Eine einzige Regisseurin war im Wettbewerb der 83. Filmfestspiele von Venedig – und genau sie holt den Hauptpreis. Die dänisch-ägyptische Filmemacherin May el-Toukhy (49) gewann am Samstagabend den Goldenen Löwen für ihr Historiendrama „Woman Unknown“. Ihr Erfolg entfachte sofort den Streit, der das Festival seit dem ersten Tag begleitete.
El-Toukhy nahm die Auszeichnung am 12. September 2026 persönlich am Lido entgegen. Sie ist nach übereinstimmenden Angaben die achte Frau in der Festivalgeschichte, die den Goldenen Löwen erhält – und die erste seit 2021. Die Filmfestspiele hatten am 2. September begonnen und endeten nach elf Tagen mit dieser Gala.
In den Wettbewerb waren 21 Produktionen geschickt worden, zunächst 20 – erst die nachträgliche Aufnahme der Gaza-Dokumentation „NAZA“ erhöhte die Zahl. Unter den anfänglich 20 Beiträgen war „Woman Unknown“ der einzige Film einer allein verantwortlichen Regisseurin. El-Toukhy war damit die einzige Frau, die in diesem Jahr solo einen Wettbewerbsfilm vorlegte.
Gyllenhaal weist den Geschlechter-Vorwurf zurück
Jury-Präsidentin Maggie Gyllenhaal hatte den niedrigen Frauenanteil schon zur Festivaleröffnung als „systemisches Problem“ bezeichnet. Es sei für Frauen viel schwieriger, eine Finanzierung für ihre Filme zu bekommen. Nach der Gala sagte die US-Schauspielerin und Regisseurin, sie wolle jetzt einen brillant inszenierten Film würdigen, „der auf mich wie ein Laserstrahl gewirkt hat“.
Den Verdacht eines Journalisten, der Goldene Löwe sei aus Geschlechtergründen vergeben worden, wies Gyllenhaal zurück. Festivaldirektor Alberto Barbera verteidigte die männerdominierte Auswahl: Die Entscheidungen seien nach künstlerischer Qualität gefallen, nicht nach Quoten. Die Branche müsse mehr tun, damit Frauen überhaupt in das Geschäft einsteigen könnten.
Wettbewerbsfilme der 83. Filmfestspiele nach Regie
Von den zunächst 20 Wettbewerbsbeiträgen stammte nur einer von einer allein verantwortlichen Regisseurin.
El-Toukhys Abrechnung mit der Branche
Auf der Pressekonferenz der Preisträgerinnen und Preisträger rechnete el-Toukhy mit den Strukturen ihrer Branche ab. Ob ihr Sieg denn überraschend komme, wurde sie gefragt. Es überrasche sie nicht, dass manche sagten: „Oh, hat sie ihn bekommen?“ Das gehöre zum Alltag als Frau in dieser Industrie.
In den Prognoselisten habe sie weit unten gestanden. Sie sei es inzwischen gewohnt, abgeschrieben zu werden. Als konkrete Barrieren nannte sie laut dem Reuters-Bericht über die Preisverleihung in Venedig die schwierigere Finanzierung, geringere Budgets, schlechtere Besetzungschancen und den erschwerten Zugang zu großen Festivals.
Als Muster beschrieb sie, dass auf solchen Listen vier Frauen stünden, gegen die sie antreten müsse – nicht gegen ihre männlichen Kollegen. El-Toukhy bedankte sich ausdrücklich bei Gyllenhaal dafür, dass diese „ihre Stimme erhoben und die mangelnde Chancengleichheit für Regisseurinnen in unserer Branche“ thematisiert habe.
Die weiteren Preise der 83. Ausgabe
Streitpunkt des Festivals war weniger der Preis als die Auswahl. Neben dem Hauptpreis wurden am Samstag mehrere Auszeichnungen vergeben.
- Großer Preis der Jury: „Possible Love“ von Lee Chang-dong, ein Drama über zwei Ehepaare aus unterschiedlichen sozialen Schichten.
- Beste Regie: Ilja Chrschanowski für das Projekt „DAU“; der in Russland geborene, heute in Berlin und London lebende Regisseur widmete den Preis der Ukraine.
- Bester Schauspieler: John Malkovich für seine Rolle als altgedienter CIA-Agent in Martin McDonaghs „Wild Horse Nine“.
- Spezialpreis der Jury: die Gaza-Dokumentation „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor.
- Bestes Drehbuch: Stéphane Brizé mit Coralie Amédéo und Olivier Gorce für „Un bon petit soldat“.
- Bester Nachwuchsdarsteller: Malou Khebizi für „A Place to Heal“.
Malkovich war nicht anwesend; er nahm den Preis per Videolink aus Kanada entgegen, wo er gerade drehte.
„Malkovich sagte in seiner Videobotschaft aus Kanada: „Ich bin demütig, für diese Auszeichnung ausgewählt worden zu sein, die schon so vielen wunderbaren Schauspielern zuteilwurde.““
Ein Doppelsieg und ein Drama aus der Nachkriegszeit
Für „Woman Unknown“ gab es am Samstag sogar zwei Preise: Hauptdarstellerin Mathilde Arcel gewann den Coppa Volpi als beste Schauspielerin. Der Doppelsieg aus Goldenem Löwen und Darstellerpreis bei denselben Filmfestspielen ist selten.
Der Film spielt im befreiten Dänemark kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die junge Hausangestellte Marie – gespielt von Mathilde Arcel – steht kurz vor der Hochzeit mit ihrem wohlhabenden, deutlich älteren Arbeitgeber Christian, als ihre Vergangenheit sie einholt: Während der deutschen Besatzungszeit hatte sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten.
In der von Rache geprägten Nachkriegszeit, in der Frauen wegen Kollaboration brutale Selbstjustiz drohte, setzt sie alles aufs Spiel, um ihre mühsam aufgebaute Existenz vor der Entlarvung zu schützen. Regie führte el-Toukhy, das Drehbuch schrieb sie mit Maren Louise Käehne. Produziert wurde der Film von Nordisk Film Production als Koproduktion Dänemarks, Schwedens und Lettlands.
Von Toronto bis Kopenhagen
Die Kritiken fielen stark aus: Rotten Tomatoes weist eine Zustimmung von 91 Prozent aus, Metacritic einen Wert von 83 von 100. Der Guardian vergab vier von fünf Sternen für ein „sehr sehenswertes, souverän geführtes Drama“. Auch der Spiegel-Bericht über den Goldenen Löwen für May el-Toukhy ordnet den Sieg in die Festivalgeschichte ein.
Vom Förderbescheid zum Goldenen Löwen
- November 2024349.000 Euro Förderung
Das Projekt erhält eine Eurimages-Produktionsförderung von 349.000 Euro.
- Januar 2026Vorstellung in Göteborg
„Woman Unknown“ wird beim Nordic Film Market in Göteborg in der Works-in-Progress-Sektion gezeigt.
- 23. Juli 2026Wettbewerbsprogramm steht
Venedig gibt das Programm bekannt – „Woman Unknown“ ist der einzige Film einer allein verantwortlichen Regisseurin unter zunächst 20 Beiträgen.
- 2. September 2026Festivalstart mit Streit
Die 83. Filmfestspiele beginnen. Jury-Präsidentin Gyllenhaal nennt den niedrigen Frauenanteil ein „systemisches Problem“.
- 6. September 2026Weltpremiere im Wettbewerb
„Woman Unknown“ wird am Lido erstmals gezeigt.
- 10. September 202625 Minuten Applaus für „NAZA“
Die Gaza-Dokumentation feiert Premiere – laut Berichten mit 25 Minuten stehenden Ovationen, einem Festivalrekord.
- 12. September 2026Goldener Löwe und Coppa Volpi
El-Toukhy gewinnt den Hauptpreis, Mathilde Arcel den Darstellerinnenpreis.
Nach Venedig folgen eine Nordamerika-Premiere in der Centrepiece-Reihe des Toronto International Film Festival am 15. September und eine Teilnahme am Wettbewerb des BFI London Film Festival im Oktober. Ob der Goldene Löwe auch in der beginnenden Oscar-Saison trägt, entscheidet sich in den kommenden Monaten; in Dänemark läuft „Woman Unknown“ ab dem 4. Februar 2027 in den Kinos.
