Die Luftabwehr Saudi-Arabiens hat nach Darstellung der von Riad geführten Militärkoalition eine Drohne der Huthi-Miliz abgefangen – am Dienstagabend um 18:50 Uhr Ortszeit, südlich von Mekka. Das Fluggerät wurde zerstört, bevor es in den gesperrten Luftraum über der heiligsten Stadt des Islam eindringen konnte; Trümmer gingen südlich der Stadt nieder.
Bekannt wurde der Vorgang erst am Mittwoch, dem 16. September, über eine Mitteilung des Koalitionssprechers Turki al-Maliki. Der Generalmajor erklärte, der Versuch habe Pilger terrorisieren und Zivilisten schaden sollen. Einen unabhängigen Beleg gibt es bislang nicht: keine Bilder der Trümmer, keine Radaraufzeichnungen, keine Zeugenaussagen. Wie der Bericht über den abgefangenen Flugkörper festhält, stammen alle Angaben zum Ablauf aus der Erklärung der Koalition.
Die Miliz widerspricht vollständig. Der Huthi-Funktionär Hasem al-Assad nannte die Behauptung eine „abgedroschene Lüge“, die schon früher benutzt worden sei und niemanden mehr täuschen könne – die Miliz weist den Vorwurf aus Riad zurück. Eine Huthi-Militärquelle sagte der Nachrichtenagentur SABA, von jemenitischer Seite bestehe keinerlei Bedrohung für Mekka oder andere heilige Stätten.
Die heiligen Stätten als rote Linie
Al-Maliki nannte den Vorgang eine „schändliche Tat“ und einen vorsätzlichen Akt, der die Gefühle von Millionen Muslimen anheize. Das saudische Außenministerium sprach von einem „feigen Terrorangriff“ auf die heiligste Stadt des Islam.
Nach Malikis Darstellung war es der zweite Versuch der Huthis, Mekka zu treffen. 2017 hatte die Miliz seinen Angaben zufolge eine ballistische Rakete auf die Stadt abgefeuert. Deutsche Redaktionen fassten die Meldung als ersten Huthi-Angriff auf Mekka seit 2017 zusammen.
„Die Sicherheit der beiden heiligen Moscheen und Pilger ist eine rote Linie, und das gemeinsame Oberkommando der Koalitionstruppen wird nicht zögern, die notwendigen und abschreckenden Maßnahmen gegen die terroristische Huthi-Miliz zu ergreifen.“
Bereits am Dienstag hatte der saudische Zivilschutz Warnungen für die Pilgerstadt herausgegeben – erstmals seit der neuen Eskalation des Konflikts. Dieselbe Warnung galt auch für Taif und Dschidda; sie wurde nach wenigen Minuten wieder aufgehoben. In Mekka stehen nach Angaben des Deutschlandfunks zahlreiche Flugabwehranlagen; vor der Hadsch im Mai hatte das Verteidigungsministerium Videos der Flugabwehr veröffentlicht.
Huthis melden eigene Treffer und einen Jet-Abschuss
Huthi-Sprecher Jahja Saree bestreitet einen Angriff auf Mekka ebenfalls und stellt eigene Einsätze dagegen. Die Miliz habe eine Ölanlage und einen Militärstützpunkt in Saudi-Arabien angegriffen. „Unsere Einsätze zielen auf Ölanlagen und Militärstützpunkte ab, die weit entfernt von den heiligen Stätten liegen“, sagte Saree.
Zusätzlich meldete die Miliz den Abschuss eines saudischen Kampfflugzeugs vom Typ F-15 über der Provinz Marib. Nach Darstellung Sarees kamen dabei lokal gefertigte Raketen zum Einsatz; Quellen von Al Jazeera zufolge wurde der Jet nahe dem Berg Hilan nordwestlich von Marib getroffen. Eine Bestätigung aus Riad lag zunächst nicht vor.
Die Huthis werfen Saudi-Arabien vor, allein in dieser Woche 450 Angriffe im Jemen geflogen zu haben. Seit Ausbruch der neuen Kämpfe im Juli stieg die Zahl der Verletzten in Saudi-Arabien nach Angaben der Deutschen Welle auf rund 100; im Jemen wurden nach UNHCR-Angaben mehr als 100.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben.
Von der Seeblockade zur Meerenge Bab al-Mandab
Der Zwischenfall fällt in eine seit Juli stark eskalierte Konfrontation. Die Huthis hatten Ende Juli eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien angekündigt und seither wiederholt Ziele im Königreich angegriffen; ein Waffenstillstand von 2022 hatte die Angriffe zuvor weitgehend beendet. In der ersten Septemberhälfte folgten Raketen- und Drohnenangriffe auf saudische Städte und Energieinfrastruktur.
Die Eskalation seit Juli 2026
- Ende Juli 2026Huthis kündigen Seeblockade gegen Saudi-Arabien an
Der Waffenstillstand von 2022 bricht faktisch zusammen; seither greift die Miliz Ziele im Königreich an.
- Anfang August 2026Mekka-Verteidigungspakt unterzeichnet
Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan schließen in Mekka ein Verteidigungsbündnis.
- 8. bis 13. September 2026Angriffe auf die Energieinfrastruktur
Die Ost-West-Pipeline wird getroffen, eine Pumpstation südöstlich von Medina gerät in Brand.
- 14./15. September 2026Angriffe auf Khamis Mushait, Abha und Taif
Nach Angaben der Koalition werden dabei 13 Menschen verletzt; die Quellen nennen unterschiedliche Tage.
- 15. September 2026Alarm in Mekka, Abschuss um 18:50 Uhr
Der Zivilschutz warnt für Mekka, Taif und Dschidda; die Luftabwehr zerstört eine Drohne südlich der heiligen Stadt.
- 16. September 2026Koalition veröffentlicht Mitteilung, Huthis dementieren
OIC, Arabische Liga und Pakistans Regierungschef verurteilen den mutmaßlichen Angriff.
Militärisch entscheidend ist die Huthi-Offensive an der Westküste des Jemen: Die Miliz überrannte nach übereinstimmenden Berichten die Küste des Roten Meeres und eroberte strategische Inseln. Damit beherrscht sie praktisch die Meerenge Bab al-Mandab, den Seeweg zwischen Rotem Meer und Golf von Aden.
Für Saudi-Arabien ist dieser Weg zentral, zumal der Iran die Straße von Hormus faktisch blockiert. Der saudische UN-Botschafter Abdulaziz Al-Wasil warnte im Sicherheitsrat, die Militarisierung von Meerengen bedrohe die Weltwirtschaft; das Königreich behalte sich alle Maßnahmen zum Schutz seiner Sicherheit vor. Kronprinz Mohammed bin Salman wandte sich an Ägypten, beide Seiten forderten die Sicherheit der Schifffahrt.
Getroffen wurde auch die Ost-West-Pipeline, über die Saudi-Arabien Rohöl an das Rote Meer pumpt. Nach Huthi-Angaben wurde eine Pumpstation südöstlich von Medina in Brand gesetzt.
Empörung von Dschidda bis Islamabad
Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), ein Zusammenschluss von 57 muslimischen Staaten mit Sitz in Dschidda, verurteilte den mutmaßlichen Angriff als „abscheulich“. Er sei eine Provokation für Muslime in aller Welt; Gewalt gegen heilige Stätten sei Terrorismus und widerspreche dem Völkerrecht.
„Die Gefährdung der Sicherheit Mekkas und der Unantastbarkeit islamischer heiliger Stätten ist gravierend.“
Für die Arabische Liga wiegt der Vorgang schwer, weil die Huthi-Angriffe auf saudisches Staatsgebiet Sicherheit und Stabilität der gesamten Region gefährdeten. Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif verurteilte den Angriff „in schärfsten Worten“ als feige und abscheulich: „Das Volk Pakistans ist über diesen unerhörten Akt betrübt und beunruhigt“, schrieb er.
Der Mekka-Pakt wartet auf seinen ersten Einsatz
Der erst Anfang August geschlossene Mekka-Verteidigungspakt zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan – der Beistandspakt von Saudi-Arabien, Türkei und Pakistan – sieht sich mit dem Vorfall seiner ersten Bewährungsprobe ausgesetzt. Vertreter der Türkei und Pakistans erklärten, Saudi-Arabien habe bislang keine Unterstützung angefordert; ein türkischer Vertreter verwies darauf, dass die Institutionalisierung des Bündnisses zuerst abgeschlossen werden müsse.
Aus dem Norden droht zusätzlich Gefahr: Das Königreich wird nach Einschätzung mehrerer Redaktionen auch aus dem Irak angegriffen, wo schiitische, iranisch unterstützte Milizen vermutet werden; irakische Ermittler entdeckten Startrampen für Drohnen. Die US-Regierung stufte die Reisewarnung für ganz Saudi-Arabien auf die zweithöchste Stufe herauf und verwies auf das Risiko iranischer Drohnen- und Raketenangriffe.
Ob der Vorfall als Bündnisfall des Mekka-Pakts gilt, ist offen. Riad hat bislang keine Unterstützung angefordert, und die Koalition hat keine Belege für den Abschuss vorgelegt. Solange weder Trümmer noch Radarspuren öffentlich sind, steht der Vorwurf allein auf der Erklärung aus Riad.
