der Bundesregierung einen Denkzettel verpasst. Amthor konterte: „Das geht im Schlaraffenland, aber nicht in der Bundesrepublik Deutschland.“ Schwerdtner verwies auf Direktmandate in drei Städten als „rote Leuchttürme in einem blauen Meer“.
Amthor gegen Frohnmaier: Brandmauer-Debatte
Der zentrale Konflikt spielte sich zwischen Amthor und Frohnmaier ab. Der AfD-Politiker betonte, die Hand sei „allen Parteien gegenüber ausgestreckt“ – auch der CDU und Amthor gegenüber, der sich jedoch hinter der „Brandmauer“ verstecke.
Amthor widersprach scharf: „Das hat nichts mit einer Brandmauer zu tun, sondern mit etwas, was in der Politik entscheidend ist, nämlich mit Überzeugung und Prinzipien.“ Die CDU sei gegründet worden in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs für eine Politik der Menschlichkeit. Frohnmaier spottete: „Davon hat die CDU ja so viel.“
Auf Klamroths Frage, ob er sicher sein könne, dass kein CDU-Abgeordneter in Sachsen-Anhalt zur AfD überlaufen werde, antwortete Amthor mit einem entschiedenen „Ja“: „Wir haben eine glasklare Beschlusslage.“ In Richtung Frohnmaier legte er nach und forderte ihn auf, zu zeigen, ob er etwas könne.
Frohnmaiers Provokationen und die Regierungsfrage
Frohnmaier blieb inhaltlich vage. Auf die Frage der „Zeit“-Journalistin Anne Hähnig, ob die AfD regieren oder nur unter bequemen Bedingungen einer absoluten Mehrheit wolle, antwortete er: „Wir wollen nicht um jeden Preis regieren.“
Die AfD wolle nur regieren, wenn sie ihre Punkte umsetzen könne – etwa die „Aufkündigung des Medienstaatsvertrags“. Eine Minderheitsregierung lehnte er ab. Man habe mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund telefoniert und wolle „mit allen relevanten Akteuren“ ins Gespräch kommen; auf Nachfrage, welche das seien, blieb er ausweichend.
Zuvor hatte Frohnmaier den SPD-nahen Influencer Kreschel direkt angegangen: „Sie sind ja nicht nur Aktivist, stimmt es, dass Sie aus SPD-Mitglied sind?“ Kreschel bejahte – in den sozialen Medien warfen Nutzer dem Sender daraufhin vor, die Parteizugehörigkeit verschwiegen zu haben.
Aras Badr und Frohnmaiers umstrittene Einlassungen
Gegen Ende kam Aras Badr zu Wort, der 2015 aus Syrien geflüchtet war und heute in einer Antidiskriminierungsstelle berät. Sichtlich erschöpft schilderte er seine Ängste nach dem Wahlergebnis: Menschen wie er stünden „seit Monaten unter Generalverdacht“.
Ein eingespielter Ausschnitt zeigte AfD-Chefin Alice Weidel mit der Ankündigung, „die Einbürgerungspraxis ab dem Jahr 2015 gründlich unter die Lupe zu nehmen“. Badr nannte dies „Schwachsinn“.
Frohnmaier unterschied daraufhin zwischen legal Zugewanderten, die „Teil dieser Solidargemeinschaft sein möchten“, und Menschen, die illegal hier seien und Straftaten begingen. Seine Äußerung, „Ich komme aus Baden-Württemberg. Bei uns gibt es alle vier Stunden Messerattacken … Es gibt einmal die Woche ein sogenanntes Gang-Rape“, wurde laut Bericht der Welt vom Publikum mit empörten Zwischenrufen quittiert.
BSW als Zünglein an der Waage
Der kurzfristig eingeladene BSW-Co-Vorsitzende Fabio de Masi – seine Partei war mit 5,3 Prozent in den Landtag eingezogen – brachte eine überparteiliche Persönlichkeit als Ministerpräsidenten ins Spiel, nannte aber keinen Namen: „Natürlich haben wir auch Leute im Kopf, aber wenn ich die jetzt hier nenne, sind die verbrannt.“
Schwerdtner warf dem BSW vor, „Steigbügelhalter der AfD“ zu sein. De Masi wiederum forderte Frohnmaier auf: „Sagen Sie doch einfach, dass Sie derzeit nicht regieren wollen.“
Kritik an der Sendung
Focus urteilte, die Vertreter der anderen Parteien hätten sich „lieber gegenseitig zerfleischt“, statt die AfD inhaltlich zu stellen – Frohnmaier habe die Runde „angezündet“ und aus Schadenfreude gegrinst. Die FAZ kritisierte, Klamroth habe bei Amthors selbstkritischem Eingeständnis nicht nachgehakt, welche Fehler die Union gemacht habe.
Amthor selbst gestand Fehler der CDU ein, betonte aber: Daraus folge „nicht eine Resignation“ – die CDU gebe den Menschen eine Stimme, die sich Sorgen um die Demokratie machten. Wie es in Sachsen-Anhalt weitergeht, ist offen: Die AfD stellt 39 Abgeordnete – so viele wie CDU, SPD, Grüne und Linke zusammen.
