VAE-Präsident warnte Netanjahu vor Hamas-Angriff am 7. Oktober
Laut einem Haaretz-Bericht soll der VAE-Präsident Benjamin Netanjahu zehn Tage vor dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 gewarnt haben. Netanjahus Büro nennt das eine „absolute Lüge“, die Opposition fordert Konsequenzen.
Zehn Tage vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 soll der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, den israelischen Premier Benjamin Netanjahu persönlich vor einem geplanten Großangriff gewarnt haben. Das berichtet Bericht der Times of Israel.
Netanjahu habe die Warnung ignoriert und die Sicherheitschefs nicht informiert, heißt es in dem Bericht. Sein Büro wies die Darstellung umgehend als „absolute Lüge“ zurück.
Die Enthüllung trifft den Premier mitten im Wahlkampf vor der Parlamentswahl am 27. Oktober – und liefert seinen Gegnern neue Munition. Naftali Bennett, früherer Ministerpräsident und Chef der Partei B'Yachad, bestätigte den Bericht am Dienstag öffentlich.
Sinwars Drohung vom Erdbeben
Ausgangspunkt war laut Haaretz die verfahrene Lage bei den Geheimverhandlungen über einen Gefangenenaustausch. Hamas-Führer Yahya Sinwar ließ demnach über einen Fatah-Vermittler ausrichten: „Sagt den Israelis, wenn sie nicht vorankommen, bereite ich eine riesige Überraschung für sie vor. Erwartet ein Erdbeben.“
Die Botschaft erreichte Mitte September den israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet. Sicherheitsvertreter berieten, werteten die Hinweise aber nicht als Ankündigung eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs aus dem Gazastreifen.
Weil Israel nicht reagierte, entschloss sich Bin Zayed Ende September zu einem direkten Anruf bei Netanjahu.
Ein 45-Minuten-Telefonat
Das Gespräch soll 45 Minuten gedauert haben und über ein gesichertes Kommunikationssystem geführt worden sein. Bin Zayed warnte Netanjahu, Sinwar plane eine große Operation mit erheblichem Blutvergießen. Der Emir empfahl eine wirtschaftliche Lösung für Gaza.
Netanjahu reagierte laut Bericht gelassen: Israel habe die Lage im Gazastreifen unter Kontrolle, ein Vorstoß der Hamas sei eher im Westjordanland zu erwarten. Nach dem Telefonat informierte Bin Zayed auch CIA-Direktor William Burns – ohne Folgen.
Wenige Tage vor dem Angriff soll zudem Ägyptens Geheimdienstchef Abbas Kamel gewarnt haben. Auch diese Warnung blieb unbeachtet.
Chronologie der Warnungen
Der Verlauf der Warnungen laut Haaretz-Bericht:
Die Chronologie
Sommer 2023
Gespräche über Gefangenenaustausch
Sinwar bricht den Kontakt ab und verschwindet vom Radar der israelischen Sicherheitsbehörden.
Mitte September 2023
Drohung über Fatah-Vermittler
Sinwar lässt ausrichten: „Erwartet ein Erdbeben.“ Die Botschaft erreicht den Schin Bet am 15. September.
Ende September 2023
Anruf aus Abu Dhabi
Bin Zayed warnt Netanjahu in einem 45-minütigen Telefonat vor einem Hamas-Großangriff.
1. Oktober 2023
Keine Entscheidung
Schin-Bet-Chef Ronen Bar schlägt offensives Vorgehen vor, Netanjahu trifft keine Entscheidung.
7. Oktober 2023
Hamas-Überfall
Rund 1.200 Tote und 251 Geiseln – Auslöser des Gaza-Kriegs.
8. September 2026
Haaretz-Enthüllung
Der Bericht erscheint; Bennett bestätigt, Netanjahus Büro dementiert.
Netanjahus Dementi und die Opposition
Das Büro des Premiers nannte den Bericht „eine totale Lüge“. Netanjahu habe im fraglichen Zeitraum nicht mit dem VAE-Präsidenten gesprochen und keine Warnung erhalten.
Naftali Bennett widersprach öffentlich und setzte nach:
„Netanjahu trägt persönliche und direkte Verantwortung für das Versagen, das unter seiner Verantwortung zum Tod Tausender Israelis geführt hat.“
Bennett warf Netanjahu vor, die Warnungen missachtet und damit grob fahrlässig gehandelt zu haben. Auch Gadi Eisenkot, Ex-Generalstabschef und Spitzenkandidat, schrieb: „Netanjahu hat Dutzende Warnungen erhalten und sie alle ignoriert. Er ist untauglich.“
Yair Golan von den Demokraten forderte Konsequenzen: „Netanjahu ist untauglich und illegitim. Sein Platz ist im Gefängnis.“
Wahlkampf vor der Entscheidung
Die Enthüllung fällt in die heiße Phase des Wahlkampfs vor der Parlamentswahl am 27. Oktober. Erst in der Vorwoche hatte Netanjahus Ehefrau Sara mit einer Verschwörungstheorie über Oppositionspolitiker Yair Golan für Empörung gesorgt.
Beim Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 wurden rund 1.200 Menschen getötet und 251 als Geiseln verschleppt. Die israelische Militäroffensive im Gazastreifen hat nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums mehr als 73.600 Menschen das Leben gekostet.
Die Angehörigengruppe October Council stellt die Frage, „wie oft man versucht hat, Israel vor dem Massaker zu wecken“. Ob die Wähler das honorieren, entscheidet sich am 27. Oktober.