Zwölf Tage nach dem Tod von König Harald V. erreicht Norwegens Monarchie einen Wert, den der Sender TV 2 in 25 Jahren nicht gemessen hat: 77,6 Prozent der Befragten mit einer Meinung halten die Monarchie für die beste Staatsform des Landes. Nur 22,4 Prozent wollen die Republik.
Der Sender stellt die Frage, seit Königin Mette-Marit (53) in die Königsfamilie kam – höher lag der Wert nie. Seit dem 28. August regiert Haakon VIII. (53), sein Vater starb an diesem Morgen. Die Umfrage fällt in die schwerste Phase des Hauses: Marius Borg Høiby (29), der Sohn der Königin, ist verurteilt, ihr Name steht in den Epstein-Akten, eine Prinzessin brach mit dem Palast.
TV-2-Königshausexperte Ole-Jørgen Schulsrud-Hansen bremst die Euphorie. „Gerade jetzt werden wir von den Gefühlen für König Harald und den Glückwünschen an König Haakon gelenkt“, sagt er – und warnt davor, zu viel in die Werte hineinzulesen.
Nur fünf Prozent ohne Meinung
Das Institut Verian interviewte für die Erhebung vom 2. bis 8. September 985 Personen in einer landesrepräsentativen Stichprobe; veröffentlicht wurde sie am 10. September, einen Tag nach Haralds Begräbnis. Die Ergebnisse der TV-2-Umfrage nach dem Thronwechsel fallen damit mitten in die Trauerwochen des Landes.
77,6 zu 22,4 – nur fünf Prozent der Befragten gaben überhaupt keine Meinung an. Schulsrud-Hansen zieht einen historischen Vergleich: „Wir beginnen uns ja der Zustimmung zu nähern, die Prinz Carl 1905 erhielt, um König von Norwegen zu werden.“ Der dänische Prinz Carl war 1905 mit 78,9 Prozent zum König gewählt worden und regierte als Haakon VII.
Staatsform: So antworteten 985 Norweger
Anteil der Befragten mit einer Meinung: 77,6 zu 22,4 Prozent; fünf Prozent äußerten keine Meinung
Von 2,9 auf 18,9 Prozent
Verian erhebt für TV 2 auch, ob die Monarchie ihre Stellung gestärkt oder geschwächt hat. 2024, im Umfeld der Festnahme von Marius Borg Høiby, sahen nur 2,9 Prozent der Befragten sie gestärkt. In der neuen Erhebung sind es 18,9 Prozent.
Das Plus von rund 16 Prozentpunkten gilt in Norwegen als der eigentliche Beleg dafür, dass die jüngsten Skandale den Rückhalt nicht dauerhaft beschädigt haben. 18,9 Prozent klingen niedrig – gemessen an den 2,9 Prozent von 2024 ist es ein Sprung.
„Die Monarchie hat ihre Stellung gestärkt“
Anteil der Befragten, die eine Stärkung der Monarchie sehen
Der Skandal-Hintergrund
In US-Gerichtsakten zum Umfeld des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein taucht der Name der Königin hunderte Male auf; dokumentiert ist ein jahrelanger, teils sehr vertrauter E-Mail-Austausch. 2013 übernachtete sie auf einem Anwesen Epsteins in Florida – obwohl dieser wegen Sexualdelikten mit Minderjährigen bereits verurteilt war.
Im Februar 2026 entschuldigte sich Mette-Marit öffentlich für ihr schlechtes Urteilsvermögen. Damals fiel die Zustimmung zur Monarchie auf 60 Prozent, den tiefsten Wert der NRK-Reihe; Mette-Marits Tränen-Interview und die abgestürzten Umfragewerte liegen nur wenige Monate zurück.
Marius Borg Høiby wurde im Juni 2026 nach einem Prozess mit 40 Anklagepunkten, darunter zwei Vergewaltigungen und die Misshandlung einer Ex-Freundin, zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Seit dem 13. Juli verbringt er die Untersuchungshaft mit elektronischer Fußfessel auf Gut Skaugum, dem Zuhause der Königsfamilie.
Am 10. September – am Tag der Umfrageveröffentlichung – ließ ein Gericht neue Verhandlungen im Fall von Marius Borg Høiby zu. Das Berufungsgericht in Oslo rollt das Verfahren in wesentlichen Punkten neu auf und prüft Schuldfrage wie Strafmaß. Einen Termin gibt es noch nicht.
Dazu kommt der Bruch mit Prinzessin Märtha Louise: Ihre Hochzeit mit dem US-Amerikaner Durek Verrett hatte zwei Jahre zuvor für eine Glaubwürdigkeitskrise gesorgt, weil das Paar die Vermarktung exklusiv an „Hello!“ und Netflix gab und die norwegische Presse ausschloss.
Von den Epstein-Akten zum Rekordwert
- Februar 2026Rekordtief nach den Epstein-Dokumenten
Mette-Marit entschuldigt sich für ihr schlechtes Urteilsvermögen. Eine NRK-Umfrage misst nur noch 60 Prozent Zustimmung zur Monarchie.
- Mai 202664 Prozent – ein Drittel will die Abschaffung
Norstat für NRK: Laut Nettavisen meint ein Drittel der Norweger, die Monarchie solle nach Harald abgeschafft werden.
- Juni 2026Vier Jahre Haft für Marius Borg Høiby
Nach 40 Anklagepunkten, darunter zwei Vergewaltigungen, verurteilt das Gericht den Sohn der Königin. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.
- 13. Juli 2026Haft mit Fußfessel auf Gut Skaugum
Høiby darf die Untersuchungshaft im Zuhause der Königsfamilie verbringen.
- 28. August 2026König Harald V. stirbt mit 89 Jahren
Der König stirbt um 06:35 Uhr im Osloer Rikshospitalet. In derselben Minute wird Haakon als Haakon VIII. König.
- 9. September 2026Staatsbegräbnis in Oslo
Norwegen nimmt Abschied; Høiby darf teilnehmen, danach werden die Flaggen wieder aufgezogen.
- 10. September 2026Rekordwert – und die Berufung
TV 2 veröffentlicht die Umfrage, am selben Tag wird Høibys Berufung zugelassen.
Vertrauen in Haakon – und eine Warnung
Der schwedische Königshausexperte Johan T. Lindwall, Chefredakteur des Magazins „Svensk Damtidning“, nennt zwei Gründe für den Zuspruch: die Trauer um König Harald, den er einen Landesvater nennt, und das Vertrauen in den neuen König.
„Selbst als es am heftigsten um Mette-Marit und vor allem um Marius blies, stand König Haakon da. Er ist nicht weggelaufen. Er hat die Fragen der Medien beantwortet und über die Familie gesprochen.“
Lindwall rechnet nicht damit, dass die Werte bleiben. „Ich glaube, es wird Herausforderungen geben. Zum Beispiel, wenn Marius am Ende ins Gefängnis muss. Wie soll man damit umgehen, dass der Sohn der Königin im Gefängnis sitzt? Das wird problematisch“, sagt er. Dem neuen König traut er dennoch zu, die Aufgabe „ganz hervorragend“ zu meistern.
Die eigentliche Prüfung kommt mit dem Alltag
Die TV-2-Erhebung ist nicht die einzige Messung nach Haralds Tod. Norstat ermittelte für NRK direkt nach dem Tod des Königs 72 Prozent Zustimmung – acht Punkte mehr als im Mai (64 Prozent) und zwölf über dem Rekordtief vom Februar (60 Prozent). Der Journalist Harald Stanghelle nennt Schwankungen bei Skandalen normal.
Auch eine am 3. September veröffentlichte Nettavisen-Umfrage zeigte ein Plus von mehr als sieben Prozentpunkten binnen vier Monaten. Nettavisen-Königshausexpertin Tove Taalesen sagt, sie würde das Königshaus noch nicht für gesund erklären – die eigentliche Prüfung für Haakon komme mit dem Alltag.
Die neue offizielle Königsfamilie besteht aus Haakon VIII., Königin Mette-Marit und Kronprinzessin Ingrid Alexandra (22). Am 1. September legte Haakon im Storting seinen Eid auf die Verfassung ab. Den Thronwechsel erlebte Norwegen in einem einzigen Moment: Haralds Tod mit 89 Jahren und Haakons Thronübernahme folgten in derselben Minute aufeinander.
Offen ist vor allem ein Termin: Wann das Berufungsgericht in Oslo den Fall Marius Borg Høiby neu verhandelt, ist nicht bekannt. Genau daran hängt die nächste Antwort auf die Frage, ob der Rekordwert von 77,6 Prozent trägt – oder nur die Trauer um König Harald war.
