In der Nacht zum Mittwoch hat ein seit Jahren schwer beschädigtes Wohnhaus im Viertel Tal al-Hawa im Westen von Gaza-Stadt seine Bewohner unter sich begraben. Zwischen 2:15 und 3:00 Uhr Ortszeit ging die Meldung über den Einsturz beim Zivilschutz ein; in dem Gebäude hatten nach Behördenangaben mindestens zehn Familien Zuflucht gesucht.
Bis zum Abend meldeten der von der Hamas kontrollierte Zivilschutz und internationale Agenturen mindestens 20 Tote, darunter sechs Kinder. Der BBC-Bericht über den Einsturz in Gaza-Stadt nennt am Ende des Einsatzes mindestens 21 Tote, darunter acht Kinder. Rund 100 Menschen galten als verschüttet.
Die Bergung wurde zum politischen Streitfall. Weil in Gaza schweres Räumgerät fehlt, gruben Helfer mit bloßen Händen. Palästinensische Stellen machen israelische Einfuhrbeschränkungen dafür verantwortlich; Israel begründet sie damit, dass die Maschinen nicht in die Hände militärischer Gruppen geraten dürften.
Ein Haus, das seit 2024 schwer getroffen war
Das Gebäude war durch frühere israelische Angriffe schwer beschädigt. Nach Angaben des Zivilschutzsprechers Mahmoud Basal wurde es 2024 mehrfach und erneut im März 2025 getroffen; die Behörden warnten davor, in das Haus zurückzukehren. Augenzeugen berichteten, es habe nach einem Angriff vor mehr als einem Jahr gefährlich zur Seite geneigt, immer wieder seien Steine herabgefallen.
Auswertungen von Satellitenbildern zeigen, dass die Umgebung des Hauses bereits in den ersten Kriegswochen angegriffen wurde, Schäden am Gebäude selbst aber erst 2024 erkennbar waren. Die Angaben zur Stockwerkszahl schwanken zwischen sechs und sieben Etagen; AFP beschrieb ein sechsstöckiges Haus mit vier Wohnungen pro Etage.
Seit Oktober 2025 gilt eine von den USA vermittelte Waffenruhe, die die großflächigen Kämpfe beendet hat, israelische Angriffe aber nicht. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden in Gaza wurden seitdem mehr als 1.300 Palästinenser getötet, überwiegend Zivilisten; auf israelischer Seite wurden dem Militär zufolge vier Soldaten getötet.
Vom Angriffsziel zum einsturzgefährdeten Zuhause
- 7. Oktober 2023Beginn des Gaza-Krieges
Das Hamas-Massaker in Südisrael tötet rund 1.200 Menschen und führt 251 als Geiseln; die Umgebung des Hauses in Tal al-Hawa wird in den ersten Kriegswochen angegriffen.
- 2024Erste Schäden am Gebäude
Das Haus wird nach Zivilschutzangaben mehrfach getroffen und neigt sich danach gefährlich zur Seite.
- März 2025Erneut getroffen
Nach Angaben von Zivilschutzsprecher Mahmoud Basal trifft Israel das Gebäude wieder; die Behörden warnen vor der Rückkehr.
- Oktober 2025Waffenruhe tritt in Kraft
Die von den USA vermittelte Waffenruhe beendet die großflächigen Kämpfe, israelische Angriffe dauern an.
- 15. September 2026Nacht im beschädigten Haus
Mindestens zehn vertriebene Familien verbringen die Nacht in dem Gebäude und in Zelten daneben.
- 16. September 2026Einsturz und Bergung
Das Haus stürzt zwischen 2:15 und 3:00 Uhr ein; am Ende meldet der Zivilschutz mindestens 20 Tote, BBC und UPI nennen 21.
Graben mit bloßen Händen
Die Bergung gestaltete sich extrem schwierig. „Wir hören immer noch Stimmen unter den Trümmern“, sagte der Leiter des Zivilschutzes von Gaza-Stadt, Raed al-Dahshan. Er warnte die Bevölkerung, sich einsturzgefährdeten Gebäuden fernzuhalten, und sagte, die begrenzte Verfügbarkeit von Unterkünften habe die Bewohner in das Haus getrieben – in der Annahme, es sei sicher.
Der Leiter des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) in Gaza, Alessandro Mrakic, sagte am Unglücksort, mehrere UN-Organisationen und der ägyptische Hilfsdienst beteiligten sich an der Suche, es fehle aber an schwerem Gerät. Ein AFP-Bericht über die Bergungsarbeiten in Gaza-Stadt beschreibt Bagger mit ägyptischen Flaggen und Helfer, die Tote in weißen Leichensäcken bargen.
In Videos war zu sehen, wie Helfer ein zwischen Trümmern feststeckendes, weinendes Kind zu befreien versuchten. Am Mittwochnachmittag erklärte der Zivilschutz die Suche nach Überlebenden für beendet, nachdem 45 Verletzte in Krankenhäuser gebracht worden waren. Im Al-Schifa-Krankenhaus nahmen Angehörige Abschied von den Toten; ein Neffe sagte, sein Onkel Abdallah Abdel Rahman al-Ejlah sei „zusammen mit seiner ganzen Familie“ getötet worden und habe wegen der Überfüllung der Unterkünfte in dem einsturzgefährdeten Haus leben müssen.
„Die Lage ist, wie Sie sehen, tragisch, weil uns die nötige Ausrüstung und die Maschinen fehlen. Deshalb graben Menschen tatsächlich mit bloßen Händen.“
Die Opferzahlen steigen – und widersprechen sich
Die Angaben zur Zahl der Toten wichen bis zuletzt stark voneinander ab. Zuerst meldete der Zivilschutz 11 bis 12 Tote, darunter fünf Kinder, und 14 Verletzte; zwölf Menschen konnten lebend geborgen werden. Später war von 14 Toten die Rede.
Das von der Hamas geführte Gesundheitsministerium nannte über seinen Sprecher Zaher al-Wahidi mindestens 16 Tote, darunter acht Kinder und fünf Frauen, sowie mehr als 25 Verletzte.
Der Zivilschutz und die Agenturen AFP, Reuters und dpa meldeten am Mittwochabend mindestens 20 Tote, darunter sechs Kinder, und 14 Verletzte; tagesschau.de nannte 20 Tote und 25 Verletzte. Am Ende des Einsatzes kamen BBC und UPI auf mindestens 21 Tote, darunter acht Kinder.
Die Widersprüche gehen auf unterschiedliche Erhebungszeitpunkte und zwei verschieden zählende Behörden zurück: den von der Hamas kontrollierten Zivilschutz und das Gesundheitsministerium im Gazastreifen. Gesichert ist, dass mindestens 20 Menschen starben und Kinder unter den Toten sind.
Gemeldete Totenzahl nach dem Einsturz in Gaza-Stadt
Angaben im Verlauf des 16. September 2026, verschiedene Stellen
Der Streit um schweres Gerät
Warum kein schweres Gerät verfügbar war, ist der zentrale Streitpunkt. Palästinensische Stellen und UN-Vertreter machen israelische Einfuhrbeschränkungen verantwortlich; Israel begründet sie damit, dass die Maschinen nicht in die Hände militärischer Gruppen gelangen dürften.
Die palästinensische Regierung in Ramallah forderte die internationale Gemeinschaft auf, Druck auf Israel auszuüben, damit Rettungskräfte, Spezialausrüstung und schweres Gerät in den Gazastreifen gelangen – jede Verzögerung koste weitere Menschenleben. Das Medienbüro der Hamas-Regierung in Gaza erklärte, es mache „die israelische Besatzung und die internationale Gemeinschaft voll und direkt verantwortlich für diese Katastrophe“.
400 weitere Gebäude könnten einstürzen
Mrakic warnte, im Gazastreifen seien rund 400 weitere kriegsbeschädigte Gebäude akut einsturzgefährdet. „Und wir wissen, dass diese Gebäude einstürzen werden, besonders jetzt mit dem nahenden Winter“, sagte er mit Blick auf Regen und starken Wind. Den UN-Partnern vor Ort fehlten Motoröl und Ersatzteile für die vorhandene Ausrüstung.
Nach Angaben des Zivilschutzes leben Zehntausende Palästinenser in rund 2.000 durch israelische Luftangriffe beschädigten Gebäuden. UN-Angaben zufolge wurden rund 80 Prozent aller Bauwerke in Gaza zerstört oder beschädigt; mehr als 1,9 Millionen Menschen sind vertrieben, 1,2 Millionen davon in Zelten oder behelfsmäßigen Unterkünften. Rund 61 Millionen Tonnen Trümmer müssten beseitigt werden – nach UN-Schätzung eine Aufgabe für sieben Jahre.
Der UN-Humanitärkoordinator für die besetzten palästinensischen Gebiete, Ramiz Alakbarov, sagte, er sei erschüttert über die Berichte, und forderte die israelischen Behörden auf, Lieferungen schwerer Maschinen für Rettungseinsätze sowie Zelte und Planen vor dem Winterregen zu genehmigen.
„Die heutige Tragödie zeigt, welch gravierende Risiken Familien in solchen Gebäuden ausgesetzt sind, und wie dringend es sicherer Alternativen bedarf. Niemand sollte sein Leben riskieren müssen, nur um einen sicheren Zufluchtsort zu finden.“
Ein umfassender Wiederaufbau hat bislang nicht begonnen, weil Israel vor größeren Arbeiten die Entwaffnung der Hamas verlangt. Für die rund zwei Millionen Einwohner bleibt die Wahl zwischen provisorischen Lagern und beschädigten Häusern. Die israelische Armee erklärte, sie prüfe die Berichte über den Einsturz – offen ist, wie viele der 400 akut gefährdeten Bauten den nächsten Winter überstehen.
