Merz sagt Telefonat mit Trump nach AfD-Jubel kurzfristig ab
Bild: KI-generiert
Transatlantik

Merz sagt Telefonat mit Trump nach AfD-Jubel kurzfristig ab

Donald Trump feiert den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt als „MGGA“ und begründet ihn allein mit der Migrationspolitik. Die Bundesregierung verschiebt daraufhin ein für Mittwoch geplantes Telefonat zwischen Kanzler Merz und dem US-Präsidenten – ein neuer Termin fehlt.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Bundeskanzler Friedrich Merz und US-Präsident Donald Trump sollten an diesem Mittwoch telefonieren. Daraus wird nichts: Die Bundesregierung hat das für den 9. September geplante Gespräch kurzfristig verschoben. Als Auslöser gilt Trumps Jubel über den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt.

In der Nacht zum 9. September 2026 schrieb Trump auf Truth Social, die „populistische Partei in Deutschland“ habe „eine wirklich große Nacht“ gehabt. Die AfD nennt er nicht – die Anspielung ist dennoch eindeutig. Am Ende seines Beitrags stehen drei Buchstaben: „MGGA!!!“ – Make Germany Great Again.

Als Begründung führt Trump allein die Migrationspolitik an: Die Deutschen hätten „die absolut schrecklichen Einwanderungsregeln und -vorschriften“ satt, die Bewegung sei „im Aufwind“ und werde „es nicht mehr hinnehmen“. Den AfD-Triumph verkauft er damit als deutschen Ableger seiner eigenen MAGA-Bewegung.

Der Anlass: 43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt

Gewählt wurde am Sonntag, dem 6. September 2026. Die vom Landesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD erreichte laut vorläufigem Endergebnis 43,8 Prozent und mehr als verdoppelte ihr Ergebnis von 2021. Sie stellt 39 der 83 Abgeordneten – die absolute Mehrheit von 42 Sitzen verfehlt sie um drei Mandate. Beobachter werten den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent als Zäsur: Erstmals seit 1945 könnte eine rechtsextreme Partei ein deutsches Bundesland regieren.

Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzte von 37,1 auf 17,2 Prozent – ihr schlechtestes Ergebnis in dem Land überhaupt – und verlor alle Direktmandate. SPD 9,3, Grüne 8,9, Linke 8,6, BSW 5,3 und FDP 2,6 Prozent. Die Wahlbeteiligung stieg von 60,3 auf 77,8 Prozent.

Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt 2026

Prozent der Zweitstimmen nach vorläufigem Endergebnis

Quelle: Vorläufiges Endergebnis der Landtagswahl

Berlin verschiebt das Telefonat kurzfristig

Regierungssprecher Stefan Kornelius bestätigte am Mittwoch, der Termin habe im Kalender des Kanzlers gestanden – die deutsche Seite habe ihn aber verschoben. Ein neuer Termin stehe nicht fest. Terminkollisionen seien nicht der Grund gewesen, n-tv berichtet über die kurzfristige Verschiebung des Telefonats.

Die deutsche Seite hat dieses Gespräch verschoben. Ein neuer Termin wurde bisher nicht vereinbart.
Stefan Kornelius, Sprecher der Bundesregierung

Inhaltlich sollte es um den 25. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 gehen. Kornelius verlas dazu eine Erklärung des Kanzlers: „Wir wussten, die Terrorangriffe von New York, Washington und Pennsylvania galten auch unserer Lebensweise, unserer Freiheit und unserer Demokratie.“

Auf die Frage nach einem Zusammenhang mit dem AfD-Post antwortete der Sprecher ausweichend. Merz habe in „abstrakter Weise“ schon häufig klargestellt, dass Eingriffe oder Kommentierungen der deutschen Innenpolitik „besonders zu Wahlen“ für ihn nicht infrage kämen. Wegen der zeitlichen Nähe wird die Absage in Berlin und in den internationalen Medien dennoch als Reaktion auf Trump verstanden, wie der Liveblog des Guardian zur Absage zeigt.

Scharfe Kritik aus der SPD

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, nannte Trumps Gratulation im RTL/ntv-„Frühstart“ „extremst befremdlich“. Die Kritik richtet sich damit nicht gegen die AfD, sondern gegen das Weiße Haus – und sie kommt aus der Regierungskoalition.

Da muss mal Tacheles geredet werden. Diese Einmischung, die geht nicht. Ich glaube, das können wir uns jedenfalls als Bundesregierung nicht gefallen lassen.
Dirk Wiese, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion

Wiese spielte den Spieß um: Er möge sich „gar nicht ausmalen“, wie Trump reagieren würde, wenn die Bundesregierung einen Sieg bei einer US-Gouverneurswahl so feiern würde – „dann wäre Truth Social am Beben“.

Auch der Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung, Metin Hakverdi (SPD), wurde deutlich: „Wir Deutschen entscheiden selbst, wie wir mit Migration umgehen, und auch, wen wir wählen. Ratschläge aus dem Weißen Haus brauchen wir dabei nicht.“ Am selben Tag warf Merz im Bundestag der AfD vor, „Remigration“ sei ein Synonym für „ethnische Säuberungen“.

MAGA und AfD: eine gewachsene Achse

Der „MGGA“-Beitrag war Trumps zweite Einmischung binnen zwei Tagen. In der Nacht zum Montag, dem 7. September, hatte er die Abbildung einer Hochrechnung von 19.57 Uhr geteilt, die die AfD mit 44,4 Prozent als Siegerin zeigte – damals noch ohne einen einzigen Kommentar zum Bild.

Aus dem MAGA-Umfeld hatten zuvor schon andere gratuliert: Elon Musk kommentierte einen Beitrag der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel mit „Gut gemacht!“, der frühere US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, nannte das Ergebnis „einen großen Sieg und einen neuen Tag in Deutschland“, und die republikanische Abgeordnete Anna Paulina Luna freute sich für die „friends“ von der AfD.

Von der Wahl zur abgesagten Verabredung

  1. 6. September 2026
    AfD gewinnt Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent

    Die Partei stellt 39 von 83 Abgeordneten, die absolute Mehrheit von 42 Sitzen verfehlt sie um drei Mandate. Die CDU stürzt auf 17,2 Prozent.

  2. Nacht zum 7. September 2026
    Trump teilt eine Hochrechnung – kommentarlos

    Auf Truth Social erscheint die Abbildung einer Hochrechnung von 19.57 Uhr, die die AfD mit 44,4 Prozent führt.

  3. 7. September 2026
    Musk und Grenell gratulieren

    Elon Musk kommentiert einen Weidel-Beitrag mit „Gut gemacht!“, Richard Grenell spricht auf X von einem „neuen Tag in Deutschland“.

  4. Nacht zum 9. September 2026
    Der „MGGA!!!“-Post erscheint

    US-Ortszeit Dienstag, 8. September: Trump feiert die „populistische Partei in Deutschland“ und nennt als Grund die Migrationspolitik.

  5. 9. September 2026
    Berlin verschiebt das Merz-Trump-Telefonat

    Das für diesen Tag geplante Gespräch zum 25. Jahrestag des 11. September wird abgesagt, ein neuer Termin fehlt.

  6. 9. September 2026
    SPD kritisiert, Merz rechnet mit der AfD ab

    Dirk Wiese und Metin Hakverdi weisen die Einmischung zurück; Merz nennt „Remigration“ im Bundestag ein Synonym für „ethnische Säuberungen“.

Bemerkenswert ist, dass die AfD selbst auf Abstand geht. Co-Parteichef Tino Chrupalla hat Trump „Wildwest-Methoden“ vorgeworfen – nach der Festnahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro und den Drohungen gegen Grönland – und sich mit Blick auf den Iran-Krieg „maßlos enttäuscht“ von ihm gezeigt.

Die AfD-Spitze distanziert sich laut Politico von der US-Regierung, weil Trumps Unpopularität in Deutschland zur Wahlbürde werden könnte. Die nächste Wahl steht am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern an, wo der AfD Prognosen zufolge ebenfalls ein starkes Ergebnis bevorsteht.

Merz unter Druck und die nächsten Termine

Dass Trump nun den schärfsten Gegner des Kanzlers feiert, während Merz in der größten Krise seiner Amtszeit steckt, trifft die Regierung doppelt. Der Kolumnist Chris Bryant sieht Deutschland bei Bloomberg „in a very dark place“ und Merz der Aufgabe nicht gewachsen; die Financial Times nennt das AfD-Ergebnis ein „vernichtendes Urteil über das Versagen der politischen Mitte“ und führt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst bereits als „man to watch“.

Für Merz' internationalen Investorengipfel am 20. Oktober an der Berliner ESMT sind solche Schlagzeilen brisant. Am 22. September wird der Kanzler zur UN-Generalversammlung in New York erwartet, wo auch Trump sprechen dürfte und ein bilaterales Treffen am Rande möglich wäre. Ein neuer Termin für das verschobene Telefonat ist bislang nicht vereinbart – offen ist, ob es vor der New-York-Reise überhaupt noch dazu kommt.

Umfrage
Lädt