288.579 Deutsche verließen 2025 das Land – neuer Höchststand
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Wanderungsbilanz

288.579 Deutsche verließen 2025 das Land – neuer Höchststand

So viele Deutsche wie nie zuvor haben 2025 das Land verlassen: 288.579 Fortzüge meldet das Statistische Bundesamt. Ein FDP-Abgeordneter fordert nun einen radikalen Kurswechsel – doch die amtliche Statistik sagt nichts über die Motive.

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288.579 Deutsche haben im Jahr 2025 ihr Land verlassen – der höchste Wert, den das Statistische Bundesamt je für Fortzüge deutscher Staatsangehöriger gemeldet hat. Der bisherige Höchststand von 281.000 aus dem Jahr 2016 ist damit gefallen.

Auf diese Zahlen stützt sich ein Beitrag, den FOCUS online am 12. September 2026 veröffentlicht hat: der Gastbeitrag „Deutschland vergrault seine Leistungsträger“. Autor ist der Historiker und Soziologe Rainer Zitelmann, der Text war eine Woche zuvor bereits beim Onlinemagazin The European erschienen.

Der 208 Seiten starke Band ist am 8. September 2026 im Deutschen Wirtschaftsbuch Verlag erschienen; verfasst hat ihn Alexander Steffen, FDP-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen. Der vollständige Titel lautet: „Goodbye Deutschland. Warum die Falschen kommen und die Richtigen gehen – und weshalb immer mehr Deutsche auswandern“.

Erfolg gilt hier als Anfangsverdacht

Zitelmann vertritt die These, Deutschland verliere gezielt seine Leistungsträger, weil es Erfolg misstrauisch beäuge, Leistung überbesteuere und Unternehmer wie Gegner behandle. Als Kronzeugen führt er Steffen an, dessen Buch er als Appell zum Bleiben liest.

Steffen hat Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen studiert, war wissenschaftlicher Mitarbeiter mehrerer FDP-Landtagsabgeordneter und bis 2026 im Projektmanagement der Mitsubishi UFJ Financial Group tätig. Seit dem 16. Juli 2026 sitzt er für die FDP im Landtag von Nordrhein-Westfalen, den Kreisverband Ratingen führt er seit 2020.

Seine Kernthese lautet: „Die Richtigen gehen, die Falschen kommen.“ Gemeint sei damit ausdrücklich nicht Herkunft oder Pass, sondern die Frage, ob jemand „hier etwas aufbauen“ oder „nur abschöpfen“ wolle. Über den Umgang mit Erfolg sagt Steffen:

Anderswo ist Erfolg eine Einladung, bei uns ein Anfangsverdacht.
Alexander Steffen, FDP-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen

Die Zahlen hinter der Debatte

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck“ kommt zu drastischeren Werten: 21 Prozent der 14- bis 29-Jährigen planen konkret, Deutschland zu verlassen, 41 Prozent können sich das grundsätzlich vorstellen. In der Gesamtbevölkerung erwägt jeder Fünfte eine Auswanderung.

Für die Studie wurden 2.012 junge Menschen zwischen dem 9. Januar und dem 9. Februar 2026 befragt. Herausgeber ist der selbstständige Jugendforscher Simon Schnetzer, Co-Autoren sind Kilian Hampel vom Future of Work Lab der Universität Konstanz und Nina Pollack von der Universität Potsdam.

Hampel zufolge brauchen junge Menschen verlässliche Perspektiven für Arbeit, Wohnen und finanzielle Sicherheit. Pollack warnt vor einem leisen Protest der Jugend, der langfristig Wirtschaft, Regionen und soziale Sicherungssysteme gefährden könne.

Bei der amtlichen Statistik nennt Zitelmann für 2024 genau 269.986 Fortzüge von Deutschen und spricht von einer seit Jahren stabilen „guten Viertelmillion“. Die Wanderungszahlen des Statistischen Bundesamtes weisen für 2025 einen neuen Höchststand aus. Der Wanderungsverlust lag bei 96.689 Personen, nach 80.879 im Jahr 2024. Hauptzielländer waren die Schweiz (23.000), Österreich (14.000) und Spanien (10.000).

Fortzüge deutscher Staatsangehöriger

Der Wert von 2025 übertrifft den bisherigen Rekord von 2016

Quelle: Statistisches Bundesamt

Neid, Bürokratie und ein Druckfehler

Für sein Buch hat Steffen rund 20 junge Ausgewanderte und Auswanderungswillige interviewt und dazu Zahlen, Studien und Analysen ausgewertet. Auslöser war laut eigener Aussage eine Reise: Bei einem Abendessen in Dubai habe er gemerkt, dass um ihn herum „gefühlt sehr viele junge Deutsche“ saßen, während in Deutschland eine depressive Stimmung geherrscht habe.

  • Geld allein: Steffen hält den Verweis auf das Gehalt für „zu einfach“. Geld spiele eine Rolle, die Auswanderung sei aber auch eine kulturelle Entscheidung.
  • Neid und Misstrauen: Viele Unternehmer berichteten, sobald jemand Erfolg habe, wirke das sofort verdächtig.
  • Bürokratie und Sanktionen: Ein Hamburger Unternehmer will nach Doha auswandern, nachdem er eine Strafe erhielt, weil eines von 5.000 Produkten wegen eines Druckfehlers falsch gekennzeichnet war.
  • Wertschätzung und Perspektive: Ein über ein Praktikum in die Schweiz gelangter „Tobias“ bekommt für fünf Wochenstunden mehr das doppelte Nettogehalt plus Wohnung.

Zitelmann stützt die Deutung mit einer Ipsos-MORI-Befragung in 13 Ländern, die er selbst in Auftrag gegeben hat: Danach ist der Sozialneid nur in Frankreich höher als in Deutschland, während Polen deutlich weniger Missgunst kennt.

Steffen zieht daraus einen Schluss, der über die Steuerfrage hinausgeht:

Wir verlieren im wahrsten Sinne des Wortes diejenigen, die das Land tragen.
Alexander Steffen, FDP-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen

Ein Appell zum Bleiben und der Spott des Kanzlers

Steffen fordert einen „dramatischen Politikwechsel – angefangen bei der Steuerpolitik“. Das Rentensystem kritisiert er scharf: Wer gut verdiene, zahle viel ein und bekomme womöglich wenig zurück. Auch beim Bildungssystem sieht er Handlungsbedarf und wirbt zugleich für mehr Verständnis für Wegziehende.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich im August 2026 in einem ARD-Sommerinterview spöttisch zur Auswanderungsbereitschaft junger Menschen geäußert und sinngemäß gefragt, wo es denn wirklich schöner sei als in Deutschland.

Steffen nennt das respektlos und widerspricht einer Diffamierung: „Diejenigen, die gehen, darf man nicht als Verräter bezeichnen.“ Sein Buch sei keine Auswanderungsempfehlung – „die Botschaft lautet: Lasst uns bleiben“. Deutschland müsse im eigenen Interesse für seine Bürger attraktiv werden; das sei „kein rechtes und kein linkes Thema“.

Von der Studie zum Gastbeitrag

  1. 9. Januar bis 9. Februar 2026
    Feldphase der Trendstudie

    2.012 junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren werden befragt.

  2. März 2026
    „Jugend in Deutschland 2026“ erscheint

    21 Prozent der 14- bis 29-Jährigen planen konkret die Auswanderung, 41 Prozent können sie sich vorstellen.

  3. Juni 2026
    Wanderungsstatistik für 2025

    Das Statistische Bundesamt meldet 288.579 Fortzüge von Deutschen und einen Wanderungsverlust von 96.689 Personen.

  4. 16. Juli 2026
    Steffen rückt in den Landtag nach

    Er übernimmt das Mandat von Dirk Wedel in Nordrhein-Westfalen.

  5. August 2026
    Merz äußert sich im ARD-Sommerinterview

    Der Kanzler spottet über die Auswanderungsbereitschaft junger Menschen.

  6. 8. September 2026
    „Goodbye Deutschland“ erscheint

    Das Buch kommt im Deutschen Wirtschaftsbuch Verlag auf den Markt, 208 Seiten.

  7. 12. September 2026
    FOCUS online veröffentlicht den Gastbeitrag

    Zitelmann bespricht Steffens Buch unter dem Titel „Deutschland vergrault seine Leistungsträger“.

Was die Statistik nicht zeigt

Die amtliche Wanderungsstatistik relativiert die Deutung in zwei Punkten: Sie erfasst keine Motive und keine Aufenthaltsdauer. Unter den Fortzügen sind deshalb auch Studierende eines Auslandssemesters, befristet im Ausland arbeitende Handwerker und entsandte Konzernmitarbeiter.

Hinzu kommt: Fortzüge werden unzuverlässiger erfasst als Zuzüge, weil sich viele Wegziehende nicht abmelden. Seit 2005 ist die Bilanz deutscher Staatsangehöriger durchgehend negativ. Kritische Einordnungen zum Motiv „Neid“ – etwa zur Rolle von Kinderbetreuung, Klima oder Rückkehrquoten – spielen in der bisherigen Berichterstattung kaum eine Rolle.

Zitelmann schließt mit dem Hinweis, die Gehenden hielten dem Land den Spiegel vor. Für ihn sind sie kein Verlustposten, sondern ein Signal an die Zurückgebliebenen.

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Ob der Rekord von 2025 eine Ausnahme war oder der Beginn eines Trends, entscheidet sich an den kommenden Wanderungszahlen – und daran, ob Steffens Appell zum Bleiben Gehör findet.