Olivia Oras (27) wollte sich Fett absaugen lassen. Am 31. August 2026 verlor sie in der privaten Helsinkier Schönheitsklinik Plastic Surgery Center am Aleksanterinkatu während der Betäubung das Bewusstsein. Drei Tage später war sie tot.
Oras starb am 3. September 2026 im Universitätskrankenhaus Helsinki (HUS), wo sie mehrere Tage behandelt worden war. Ihre Eltern, die Künstlerin Johanna Oras und der Kunsthändler Reijo Oras, machen die Privatklinik für den Tod ihrer Tochter verantwortlich.
Bei der Polizei Helsinki liegt seit dem 6. September die Anzeige der Eltern und ihr Ermittlungsantrag vor. Ermittelt wird wegen schwerer fahrlässiger Tötung (finnisch: törkeä kuolemantuottamus) – darauf steht in Finnland eine Freiheitsstrafe von mindestens vier Monaten und höchstens sechs Jahren.
Die Polizei verdächtigt Ärzte – und schweigt zu Details
Ermittlungsleiter Kriminalkommissar Juha Piippo bestätigte am 11. September 2026, dass eine oder mehrere Personen aus dem Ärztestand der Klinik verdächtigt werden. Ob jemand festgenommen, in Haft genommen oder vernommen wurde, sagte er nicht – ebenso wenig zur Zahl der Verdächtigen und zum genauen Ablauf. Die Voruntersuchung stehe noch am Anfang.
„Die Ermittlungen sind in Gang gekommen. Die Voruntersuchung läuft langsamer als üblich, weil für eine besondere Hausdurchsuchung eine richterliche Genehmigung eingeholt werden muss.“
Warum das Verfahren langsamer läuft als sonst, hat einen konkreten Grund: Am 10. September durchsuchten Ermittler die Klinikräume in einer besonderen Hausdurchsuchung. Eine solche ist nach finnischem Recht nötig, wenn in den Räumen Material vermutet wird, das einem Beschlagnahmeverbot unterliegt – etwa der ärztlichen Schweigepflicht unterliegende Unterlagen. Piippo sagte zugleich: „Wir haben noch viele Untersuchungshandlungen vor uns.“
Von der Betäubung bis zur Schließung: zwei Wochen
Der Fall verdichtet sich innerhalb von zwei Wochen vom geplanten Eingriff zum Behördenfall.
Der Fall in der Chronologie
- 31. August 2026Betäubung in der Privatklinik
Olivia Oras verliert in der Klinik Plastic Surgery Center am Aleksanterinkatu vor der geplanten Fettabsaugung das Bewusstsein.
- 3. September 2026Tod im Universitätskrankenhaus Helsinki
Oras stirbt nach mehreren Tagen Krankenhausbehandlung im Alter von 27 Jahren.
- 6. September 2026Anzeige der Eltern
Die Familie reicht bei der Polizei Helsinki einen förmlichen Ermittlungsantrag wegen schwerer fahrlässiger Tötung ein.
- 9. September 2026Aufsichtsbehörde ordnet Stilllegung an
Nach einer unangekündigten Inspektion untersagt die Behörde LVV die Tätigkeit zweier Kliniken am Aleksanterinkatu.
- 10. September 2026Besondere Hausdurchsuchung
Die Polizei durchsucht die Klinikräume; dafür war eine richterliche Genehmigung nötig.
- 11. September 2026Verdacht gegen Ärzte bestätigt
Ermittlungsleiter Piippo bestätigt, dass eine oder mehrere Personen aus dem Ärztestand verdächtigt werden.
- 18. September 2026Schriftliche Entscheidung erwartet
Die Aufsichtsbehörde LVV will Einzelheiten zur Schließung der Klinik bekannt geben.
Eine Klinik mit vielen Beschwerden
Plastic Surgery Center bezeichnet sich selbst als größte plastisch-chirurgische Klinik Finnlands und betreibt neben zwei Standorten in Helsinki neun weitere. Hinter ihr steht die Medical JS Innovations Oy, deren einziges ordentliches Mitglied der Gründer und verantwortliche Klinikarzt Karl Johan Svedjeholm ist.
Svedjeholm ist im Register JulkiTerhikki nicht als Facharzt für plastische Chirurgie geführt, sondern als Allgemeinmediziner. Laut MTV Uutiset und Apu hat er dennoch anspruchsvolle Eingriffe wie Fettabsaugungen und Brazilian Butt Lifts durchgeführt.
Kritik gibt es seit Jahren: 2020 erstattete der finnische Verband der plastischen Chirurgen Anzeige gegen das Unternehmen – eine Voruntersuchung folgte nicht. 2023 berichtete Yle MOT in der Dokumentation „Kauneusleikkausten ruma puoli“ über Vorwürfe früherer Mitarbeiter und Patienten; demnach seien Einwegschläuche für Fettabsaugungen mit Spülmittel gewaschen und wiederverwendet worden. Valvira erteilte Svedjeholm eine Rüge.
2024 traten drei verantwortliche Chefärzte der Kette zurück und reichten eine umfangreiche Beschwerde bei Valvira ein. Beim Verbraucheramt KKV gingen allein im ersten Halbjahr 2026 mindestens fünf Beschwerden zu Plastic Surgery Center ein; in einigen Fällen wurde ein Behandlungsfehler vermutet.
Die Aufsichtsbehörde stoppt zwei Kliniken
Am Mittwoch, dem 9. September 2026, führte die finnische Aufsichtsbehörde für Soziales und Gesundheit (LVV) eine unangekündigte Inspektion am Aleksanterinkatu durch; laut Yle MOT waren zeitgleich Polizisten vor Ort. Die Behörde stellte fest, dass die Patientensicherheit im Betrieb schwerwiegend gefährdet sei, und ordnete mündlich die sofortige Einstellung der Tätigkeit an.
Die Maßnahme trifft zwei Kliniken unter derselben Adresse: Plastic Surgery Center Helsinki Oy und Plastic Surgery Center Tampere Oy. Einzelheiten will die Behörde erst mit der schriftlichen Entscheidung am 18. September bekannt geben.
„Wir können die Aussetzung derzeit nicht näher erläutern. Weitere Informationen geben wir bekannt, sobald die schriftliche Entscheidung vorliegt.“
Für die Behörde ist es kein Einzelfall: In diesem Jahr hat LVV die Tätigkeit von drei Kliniken für ästhetische Gesundheitsdienstleistungen ausgesetzt – im April die Klinik der Nordicshape Oy in Espoo, im Juli Nordicshape Helsinki Oy und im August die Lääkäriklinikka Estetic Oy. Im Juli forderten LVV, Fimea, Tukes und STUK in einer gemeinsamen Mitteilung alle Anbieter ästhetischer Leistungen auf, ihre gesetzlichen Pflichten einzuhalten.
Der Transport kam später – eine Beschwerde läuft
Ein eigener Strang der Berichterstattung betrifft den Weg ins Krankenhaus: Nach Informationen von Yle MOT wurde aus der Klinik der Notruf gewählt, doch der Transport von Oras verzögerte sich, weil der eingetroffene Rettungswagen zunächst keine Genehmigung des HUS erhielt, den Patienten zu übernehmen. Hintergrund war ein Streit darüber, ob der Transport in die Zuständigkeit des HUS fällt.
HUS äußerte sich nicht zum konkreten Fall, erklärte aber allgemein, private Krankenhäuser seien selbst für die Behandlung ihrer Notfälle verantwortlich. Markku Kuisma, Linienleiter des Rettungsdienstes beim HUS, verwies darauf, dass Krankentransport und Notfallrettung zwei verschiedene Dinge seien: Der Krankentransport übernehme Verlegungen von Patienten des HUS, der Stadt Helsinki und der regionalen Wohlfahrtsgebiete, die Notfallrettung sei für Notfälle im HUS-Gebiet zuständig.
Zu dem Vorfall wurde eine Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde LVV eingereicht; sie soll prüfen, ob die Verzögerung die Patientensicherheit gefährdet hat.
Wer war Olivia Oras
Olivia Oras wurde in Finnland als Teenager bekannt: Sie eröffnete mit 14 Jahren ein Instagram-Konto und gewann in ihren Teenagerjahren Tausende Follower – zeitweise war von bis zu 40.000 Followern die Rede. 2016/2017 war sie die Hauptfigur der Dokumentation „The Perfect Selfie“, die rund eineinhalb Jahre ihr Leben und ihr Verhältnis zu sozialen Medien begleitete.
Danach zog sie sich zeitweise aus der Öffentlichkeit zurück und ging nach Amsterdam, später kehrte sie nach Helsinki zurück. 2022 absolvierte sie nach eigenen Angaben eine einmonatige Behandlung wegen einer Suchterkrankung, über die sie 2024 im Gespräch mit Ilta-Sanomat und Me Naiset berichtete. Zuletzt gründete sie die Organisation Oras Respiratus Ry für die Lungenerkrankungsforschung und arbeitete als Head of Community beim KI-Startup Ikon AI.
Nach ihrem Tod legten Menschen vor der Klinik am Aleksanterinkatu Blumen und Grabkerzen nieder, auf einer Kerze stand „Lepää rauhassa“ (Ruhe in Frieden). Ihre Mutter Johanna Oras veröffentlichte eine Trauerbotschaft mit einem gerahmten Foto ihrer Tochter und bat darum, Erinnerungen unter den Hashtags #ripoliviaoras und #oliviaoras zu teilen.
„Erinnern wir uns an sie auf der Plattform, die sie liebte.“
Ob tatsächlich ein Behandlungsfehler vorlag und woran Olivia Oras starb, ist bislang nicht geklärt; die Polizei hat keine Angaben zur Todesursache gemacht. Unklar ist auch, ob Oras selbst Patientin von Karl Johan Svedjeholm war oder von einem anderen Arzt der Klinik behandelt wurde. Die nächste belastbare Antwort soll am 18. September kommen, wenn die Aufsichtsbehörde LVV ihre schriftliche Verfügung zur Schließung der Klinik vorlegt.
