Zum ersten Mal seit Juli 2023 hat die US-Notenbank den Leitzins wieder angehoben – auf 3,75 bis 4,00 Prozent und damit gegen den erklärten Willen von Präsident Donald Trump. Der Beschluss des Fed-Zentralbankrats fiel am Mittwoch nach zweitägigen Beratungen einstimmig.
Es ist der erste Schritt nach oben seit mehr als drei Jahren: Seit Dezember 2025 hatte die Fed den Satz fünfmal in Folge bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen. An den Terminmärkten war die Anhebung mit etwa 92 Prozent Wahrscheinlichkeit eingepreist, wie aus dem Bericht des Handelsblatts zur Fed-Zinserhöhung hervorgeht.
Fed-Chef Kevin Warsh, seit Mai 2026 im Amt, begründete den Schritt knapp: Die Inflation sei zu hoch und das schon viel zu lange. Analysten hatten die Wahrscheinlichkeit einer Erhöhung im Vorfeld auf 77 Prozent beziffert. Warsh war als Wunschkandidat Trumps für niedrige Zinsen angetreten.
Von der Zinspause zur ersten Erhöhung seit 2023
- Juli 2023Letzte Erhöhung
Die Fed hebt den Leitzins letztmals an – danach folgt eine lange Pause.
- Dezember 2025Fünf Zinspausen in Folge
Der Leitzins bleibt bei 3,50 bis 3,75 Prozent.
- Mai 2026Warsh übernimmt die Fed
Kevin Warsh tritt die Nachfolge von Jerome Powell an.
- Ende August 2026Signal in Jackson Hole
Warsh deutet an, dass die Fed gegen die Teuerung vorgehen muss.
- August 2026Inflation bleibt bei 3,4 Prozent
Zugleich entstehen 162.000 neue Stellen – deutlich mehr als erwartet.
- 16. September 2026Erhöhung auf 3,75 bis 4,00 Prozent
Erste Zinserhöhung seit Juli 2023.
- 16. September 2026Trump greift die Fed an
Der Präsident fordert Zinsen von höchstens einem Prozent; die US-Börsen schließen im Minus.
Inflation seit fünf Jahren über dem Ziel
Hauptgrund für den Schritt ist die anhaltend hohe Teuerung. Im August stiegen die Verbraucherpreise in den USA im Jahresvergleich um 3,4 Prozent – so stark wie bereits im Juli. Die Kerninflation, die volatile Energie- und Lebensmittelpreise ausklammert, betrug 2,4 Prozent.
Damit liegt die Teuerung seit rund fünf Jahren über dem Zielwert von zwei Prozent. Als zweites Argument kamen überraschend starke Arbeitsmarktdaten hinzu: Im August entstanden 162.000 neue Stellen, während Volkswirte im Schnitt nur mit 55.000 gerechnet hatten. Die Arbeitslosenquote lag bei 4,1 Prozent.
US-Inflation im August 2026 im Vergleich
Verbraucherpreise, Kernrate und Zielwert der Fed
Die Fed hat ein duales Mandat: Sie soll zugleich für stabile Preise und für Vollbeschäftigung sorgen. Getrieben wird die Teuerung maßgeblich vom Iran-Krieg, der die Energiepreise in die Höhe treibt. Auch im Euroraum zog die Inflation zuletzt deutlich an und erreichte im Mai mit 3,2 Prozent die höchste Euro-Inflation seit 2023; die EZB hatte vor knapp einer Woche ihren Einlagenzins von 2,25 auf 2,5 Prozent erhöht.
Trump wirft der Fed politische Motive vor
Mit der Erhöhung gerät Warsh auf offenen Konfrontationskurs zum Präsidenten. Trump hatte die Fed seit Monaten zu einer Zinssenkung gedrängt und gedroht, den Handel mit Ländern einzustellen, mit denen die USA ein Handelsbilanzdefizit haben – etwa Deutschland und der Schweiz.
Nach dem Entscheid schrieb Trump auf Truth Social, die Zinssätze sollten „bei einem Prozent oder darunter liegen, denn wir haben die beste Bonität der Welt“. Bei einem Auftritt in North Carolina nannte er Warsh einen „guten Mann“, klagte aber, dieser habe es mit einem „feindseligen Vorstand“ zu tun – wie n-tv über Trumps Angriff auf den Fed-Vorstand berichtet.
„Sie erhöhen die Zinsen, um Trump so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Sie erhöhen sie also ausschließlich aus politischen Gründen.“
Das Weiße Haus nannte die Entscheidung „bedauerlich“. Der stellvertretende Regierungssprecher Kush Desai sagte dem Sender Fox News, der Entscheid stütze sich „nach Ansicht der Regierung nicht auf besonders überzeugende wirtschaftliche Argumente“. Warsh selbst wich der Frage nach einer Botschaft an Trump aus: Er reagierte mit einem Lachen und dem Hinweis, er könne dazu nichts sagen.
Warshs erster Test
Die Personalie Warsh war umstritten: Trump hatte im Mai 2026 seinen Vertrauten an die Spitze der Zentralbank gesetzt, damit dieser für die von ihm gewünschten Niedrigzinsen sorgt. Volkswirte befürchteten, die Fed könne sich von einer datenbasierten Geldpolitik entfernen und politisch gesteuert agieren.
Warsh beteuerte, er habe sich gegenüber dem Präsidenten zu keiner bestimmten Zinsentscheidung verpflichtet und sei von diesem auch nie dazu aufgefordert worden. Mit der Straffung dürfte er zwei Lager besänftigt haben: jene Experten, die seit seinem Amtsantritt Schritte für die Preisstabilität vermisst hatten, und jene Skeptiker, die ihm eine zu große Nähe zu Trump nachgesagt hatten.
„Die Inflation ist zu hoch und das schon viel zu lange.“
Die SRF-US-Korrespondentin Barbara Colpi sagte, Warsh bestehe damit einen „ersten Test, dass er sich nicht politisch vereinnahmen lässt und die Notenbank weiterhin unabhängig Entscheide trifft“. Der VPBank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel sprach von einem Schritt, der die Glaubwürdigkeit der US-Notenbank sichere. Elmar Völker von der LBBW sagte, die Fed mache nun das Gegenteil dessen, was sich Trump wünscht.
Dow Jones verliert 1,21 Prozent
Die Zinserhöhung setzte die US-Aktienmärkte unter Druck. Der Dow Jones Industrial verlor 1,21 Prozent auf 51.461,90 Punkte, der S&P 500 gab 0,45 Prozent auf 7.551,81 Punkte nach. Der technologielastige Nasdaq Composite trat bei 25.978,43 Punkten praktisch auf der Stelle, der Nasdaq 100 schloss kaum verändert bei 28.945 Punkten.
Auch andere Märkte reagierten: Der Euro fiel zum US-Dollar auf ein Tagestief von 1,1461 Dollar, nach 1,1540 Dollar zuvor. Die Rendite zweijähriger US-Anleihen stieg auf ein Jahreshoch. Der Goldpreis fiel zwischenzeitlich um mehr als ein Prozent auf 4.235 Dollar je Feinunze – den tiefsten Stand seit Anfang August – und lag zuletzt bei rund 4.260 Dollar.
Weitere Erhöhungen wahrscheinlich
Es dürfte nicht bei diesem einen Schritt bleiben. 16 der 18 befragten Fed-Mitglieder erwarten mindestens eine weitere Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte in diesem Jahr, vier von ihnen können sich eine noch weitreichendere Straffung vorstellen. Für 2027 rechnen 14 Mitglieder mit einem Leitzins von 4,00 bis 4,25 Prozent.
Die Fed hob zugleich ihre Prognosen an: Für 2026 erwartet sie nun eine Teuerungsrate von 3,7 Prozent, nach 3,6 Prozent im Juni und 2,7 Prozent vor Beginn des Iran-Kriegs. Für 2027 werden weiter 2,3 Prozent erwartet. Die Wachstumsprognose stieg für 2026 auf 2,3 Prozent und für 2027 auf 2,4 Prozent.
Robert Sockin, US-Chefökonom des Finanzdienstleisters PGIM, sagte, historisch neige die Fed nicht dazu, ihre Geldpolitik mit einer einzigen Anhebung oder Senkung anzupassen. Maxime Darmet-Cucchiarini von Allianz Trade rechnet mit einer zweiten Zinsanhebung im Dezember. Bei der nächsten Sitzung entscheidet sich, ob die Fed nachlegt – und ob Trump seinen Druck auf Warsh weiter erhöht.
