Antarktis gewinnt 695 Milliarden Tonnen Eis – und verliert weiter
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Klimaforschung

Antarktis gewinnt 695 Milliarden Tonnen Eis – und verliert weiter

Zwischen Juli 2021 und April 2023 wuchs der antarktische Eisschild um 695 Milliarden Tonnen – der größte Zuwachs der Satellitenära. Eine Nature-Studie erklärt ihn mit einer mehrjährigen Erwärmung des tropischen Warmpools und nennt den Klimawandel nur als Nebenursache. Genau daran entzündet sich Streit.

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Der antarktische Eisschild hat zwischen Juli 2021 und April 2023 rund 695,0 Milliarden Tonnen Masse gewonnen – der größte 22-Monats-Zuwachs der Satellitenära. Gemessen haben ihn die NASA-Missionen GRACE und GRACE Follow-On, die winzige Schwankungen des Erdschwerefelds erfassen und daraus Massenänderungen ableiten.

Die Studie in Nature zum Massenzuwachs der Antarktis erschien am 19. August 2026. Ihre Kernaussage: Der Zuwachs war eine vorübergehende natürliche Schwankung, keine Umkehr des Klimawandels. Genau daran entzündet sich seit Wochen Streit – der Eiszuwachs gilt Kritikern als Beweis, die Erwärmung sei harmlos.

Das Wachstum war räumlich extrem konzentriert. Auf Queen Mary Land und Wilkes Land entfielen 470,3 ± 29,1 Milliarden Tonnen, rund 68 Prozent des kontinentalen Zuwachses. Dort fiel pro Jahr etwa 85 Millimeter mehr Niederschlag als üblich.

Wo die 695 Gigatonnen entstanden

Anteil am Massenzuwachs des antarktischen Eisschilds, Juli 2021 bis April 2023

Quelle: Nature 656, 897 – 904 (2026)

Der Auslöser lag Tausende Kilometer entfernt

Die Ursache liegt im tropischen Warmpool zwischen westlichem Pazifik und östlichem Indischem Ozean, einem der wärmsten Meeresgebiete der Erde. Zwischen 2021 und 2023 blieb das Wasser dort ungewöhnlich lange zusätzlich erwärmt; die mittlere Oberflächentemperatur lag zeitweise rund 0,5 Grad Celsius über dem üblichen Wert.

Die Erwärmung regte einen Rossby-Wellenzug an, der sich bis in hohe südliche Breiten ausbreitete und durch Rückkopplungen zwischen Wirbeln und mittlerer Strömung stabilisiert wurde. Über der Ostantarktis entstand ein Nord-Süd-Dipol: Tiefdruck südlich von Australien, Hochdruck an der ostantarktischen Küste.

Dieses Muster verschob die Feuchtigkeitstransportwege. Mehr atmosphärische Flüsse erreichten die Ostantarktis – schmale Bänder mit großen Wasserdampfmengen, die vor allem aus den mittleren Breiten des Indischen Ozeans stammten. Drei Quellregionen lieferten zusammen etwa 45 Prozent des zusätzlichen Wassers, das über dem Kontinent als Schnee fiel.

Belegt ist die Kette nicht nur durch Beobachtungen. Wurde der Warmpool in Atmosphärenmodellen gezielt erwärmt, entstand über der Ostantarktis ein sehr ähnliches Druckmuster wie während des tatsächlichen Ereignisses. Eine La-Niña-ähnliche Abkühlung im Pazifik und ein negativer Indischer-Ozean-Dipol erklärten den Effekt allein nicht.

Auch die Schneemassenbilanzen passen: ERA5 kommt für die Region auf 351,2 ± 26,2 Gigatonnen, das Modell RACMO2.4p1 auf 348,3 ± 25,3, MARv3.14 auf 346,3 ± 24,8. Hinzu kamen Daten des Law-Dome-Eiskerns.

Von der Rekordmessung zur öffentlichen Debatte

  1. Juli 2021 – April 2023
    Rekordzuwachs im Osten

    Der Eisschild gewinnt 695,0 Milliarden Tonnen Masse, davon 470,3 ± 29,1 Milliarden Tonnen in Queen Mary Land und Wilkes Land.

  2. ab Mai 2023
    Der Warmpool kühlt ab

    Das Druckmuster kippt, der Niederschlag in Queen Mary Land und Wilkes Land fällt wieder unterdurchschnittlich aus.

  3. 19. August 2026
    Die Nature-Studie erscheint

    Nature veröffentlicht „Multiyear tropical warm pool warming drives slowdown in Antarctic mass loss“ von Yunhe Wang und Kollegen.

  4. 8. September 2026
    Die Zahlen erreichen die Öffentlichkeit

    ingenieur.de und forschung-und-wissen.de nennen die 470,3 ± 29,1 Milliarden Tonnen und den 9-Prozent-Anteil des menschlichen Antriebs.

  5. 13. September 2026
    Die Debatte läuft

    vienna.at berichtet über den Zuwachs; unter den Artikeln wird diskutiert, ob er den Klimawandel relativiert.

Neun Prozent – eine Zahl mit Haken

Bemerkenswert ist die Ursachenzuordnung. Der auf menschlichen Antrieb zurückgehende Anstieg des Regionalniederschlags über Queen Mary Land und Wilkes Land betrug nur 32,3 ± 2,4 Milliarden Tonnen – rund 9 Prozent der beobachteten kumulierten Niederschlagsanomalie.

Die beobachteten Hochdruck- und Meeresoberflächen-Anomalien unterschieden sich deutlich von den langfristigen Mustern, die eine CO2-getriebene Erwärmung erwarten lässt. Aus der 9-Prozent-Zahl folgt aber nicht, dass der Klimawandel nur zu 9 Prozent für den Massenzuwachs verantwortlich sei.

Die Zahl gilt ausschließlich für den zusätzlichen Niederschlag dieser Region und innerhalb der verwendeten Modelle. Vergleichbare mehrjährige Warmpool-Erwärmungen treten in Beobachtungen und historischen Simulationen etwa einmal pro Jahrzehnt auf – der Warmpool wirkt wie ein entfernter Regler für den Schneefall in der Ostantarktis.

Co-Autor Eric Steig von der University of Washington warnt davor, den kurzfristigen Zuwachs als neuen Dauerzustand zu lesen. Seine Einordnung zielt direkt auf die Debatte um eine angebliche Trendwende am Südpol.

Wenn sich etwas ändert, ist es sehr verlockend, selbst für Wissenschaftler, zu denken: Oh, da entsteht ein neuer Normalzustand. Aber diese Analyse zeigt, dass das nicht der Fall ist. Das ist höchstwahrscheinlich ein kurzlebiges Phänomen.
Eric Steig, Professor für Erd- und Weltraumwissenschaften, University of Washington

Der langfristige Trend bleibt negativ

An der Gesamtrichtung ändert der Zuwachs nichts. Von 2003 bis 2024 verlor die Antarktis im Mittel 140,5 ± 2,0 Milliarden Tonnen pro Jahr; aktuelle NASA-Auswertungen seit 2002 kommen auf rund 135 Milliarden Tonnen jährlich. Die Netto-Massenbilanz der Antarktis lag zwischen 2021 und 2024 nahe null.

Regional fallen die Bilanzen auseinander. Die Ostantarktis war zwischen 1992 und 2020 quasi im Gleichgewicht (3 ± 15 Gigatonnen pro Jahr), die Westantarktis verlor mit 82 ± 9 Gigatonnen pro Jahr deutlich Masse. Das Marie-Byrd-Land setzte seinen Verlust auch 2021 bis 2023 fort.

Massenänderung der Antarktis in Gigatonnen pro Jahr

Was der Rekordzuwachs nicht ändert: Der Kontinent verliert langfristig Eis

Quelle: Nature 656, 897 – 904 (2026); NASA

Auch innerhalb der Ostantarktis laufen gegenläufige Prozesse: Am Totten-Gletscher und anderen Auslassgletschern kann vergleichsweise warmes Ozeanwasser Schelfeise von unten abschmelzen und den Eisabfluss beschleunigen. Der zusätzliche Schnee deckt diese Verluste zu, stoppt sie aber nicht. Der Meeresspiegel steigt nach NASA-Daten weiterhin um etwa 0,4 Millimeter pro Jahr.

Wie belastbar ist der Befund?

Erstautor Yunhe Wang vom Institute of Oceanology der Chinese Academy of Sciences spricht von einem bislang zu wenig beachteten Fernzusammenhang zwischen tropischem Warmpool und ostantarktischem Eisschild. Wie die IOCAS-Pressemitteilung zum vorübergehenden Rückgang des Eisverlusts festhält, liefert die Arbeit eine Grundlage für künftige Forschung zum ostantarktischen Klima.

Co-Autor Qinghua Ding von der University of California in Santa Barbara formuliert die Reichweite vorsichtig: „Unsere Studie beschreibt die Mechanismen hinter der jüngsten Verlangsamung des Abschmelzens und zeigt, dass sie vorübergehend sein könnte“, sagt der Professor für Atmosphären- und Klimawissenschaft.

Abzugrenzen ist die Nature-Arbeit von einer älteren Studie der Tongji-Universität Shanghai. Sie beschrieb für 2021 bis 2023 einen Zuwachs von rund 108 Gigatonnen pro Jahr in vier Gletscherbecken der Region Wilkes – Queen Mary Land sowie eine zeitweise Dämpfung des Meeresspiegelanstiegs um etwa 0,3 Millimeter pro Jahr.

Klimaleugner-Kreise deuteten diese Arbeit 2025 als Beleg für eine Umkehr des Klimawandels. Faktenchecks, unter anderem mit dem Physiker Johannes Feldmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und der Glaziologin Angelika Humbert vom Alfred-Wegener-Institut, ordneten das ein.

Offen bleibt, wie sich die nächste mehrjährige Warmpool-Erwärmung auswirkt. Sie gilt als Ereignis, das etwa einmal pro Jahrzehnt auftritt – bis dahin verlieren Westantarktis und Totten-Gletscher weiter Masse, während der Schnee im Osten den Meeresspiegel nur zeitweise entlastet.

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