Feuer am Hafendamm, panisch fliehende Menschen auf der Uferpromenade, ein abgebrochenes Konzert: Ukrainische Seedrohnen haben am Abend des 9. September den russischen Schwarzmeerkurort Sotschi getroffen. Die unbemannten Überwasserfahrzeuge schlugen nach Angaben der regionalen Behörden im Hafenbereich und an der Strandpromenade der Stadt in der Region Krasnodar ein.
Der Angriff begann gegen 21 Uhr Ortszeit und dauerte über mehrere Explosionen hinweg an, wie der Kyiv Independent über den brennenden Hafen. Am Hafendamm brach ein Feuer aus, Teile der Strandinfrastruktur wurden beschädigt. Moskau und die Verwaltung der Region Krasnodar bezeichnen den Schlag als gezielten Angriff auf einen zivilen Kurort.
Die Zahl der Verletzten steigt von acht auf 28
Zunächst meldeten die Behörden der Region Krasnodar acht Verletzte. Am 10. September korrigierte der operative Stab der Region die Zahl nach oben: 28 Verletzte, darunter zwei Kinder. Alle Verletzten seien medizinisch versorgt worden, drei Erwachsene und ein Kind hätten im Krankenhaus bleiben müssen.
Verletzte nach Angaben der Region Krasnodar
Erstmeldung am 9. September, aktualisierte Zahl am 10. September
Die Liveberichterstattung des britischen Senders Sky News nannte unter Berufung auf die russische Staatsagentur Tass abweichend 28 Verletzte, darunter vier Kinder. Sämtliche Opferzahlen stammen von russischen Behörden; unabhängig überprüfen lassen sie sich nicht.
Panik beim Konzert an der Promenade
Der Angriff fiel mit einem Konzert der russischen Sängerin Tatjana Bulanowa im Festivalny-Haus der Kultur direkt an der Uferpromenade zusammen. Der Auftritt wurde abgebrochen, das Publikum evakuiert. Laut dem russischen Oppositionskanal Astra ereignete sich die Explosion nahe dem Restaurant „Tschernomorskaja Sharownja“, das teilweise zerstört worden sei.
In Meduzas Schilderungen der Panik an der Uferpromenade berichten Augenzeugen, dass sich viele Menschen trotz Warnung zunächst nicht in Sicherheit brachten. Erst als Explosionen in unmittelbarer Nähe zu hören waren, sei Panik ausgebrochen, Menschen seien gestürzt, Kinder hätten geschrien. Schutzräume habe es nicht gegeben.
Ermittler eröffnen Verfahren wegen Terroranschlags
Das russische Untersuchungskomitee eröffnete ein Strafverfahren wegen „Terroranschlags“ nach Artikel 205 des russischen Strafgesetzbuchs. Die Ermittler werfen der Ukraine vor, „bewusst“ die Ferienregion ins Visier genommen zu haben.
Sotschis Bürgermeister Andrei Proschunin rief die Bewohner nach dem Angriff dazu auf, Schutz zu suchen und Ruhe zu bewahren. Einen Tag später erklärte er, die Schäden seien gering – nötig seien Reparaturen an Verglasung und Fassadenelementen.
„Wir müssen die Verglasung und die Fassadenelemente reparieren. Ich bin sicher, dass wir das schnell hinbekommen.“
Zugleich ordnete Proschunin die vorübergehende Sperrung der Strände von Majak bis Primorski an. Die Beschränkungen sollen erst enden, wenn die Folgen vollständig beseitigt und alle nötigen Arbeiten abgeschlossen sind; der städtische Operationsstab arbeitet nach seinen Angaben rund um die Uhr.
Sotschi liegt 650 Kilometer von der Grenze entfernt
Sotschi gilt als Russlands „zweite Hauptstadt“ und „Riviera des Schwarzen Meeres“. Die Stadt liegt rund 650 bis 700 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, ist Badeort und Winterurlaubsziel der russischen Elite und beherbergt eine offizielle Sommerresidenz von Präsident Wladimir Putin.
Der Schlag vom 9. September war nicht der erste auf Sotschi. Rund eine Woche zuvor, in der Nacht zum 3. September, flog die Ukraine mehrere Angriffswellen gegen die Stadt, bei denen eine Seedrohne ein russisches Marineschiff beschädigt haben soll. In den frühen Morgenstunden des 4. September brannte nahe der Stadt ein Öldepot.
Die Angriffe auf Sotschi im Überblick
- 2./3. September 2026Mehrere Angriffswellen auf Sotschi
Eine Seedrohne beschädigt Berichten zufolge ein russisches Marineschiff.
- 4. September 2026Brand in einem Öldepot nahe der Stadt
Nach Drohnenangriffen brennt ein Treibstofflager; die Flammen lodern Tage später erneut auf.
- 9. September 2026, ca. 21 UhrSeedrohnen treffen Hafen und Uferpromenade
Feuer am Hafendamm; das Konzert von Tatjana Bulanowa im Festivalny-Haus der Kultur wird abgebrochen und das Publikum evakuiert.
- 9. September 2026Behörden melden acht Verletzte
Sotschis Bürgermeister Proschunin ruft die Bevölkerung auf, Schutz zu suchen und Ruhe zu bewahren.
- 10. September 2026Zahl der Verletzten steigt auf 28
Der operative Stab der Region Krasnodar nennt 28 Verletzte, darunter zwei Kinder.
- 10. September 2026Verfahren wegen Terroranschlags
Das russische Untersuchungskomitee eröffnet ein Strafverfahren nach Artikel 205.
Kiew übernimmt keine Verantwortung
Eine öffentliche Übernahme der Verantwortung durch Kiew ist in den vorliegenden Berichten nicht dokumentiert. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach am 10. September lediglich allgemein von Angriffen auf „acht Infrastrukturobjekte“ in Russland, ohne Sotschi zu nennen. Einen Tag später bestätigte der ukrainische Generalstab Treffer auf den Hafen Machatschkala und drei Schiffe.
Unklar bleibt damit nicht nur die genaue Opferzahl – acht oder 28 Verletzte, zwei oder vier Kinder. Offen ist auch, ob der Angriff der Hafeninfrastruktur oder dem Promenadenbereich galt und ob Kiew den Schlag auf Sotschi offiziell beansprucht. Bis dahin stützt sich jede Angabe zu Schäden und Opfern allein auf russische Behörden.
