Alle sechs Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer Sepsis – mindestens 85.000 Todesfälle pro Jahr. Ein großer Teil davon wäre vermeidbar, sagen Ärztinnen, Kliniken und Patientenorganisationen zum Welt-Sepsis-Tag am 13. September 2026. Doch noch immer wissen die meisten Menschen nicht, woran sie den Notfall erkennen.
Eine Sepsis ist keine Vergiftung im eigentlichen Sinne. Florian Dengler, leitender Oberarzt der Notaufnahme am Klinikum Stuttgart, sagt: „Eine Sepsis ist im Prinzip eine Fehlregulation vom eigenen Immunsystem auf eine Infektion.“ Kommen Krankheitserreger in den Blutkreislauf, bekämpft der Körper nicht nur die Infektion, sondern greift auch die eigenen Organe an.
Oft beginnt sie harmlos – mit einer kleinen Wunde oder einem Harnwegsinfekt. Unbehandelt endet eine Sepsis immer tödlich. Dengler sagt: „Studienlagen zeigen, dass eben vor allem das frühzeitige Erkennen und dann auch das frühzeitige Behandeln zum Beispiel durch eine antibiotische Therapie deutlich das Sterberisiko senken.“
Mindestens 230.000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland an einer Sepsis, mindestens 85.000 sterben daran – die Sepsis ist damit die dritthäufigste Todesursache nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. 15.000 bis 20.000 dieser Todesfälle gelten laut Schätzungen als vermeidbar. Die Sepsis-Zahlen für Baden-Württemberg aus dem SWR-Bericht zeigen: 2024 starben von 9.789 gemeldeten Patienten 3.282.
Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher
Veränderung der sepsisbezogenen Sterblichkeit 1990 bis 2019
Deutschland steigt, Norwegen und Finnland sinken deutlich
Die Sepsis-Stiftung sieht Deutschland im internationalen Vergleich schlecht aufgestellt. Zwischen 1990 und 2019 stieg die sepsisbezogene Sterblichkeit hierzulande um 10,1 Prozent – in Norwegen sank sie um 26,7 Prozent, in Finnland um 21,1 Prozent.
Im Pandemiejahr 2021 lag die Rate in Deutschland bei 247 Todesfällen je 100.000 Einwohner, in Australien bei 109. Bei Neugeborenen nennt die Stiftung für Deutschland 380 Todesfälle je 100.000 – rund 53 Prozent über dem norwegischen Wert von 248.
Am Klinikum Stuttgart kommen laut Dengler bis zu fünf Patientinnen und Patienten pro Tag wegen einer Sepsis in die Notaufnahme, bei doppelt so vielen besteht ein Verdacht. Die Sepsis-Stiftung geht sogar von etwa 140.000 sepsisbedingten Todesfällen pro Jahr aus; die Zahl ist eine Schätzung und liegt deutlich über der Krankenhausstatistik.
Warnzeichen, die jeder kennen sollte
Ohne klinische Untersuchung lässt sich eine Sepsis nur schwer sicher feststellen. Dengler nennt Warnzeichen, auf die jeder nach einer Infektion achten kann: extreme Schläfrigkeit oder Verwirrtheit, ein sehr schneller oder sehr schwacher Puls – am Handgelenk oder am Hals tastbar –, Kurzatmigkeit und ein extremes Krankheitsgefühl.
- An den Kopf fassen – fällt das Denken schwer? Verwirrtheit, Orientierungslosigkeit.
- Hand auf die Brust legen – ist die Atmung erschwert? Schnelle Atmung, Atemnot, Kurzatmigkeit.
- Hand aufs Herz legen – rast der Puls? Herzrasen, niedriger Blutdruck.
- Den Körper fühlen – fühlt man sich sterbenskrank? Extreme Schmerzen, nie gekanntes Krankheitsgefühl.
Tritt eines oder mehrere dieser Warnzeichen bei einer Infektion auf, sollte sofort die 112 oder die 116 117 gewählt werden. Sepsis gilt als zeitkritischer Notfall – vergleichbar mit Herzinfarkt und Schlaganfall.
Ein Umsetzungsproblem, kein Erkenntnisproblem
Der Kernkonflikt: Ärzteschaft, Kliniken und Patientenorganisationen fordern verbindliches Handeln von Politik und Selbstverwaltung – doch die Umsetzung hinkt aus ihrer Sicht dem vorhandenen Wissen hinterher. Deutschland habe kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem, formuliert die Sepsis-Stiftung.
Die Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis hat die Forderungen zum Welt-Sepsis-Tag gebündelt: Sepsiswissen müsse im Gesundheits- und Bildungssystem verankert werden. Kliniken, Leitstellen, Rettungsdienst und Notaufnahmen sollen Sepsis als zeitkritischen Notfall behandeln wie Herzinfarkt und Schlaganfall; bei Verdacht gilt die 112.
Zusätzlich soll JANNs Regel in allen Krankenhäusern verbindlich eingeführt werden, damit Betroffene und Angehörige bei einer akuten oder ungeklärten Verschlechterung eine unabhängige medizinische Überprüfung oder Zweitmeinung einfordern können. Hinzu kommen acht Kernforderungen: ein Nationaler Sepsisplan als Teil einer nationalen Infektionsmanagementstrategie, die sektorenübergreifende Umsetzung des QS-Verfahrens Sepsis, Sepsiskompetenz in Aus- und Weiterbildung sowie ein dreistufiges Versorgungsnetz aus Sepsis-ready-Hospitals, Sepsis Centers und Comprehensive Sepsis Centers. Das Ziel: mindestens 10.000 sepsisbedingte Todesfälle pro Jahr verhindern.
Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit und Initiatorin der Kampagne, sagt: „Während fast jeder die Symptome eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls kennt, wissen die wenigsten Menschen, woran sie eine Sepsis erkennen. Diese Wissenslücke kostet täglich hunderte Menschenleben.“ Der Chefarzt Stefan Schröder vom Artemed Krankenhaus Düren nennt die Sepsis einen der unbekanntesten medizinischen Notfälle: „Zeit ist Leben.“
Sepsis in Deutschland: die wichtigsten Stationen
- 1990 – 2019Sterblichkeit steigt hierzulande um 10,1 Prozent
In Norwegen sinkt sie im selben Zeitraum um 26,7 Prozent, in Finnland um 21,1 Prozent.
- 2021247 Todesfälle je 100.000 Einwohner
Im Pandemiejahr liegt die Rate in Deutschland mehr als doppelt so hoch wie in Australien mit 109.
- 20243.282 Sepsis-Tote in Baden-Württemberg
Von 9.789 im Land gemeldeten Sepsis-Patienten sterben 3.282.
- Juni 2025Nina Warken wird Schirmherrin
Die Bundesgesundheitsministerin übernimmt die Schirmherrschaft der Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis.
- 1. Januar 2026QS Sepsis tritt in Kraft
Krankenhäuser müssen ihre Sepsis-Behandlung bundesweit systematisch erfassen.
- 13. September 2026Welt-Sepsis-Tag
Kliniken, Stiftungen und Patientenorganisationen fordern mehr Tempo bei Aufklärung und Versorgung.
Fortschritte, Spätfolgen – und der beste Schutz
Bewegung gibt es dennoch. Seit Juni 2025 ist Bundesgesundheitsministerin Nina Warken Schirmherrin der Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis. Zum 1. Januar 2026 ist erstmals ein bundesweites Qualitätssicherungsverfahren QS Sepsis in Kraft getreten, das Krankenhäuser verpflichtet, ihre Sepsis-Behandlung systematisch zu erfassen und zu verbessern; beschlossen hat es der Gemeinsame Bundesausschuss.
In der Intensivmedizin entscheidet sich, ob die Behandlung greift. Am Klinikum Stuttgart kämpfen Daniel Räpple und sein Team beinahe täglich um das Leben von Sepsis-Patienten. Mit Dialyse oder Herz-Lungen-Maschine übernehmen sie die Funktion geschädigter Organe, um den Körper zu entlasten.
„Bei äußerst schweren Fällen haben wir doch in den letzten Jahren durch die moderne Organ-Ersatz-Therapie sehr viel dazugelernt und können hier Patienten, die vorher keine Chance gehabt hätten, doch noch eine realistische Überlebenschance bieten.“
Bis zu 75 Prozent der Überlebenden haben anschließend mit Spätfolgen zu kämpfen: Organschäden, verringerte Belastbarkeit, Konzentrationsschwäche und Schlafstörungen, dazu Erschöpfung, chronische Schmerzen, Gedächtnisprobleme und Angstzustände.
Eine Impfung gegen Sepsis gibt es nicht. Der beste Schutz ist, Infektionen zu vermeiden: empfohlene Impfungen wahrnehmen – gegen Grippe und Pneumokokken, für Risikogruppen auch gegen Covid-19 –, Wunden desinfizieren und beobachten, auf Hygiene achten und jede Infektion ernst nehmen. Besonders gefährdet sind Menschen über 65 Jahre, Kinder unter einem Jahr, chronisch Kranke und Menschen mit geschwächtem Immunsystem.
Ob das neue QS-Verfahren und die Forderungen der Stiftung tatsächlich zu weniger Todesfällen führen, entscheidet sich in den Kliniken. Offen ist, ob die Politik bis zum nächsten Welt-Sepsis-Tag einen Nationalen Sepsisplan vorlegt – und ob aus dem Qualitätssicherungsverfahren konkrete Maßnahmen werden.
