Am Mittwochmorgen ist eine Maschine der russischen Regierung auf dem Flughafen Köln/Bonn gelandet – obwohl die EU ihren Luftraum seit 2022 für russische Flugzeuge gesperrt hat. Die Iljuschin Il-96-300 mit der Kennung RA-96018 und der Flugnummer RSD780 setzte nach Angaben des Flugverfolgungsportals Flightradar24 um 9:36 Uhr deutscher Zeit auf der Piste 06/24 des Airports auf.
Für den Flug musste Berlin eine Sondergenehmigung erteilen, wie der WDR-Bericht über die Landung in Köln/Bonn beschreibt. Die Maschine holte Personal des russischen Generalkonsulats in Bonn aus dem Land – die Bundesregierung hatte die Schließung der Vertretung angeordnet.
Gesperrter Luftraum, genehmigte Ausnahme
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 dürfen russisch registrierte Flugzeuge nicht mehr in EU-Staaten fliegen; der direkte Flugverkehr zwischen Deutschland und Russland ist eingestellt. Wer den Luftraum dennoch durchqueren oder in einem EU-Staat landen will, braucht eine Sondergenehmigung.
Als Ausnahmen gelten humanitäre Missionen, spezielle Termine auf Regierungsebene oder anderweitig dringend notwendige Flüge. Genau eine solche Ausnahmeregelung griff nach Einschätzung der Flug Revue auch für den Flug RSD780.
Polen und die baltischen Staaten machen keine Ausnahme: Warschau hatte nach dem wiederholten Auftauchen russischer Drohnen im polnischen Luftraum erklärt, keine Flüge mit russischen Regierungsmitgliedern über seinem Territorium zuzulassen. Auch Estland, Lettland und Litauen verweigern russischen Regierungsfliegern den Überflug.
Der weite Bogen um Polen und das Baltikum
Deshalb flog die Il-96 zunächst Richtung St. Petersburg und den Finnischen Meerbusen, ging bei Ust-Luga aufs offene Meer hinaus und umrundete Estland, Lettland und Litauen. Sie passierte Gotland auf der linken und Bornholm auf der rechten Seite, erreichte bei Rügen erstmals deutsches Staatsgebiet und nahm dann Kurs auf das Rheinland.
Um 9 Uhr deutscher Zeit befand sich die Maschine laut Flug Revue auf 38.000 Fuß – rund 11.582 Meter – über Hannover. Der WDR beschreibt die Route kürzer: Die Iljuschin sei nördlich an Estland vorbeigeflogen und habe Deutschland über die Ostsee angesteuert.
Die Startzeit geben die Quellen unterschiedlich wieder: Flightradar24 nennt einen Sollabflug um 4:00 Uhr in Moskau-Wnukowo und einen tatsächlichen Abflug um 4:01 Uhr. WDR und aeroTELEGRAPH schreiben, die Maschine sei um 4 Uhr Ortszeit gestartet; die Flug Revue berichtet dagegen, sie habe Wnukowo kurz nach 7 Uhr Ortszeit verlassen.
Anlass ist das Ende des Bonner Generalkonsulats
Auslöser war die Nacht zum 5. August 2026: Am Flughafen Leipzig/Halle wurde eine mit Sprengstoff beladene Drohne nahe einer ukrainischen Antonow-Transportmaschine entdeckt und entschärft. Die Bundesregierung macht Russland dafür verantwortlich. Moskau weist die Vorwürfe zurück.
Wie in Wadephuls Erklärung zur Schließung des Konsulats nachzulesen ist, kündigte Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) am 1. September an, die Vertretung in Bonn zum 18. September zu schließen, den Vertrag über das Russische Haus in Berlin zu kündigen und den russischen Botschafter einzubestellen. Es war die größte konsularische Vertretung Russlands in Deutschland.
Die offizielle Schließungszeremonie fand bereits am 15. September in Bonn statt – unter Einholen der Staatsflagge zu den Klängen der russischen Nationalhymne und im Beisein des russischen Botschafters in Deutschland, Sergej Netschajew. Am 11. September hatten vor dem Konsulat lange Schlangen von Passantragstellern gestanden, die noch ihre Dokumente abholen wollten.
Von der Drohne in Leipzig bis zum Abflug in Köln
- 4./5. August 2026Sprengstoff-Drohne in Leipzig/Halle entdeckt
In der Nacht wird auf dem Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff beladene Drohne nahe einer ukrainischen Antonow-Transportmaschine entdeckt und entschärft.
- 1. September 2026Wadephul kündigt die Schließung an
Der Außenminister nennt die Schließung des Bonner Generalkonsulats zum 18. September, die Kündigung des Vertrags über das Russische Haus und die Einbestellung des Botschafters.
- 11. September 2026Andrang vor dem Konsulat
Vor der Vertretung in Bonn-Bad Godesberg stehen lange Schlangen von Menschen, die noch ihre Pässe abholen wollen.
- 15. September 2026Flaggen-Einholen in Bonn
Zur offiziellen Schließungszeremonie wird die russische Staatsflagge unter der Nationalhymne eingeholt; Botschafter Netschajew ist anwesend.
- 16. September 2026Landung in Köln/Bonn und Rückflug
Die Il-96-300 RA-96018 landet um 9:36 Uhr auf der Piste 06/24 und hebt um 12:39 Uhr wieder Richtung Moskau ab.
- 18. September 2026Frist für die Räumung
Bis Freitag muss das russische Generalkonsulat in Bonn-Bad Godesberg geräumt sein.
Schweigen am Flughafen, Bestätigung mittags
Zunächst wollte sich offiziell niemand äußern. Die Pressestelle des Flughafens Köln/Bonn lehnte eine Stellungnahme ab, „da es sich um einen militärischen Flug handelt“, wie eine Sprecherin erklärte. Ob die Maschine gelandet war, sagte sie nicht. Die Bundespolizei am Flughafen wollte die Landung „weder bestätigen, noch dementieren“.
Erst in der Bundespressekonferenz am Mittwoch bestätigte Kathrin Deschauer, Sprecherin des Auswärtigen Amts, die Genehmigung: Die Maschine sei gegen 9.40 Uhr in Köln/Bonn gelandet, um Personal des russischen Konsulats aufzunehmen beziehungsweise auszufliegen. Andere Angaben nennen 9:36, 9:42 oder 9:43 Uhr.
Rückflug um 12:39 Uhr – und eine Frist bis Freitag
Nach Angaben von Flightradar24 hob die Maschine um 12:39 Uhr wieder ab und trat den Rückflug nach Moskau an. Die Flug Revue ergänzt, der Jet sei von der Startbahn 24 mit einer 180-Grad-Linkskehre gestartet und habe auf ähnlichem Weg mit derselben Flugnummer Kurs auf Russland genommen.
Bei der RA-96018 handelt es sich um eine „gewöhnliche“ Il-96-300, Baujahr 2007. Sie gehört zur Spezialflugstaffel Russlands („Rossija“), die die russische Staatsspitze transportiert und überwiegend in Moskau-Wnukowo stationiert ist. Von den elf VIP-Il-96-300 der Flotte sind nach Angaben der Flug Revue vier als Il-96-300PU mit spezieller Kommunikationstechnik ausgerüstet.
Die russische Seite weist die Vorwürfe zurück und spricht von einer beispiellosen Eskalation ohne vorgelegte Beweise. Bundesaußenminister Johann Wadephul hält dem entgegen:
„Wir werden uns durch Russlands Angriffe nicht in unserem gesellschaftlichen Zusammenhalt spalten oder einschüchtern lassen.“
Offen ist, ob nach dem 18. September weitere russische Regierungsflüge nach Deutschland genehmigt würden. Mit der Frist an diesem Freitag endet die konsularische Präsenz Russlands in Bonn – und damit der bislang offizielle Anlass für Ausnahmen vom Luftraumverbot.
