Fast jeder zweite Befragte in Österreich stört sich an Muslimen als unmittelbaren Nachbarn: 49 Prozent gaben an, dass ihnen Menschen muslimischen Glaubens in der Nachbarschaft sehr (20 Prozent) oder eher (29 Prozent) stören würden.
Die Zahl stammt aus der vierten Ausgabe der ÖIF-Studie zur Ablehnung muslimischer Nachbarn, die Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP) am 8. September 2026 in Wien unter dem Titel „Was denkt Österreich? – Einstellungen zu den Themen Integration, Zusammenhalt und Zugehörigkeit“ vorstellte.
Befragt wurden 1.016 Personen ab 16 Jahren, im Onlinepanel der Peter Hajek Public Opinion Strategies GmbH zwischen dem 26. Februar und dem 9. März 2026. Inhaltlich geleitet wurde die Reihe erneut von Sozialwissenschafter Rudolf Bretschneider; die maximale Schwankungsbreite beträgt 3,1 Prozentpunkte, gewichtet wurde nach Alter, Geschlecht, Bildung und Bundesland.
Die Ablehnung trifft nicht nur Muslime. 63 Prozent der Befragten stören sich an Asylwerbern und Flüchtlingen (28 Prozent sehr, 35 Prozent eher), 53 Prozent an Roma und Sinti, 52 Prozent an Langzeitarbeitslosen. Bei Ausländern oder Menschen mit Migrationshintergrund allgemein sind es 45 Prozent.
Ablehnung als unmittelbare Nachbarn
Anteil der Befragten, die sich an der jeweiligen Gruppe als Nachbarn stören würden
Bauer macht Integration zur Verpflichtung
Bauer bündelte die Ergebnisse in der Formel „Deutsch, Arbeit und Werte“ und zog daraus eine Pflicht für Zugewanderte. Zu lange habe man darauf vertraut, dass Integration freiwillig gelinge, sagte sie bei der Präsentation.
„Integration ist kein Angebot, sondern eine Verpflichtung.“
Aus dieser Diagnose folgt für Bauer ein Integrationspflichtengesetz. Bei der Präsentation warb sie zugleich erneut für das von der ÖVP geforderte Verbot des politischen Islam: „Der politische Islam stellt sich über unseren demokratischen Rechtsstaat und will ihn nach religiösen Regeln umbauen, und das dürfen wir nicht zulassen.“
Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) will ein solches Verbot per Verfassungsgesetz absichern. Bauer arbeitet laut ORF an einer Punktation an die Koalitionspartner SPÖ und NEOS, flankiert von Änderungen im Vereins-, Versammlungs- und Kultusrecht. NEOS-Klubobmann Yannick Shetty verlangte einen „legistisch umsetzbaren Vorschlag“ und forderte, die Zweige der Muslimbruderschaft auf die EU-Terrorliste zu setzen.
IGGÖ nennt die Zahlen ein Warnsignal
Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) wertete die Studie als „ernstes Warnsignal“. Präsident Ümit Vural erklärte: „Diese Zahlen sagen nichts über das Verhalten oder die Integrationsbereitschaft von Musliminnen aus. Sie sind vielmehr ein Befund über den Zustand unseres gesellschaftlichen Klimas.“
Eine politische Rhetorik, die eine ganze Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht stellt, trage zur Verfestigung von Vorurteilen bei, sagte Vural. Muslimfeindlichkeit dürfe nicht dadurch salonfähig werden, dass sie lediglich als statistischer Wert zur Kenntnis genommen wird.
Der ÖIF verteidigt die Methode: Für jedes Bundesland habe es Quotenvorgaben nach Alter, Geschlecht und Bildung gegeben, der Datensatz sei anhand der Verteilung der Statistik Austria gewichtet worden. Die Nachbarschaftsfrage sei ein etabliertes sozialwissenschaftliches Messinstrument.
In einer Stellungnahme des ÖIF zur Gewichtung der Erhebung ist von einer ausgewiesenen Limitation die Rede: Menschen mit Migrationshintergrund sind mit 11 Prozent im Panel vertreten, in der Gesamtbevölkerung mit 28 Prozent.
derStandard und moment.at halten die Erhebung dennoch für methodisch fragwürdig: Sie sei nicht repräsentativ, der angehängte Fragebogen enthalte Fehler wie doppelte Fragen und die Aussage „Identität“ als Bewertungsitem, und der Begriff „politischer Islam“ werde nicht definiert. moment.at-Autorin Lisa Wohlgenannt nannte die Präsentation ein „Paradebeispiel, wie Konservative und Medien den Rechtsextremen helfen“.
Von der Befragung zur Verbotsdebatte
- 26. Februar bis 9. März 2026Befragung im Onlinepanel
Peter Hajek Public Opinion Strategies befragt 1.016 Personen ab 16 Jahren für die ÖIF-Studie; die maximale Schwankungsbreite liegt bei 3,1 Prozentpunkten.
- 5. September 2026Bauer kündigt Verbotspläne an
In der ZIB 13:00 bekräftigt Integrationsministerin Claudia Bauer, die Muslimbruderschaft und weitere islamistische Organisationen verbieten zu wollen.
- 8. September 2026Präsentation in Wien
Bauer stellt mit Sozialwissenschafter Rudolf Bretschneider die vierte Ausgabe von „Was denkt Österreich?“ vor: 49 Prozent stören sich an muslimischen Nachbarn, 63 Prozent an Flüchtlingen.
- 8. September 2026FPÖ kontert
Dagmar Belakowitsch spricht von „eigenem Asylversagen“ der ÖVP, Dominik Nepp von einer „Ohrfeige“ für die rot-pinke Willkommenspolitik.
- 9. September 2026IGGÖ, ÖIF und Medienkritik
Die IGGÖ nennt die Studie ein „ernstes Warnsignal“; der ÖIF verteidigt Gewichtung und Quotenvorgaben. derStandard und moment.at kritisieren Methode und fehlende Repräsentativität.
FPÖ liest die Studie gegen die ÖVP
Die FPÖ wiederum las die Studie als Beleg gegen die ÖVP selbst. Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch erklärte: „Die ÖVP präsentiert wieder einmal ihr eigenes Asylversagen!“
„Diese Studie ist eine Ohrfeige mit Nachhall für die rot-pinke All-inclusive-Willkommenspolitik.“
Der Wiener FPÖ-Chef Nepp verband das Ergebnis mit seiner Forderung nach einem Asylstopp und „konsequenter Remigration“. Die FPÖ macht damit die Regierungsparteien für die Zahlen verantwortlich, die deren eigene Integrationsministerin präsentiert.
Studienautor Bretschneider warnte vor vorschnellen politischen Handlungsanweisungen aus den Daten. Die Studie zeige eher, „wo es Untiefen gibt“; steuern müsse aber die Politik selbst.
Sorge um Identität, Angst vor Parallelgesellschaften
Die Sorge um die kulturelle Identität Österreichs hat sich in acht Jahren deutlich verfestigt: 75 Prozent der Befragten halten sie für berechtigt. 2018 lag der Wert bei 57 Prozent, 2024 bei 70 Prozent.
Sorge um die kulturelle Identität Österreichs
Anteil der Befragten, die diese Sorge für berechtigt halten
84 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Zuwanderer in manchen Stadtvierteln unter sich lebten und dort kaum Integration stattfinde; ebenso viele beobachten immer mehr Gruppen, die nichts miteinander zu tun haben wollen.
Nur 43 Prozent glauben, dass sich die meisten Flüchtlinge um ihre Integration bemühen – 54 Prozent verneinen das. Als größte gesellschaftliche Konfliktlinie nennen 56 Prozent das Verhältnis zwischen „Einheimischen“ und „Zugewanderten“, gefolgt von Links gegen Rechts (50 Prozent) und Arm gegen Reich (40 Prozent). 61 Prozent fühlen sich in einer weitgehend homogenen Gesellschaft wohler.
Der Anteil derer, die sich als Teil der österreichischen Gesellschaft fühlen, unterscheidet sich zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund kaum (58 zu 57 Prozent). Am Rande der Gesellschaft sehen sich mit 14 Prozent aber doppelt so viele Menschen mit Migrationshintergrund wie ohne (7 Prozent).
Was den Befragten bei Integration wichtig ist
Bei den Merkmalen gelungener Integration setzen die Befragten klare Prioritäten: 77 Prozent verlangen die Anerkennung von Gesetzen und Regeln, 75 Prozent Respekt für Werte und Umgangsformen, 71 Prozent gute Deutschkenntnisse, 70 Prozent Arbeit oder Ausbildung und 69 Prozent Selbsterhaltungsfähigkeit.
Als zentrale Integrationsprobleme gelten Gewalt im Namen der Ehre und mangelnder Respekt gegenüber Frauen (90 Prozent), Arbeitslosigkeit und Sozialhilfebezug, die Ablehnung der österreichischen Kultur und Werte sowie unzureichende Deutschkenntnisse (je 89 Prozent). Fast zwei Drittel halten das Kopftuch bei unter 14-jährigen Schülerinnen für problematisch.
Bei den negativen Einflüssen auf das Zusammenleben führt Falschinformation und Fake News mit 54 Prozent, dahinter liegen gleichauf der politische Islam sowie Kriege, Konflikte und Terrorismus mit je 52 Prozent. Es folgen große Migrationsbewegungen (51 Prozent), Rechtsextremismus und soziale Medien (je 45 Prozent) und der Streit der politischen Parteien (44 Prozent).
Zwei Werte entwickelten sich gegen den Trend: Die Sorge vor Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz stieg von 14 Prozent im Jahr 2018 auf 28 Prozent, die Sorge vor großen Migrationsbewegungen sank im selben Zeitraum von 62 auf 51 Prozent.
Im persönlichen Umfeld überwiegen positive Erfahrungen mit Migranten: 73 Prozent im Freundes- und Bekanntenkreis, 70 Prozent an Schulen und Universitäten, 62 Prozent am Arbeitsplatz, 58 Prozent in der Nachbarschaft. Im öffentlichen Raum kippt das Bild – in Öffis, Geschäften, auf Straßen und in Parks berichten nur 36 Prozent von positiven, aber 55 Prozent von negativen Erfahrungen.
Bauer will die Punktation nach eigenen Angaben an die Koalitionspartner SPÖ und NEOS schicken. Ob sie einen Vorschlag enthält, den NEOS-Klubobmann Shetty als legistisch umsetzbar mitträgt, muss sich an genau diesem Papier entscheiden.
