Am 15. September wird Kai Wegner 54 Jahre alt. Fünf Tage später wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus – doch als Spitzenkandidat der CDU tritt der Regierende Bürgermeister nicht mehr an. Nach seinem Rückzug vom 10. Juli 2026 führt der bisherige Finanz- und interimistische Kultursenator Stefan Evers die Berliner Union in die Wahl.
Für Wegner ist der Geburtstag der Schlusspunkt einer Amtszeit, die im April 2023 mit dem besten CDU-Ergebnis seit 1999 begann und im Streit um ein Tennisspiel zerbrach. Seine aussichtsreichste Gegnerin formuliert den Machtwechsel ohne Rücksicht auf den Jubilar.
„Wegner geht, aber die CDU bleibt, wer auch immer sie führt.“
Vom Mauerrand ins Rote Rathaus
Wegner ist der Sohn eines Bauarbeiters und einer Einzelhandelskauffrau, ein Einzelkind, das am Stadtrand von West-Berlin nahe der Mauer aufwuchs. Der „Berliner Zeitung" zufolge soll er als Junge Steine über die Mauer geworfen und seinen toten Wellensittich dort begraben haben.
Er besuchte die Carl-Schurz-Grundschule und die Hans-Carossa-Oberschule in Hakenfelde, die er ohne Abitur mit dem Realschulabschluss verließ. 1993 und 1994 diente er bei der Luftwaffe – eigentlich wollte er Helikopterpilot werden, landete aber beim Wachschutz.
1997 folgte die Ausbildung zum Versicherungskaufmann, danach arbeitete Wegner im Firmenkundengeschäft und in leitender Funktion in einem familiengeführten Bauunternehmen. 1989 trat er in CDU und Junge Union ein, 1995 wurde er Bezirksverordneter in Spandau, am 18. Mai 2019 Landesvorsitzender der Berliner CDU.
2021 führte Wegner die CDU als Spitzenkandidat und wurde Fraktionsvorsitzender und Oppositionsführer gegen den rot-grün-roten Senat von Franziska Giffey. Bei der Wiederholungswahl am 12. Februar 2023 holte die CDU 28,2 Prozent, seinen Wahlkreis Spandau 5 gewann er mit 46,9 Prozent.
Die Wahl zum Regierenden Bürgermeister am 27. April 2023 geriet zum Krimi: Erst im dritten Wahlgang erhielt Wegner 86 Stimmen – genau die Zahl der schwarz-roten Koalitionsabgeordneten.
Stationen einer Politkarriere
- 15. September 1972Geburt in West-Berlin
Kai Peter Wegner kommt im Bezirk Spandau zur Welt.
- 12. Februar 2023CDU gewinnt die Wiederholungswahl
28,2 Prozent – das beste Ergebnis der Berliner CDU seit 1999.
- 27. April 2023Wegner wird Regierender Bürgermeister
Im dritten Wahlgang bekommt er 86 Stimmen.
- 3. Januar 2026Stromausfall im Berliner Südwesten
Rund 45.000 Haushalte sind nach einem Brandanschlag teils tagelang ohne Strom.
- 10. Juli 2026Rückzug aus der Spitzenkandidatur
Wegner legt auch den CDU-Landesvorsitz nieder, Stefan Evers übernimmt beide Ämter.
- 15. September 2026Kai Wegner wird 54 Jahre alt
Der Regierende Bürgermeister steht nicht mehr zur Wahl.
- 20. September 2026Wahl zum Abgeordnetenhaus
Berlin entscheidet über ein neues Parlament und einen neuen Senat.
Das Beste für Berlin – und ein Tennisspiel
Die schwarz-rote Koalition startete mit dem Versprechen „Das Beste für Berlin" und lieferte: eine Verwaltungsreform samt Verfassungsänderung, die Senkung des Wahlalters auf 16, ein Klimaanpassungsgesetz, eine Mietpreisprüfstelle und ein Mietenkataster. Kurz vor Schluss folgte ein Bündel neuer Gesetze – von der Vergabe bis zum Katastrophenschutz.
Umstritten blieben das Schneller-Bauen-Gesetz, das Bezirke entmachtet, das Einfach-Bauen-Gesetz und die Reform des Polizeigesetzes mit KI-Videoüberwachung, Messenger-Überwachung und Online-Durchsuchungen.
Dazu kamen der anfängliche Haushaltsstreit und eine Serie von Rücktritten. Aus dem „Besten für Berlin" wurde so eher ein „Besser ging's nicht" – so fasst die Bilanz der schwarz-roten Koalition beim rbb24 die drei Jahre zusammen.
Den Ausschlag gab der 3. Januar 2026: Nach einem Brandanschlag auf die Stromversorgung waren Zehntausende Haushalte teils tagelang ohne Strom – rund 45.000 Haushalte, nach tagesschau-Angaben bis zu 100.000 Menschen. Wegner verschwieg zunächst, dass er am ersten Krisentag mittags eine Stunde Tennis gespielt hatte.
In den folgenden Wochen kamen immer neue Ungereimtheiten ans Licht. Auf Welt TV hatte Wegner behauptet, um 8.08 Uhr mit den Telefonaten begonnen zu haben; im Juli 2026 berichtete der Tagesspiegel unter Berufung auf die Senatskanzlei, am Morgen des 3. Januar habe er mit niemandem dienstlich telefoniert. Wegner räumte Fehler ein: „Ja, ich habe kommunikative Fehler gemacht. … Und das war auch Mist."
Ein Rückzug, zwei Ämter für Evers
Der Druck wuchs dennoch. In den Umfragen rutschte die CDU auf Platz vier hinter Linke, Grüne und AfD – die Linke als stärkste Kraft in Berlin lag vor der Union. Ein rbb24-Kommentar bilanzierte gut 70 Tage vor der Wahl: „Kai Wegner ist als Regierender Bürgermeister am Ende."
Kritik kam auch an seiner Beziehung zu Lebenspartnerin und Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch sowie aus der Fördergeldaffäre, die einen Untersuchungsausschuss beschäftigte.
Die CDU in Berlin: vom Wahlsieg auf Platz vier
Stimmenanteil und Umfragewerte in Prozent
Am 10. Juli 2026 erklärte Wegner, nicht erneut als Spitzenkandidat anzutreten, und trat zugleich als CDU-Landesvorsitzender zurück. Wegners Rückzug und Evers' Übernahme der Spitzenkandidatur folgten auf Monate wachsenden Drucks.
Im Amt des Regierenden Bürgermeisters bleibt Wegner nach der tagesschau-Meldung zu seinem Rückzug bis zur Wahl beziehungsweise bis zur Bildung eines neuen Senats.
Regenbogenfahne und ein Vermächtnis
Wenige Tage vor seinem Geburtstag trat Wegner wohl zum letzten Mal im Abgeordnetenhaus ans Rednerpult. Er warnte davor, die Hauptstadt schlechtzureden: „Berlin hat Chancen, Berlin hat Probleme, Berlin hat Herausforderungen. … Aber wir sollten nicht in ein Berlin-Bashing verfallen.„ Nach dem 20. September warb er für einen „gemeinsamen Grundkonsens“.
Zuvor hatte er bei einem seiner letzten Termine die Regenbogenfahne gehisst – für den einstigen Rechtskonservativen ein bemerkenswerter Wandel. „In diesen Zeiten, wo Hass und Hetze immer stärker werden, ist die beste Antwort Zusammenhalt", sagte Wegner. Der Tagesspiegel las seine Worte wie ein Vermächtnis.
„Ich sorge mich vor der Einfalt mancher. Das würde Berlin schwächen.“
Wer bekommt jetzt das Rote Rathaus?
Kai Wegner ist evangelisch, geschieden und Vater von drei Kindern: einen Sohn hat er aus der Ehe mit Ina, zwei weitere aus der Beziehung mit der Politikwissenschaftlerin Kathleen Kantar, von der er sich im Dezember 2023 trennte.
Seit Herbst 2023 ist er mit seiner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch zusammen, was er im Januar 2024 öffentlich machte – ein Novum in Berlin und Stoff für die Debatte über die Vermischung von Dienstlichem und Privatem. Er gilt als leidender Hertha-BSC-Fan; seine Lieblingsspeise ist Pfeffersteak mit Pommes.
Nach dem 20. September bekommt Berlin in jedem Fall einen neuen Regierenden Bürgermeister. Die Umfragen sehen ein offenes Rennen: Die CDU liegt mit Evers bei 20 bis 21 Prozent, die Linke unter Elif Eralp bei etwa 21 Prozent. Möglich erscheinen nur Dreierbündnisse, etwa CDU – Grüne – SPD oder Linke – Grüne – SPD.
Bis zur Bildung eines neuen Senats bleibt Wegner im Amt. Fünf Tage nach seinem 54. Geburtstag entscheidet sich, wer künftig im Roten Rathaus die Richtung vorgibt – und für keine der vier Parteien an der Spitze zeichnet sich eine klare Mehrheit ab.
