Am Gate A34 des Flughafens Berlin-Brandenburg hat ein Fluggast minutenlang auf einen 48-jährigen Mitarbeiter eingeschlagen – vor laufender Überwachungskamera, während sein Opfer bereits blutend am Boden lag. Erst als mehrere Passagiere den Angreifer überwältigten, endete die Attacke. Die Aufnahmen zeigen nach Angaben mehrerer Medien einen Angriff von knapp drei Minuten Dauer.
Der Vorfall ereignete sich nach Angaben der Flughafengesellschaft FBB am Abend des 6. September 2026 gegen 22 Uhr im Sicherheitsbereich von Terminal 1 in Schönefeld. Betroffen war ein Beschäftigter des Bodenverkehrsdienstleisters Swissport, der im Auftrag einer Airline das Boarding des Air-Baltic-Flugs BT 830 nach Tallinn verantwortete; die Maschine sollte um 22.05 Uhr abheben.
Auf den Videoaufnahmen ist zu sehen, wie der Angreifer über mehrere Minuten auf den Mann einschlägt und eintritt, wiederholt gegen dessen Kopf. Er setzte die Attacke fort, als das Opfer schon am Boden lag, folgte ihm, als es durch eine Tür zu fliehen versuchte, drückte es gegen eine Wand und ließ erst ab, als Passagiere eingriffen.
Der Streit am Gate A34
Ganz geklärt ist nicht, warum das Boarding verweigert wurde. Ein Sprecher der Polizeidirektion Südbrandenburg schilderte, zwei Fluggäste aus Estland seien zu spät am Gate erschienen und deshalb nicht mehr zugelassen worden; daraus habe sich der Streit mit dem Mitarbeiter entwickelt. Andere Berichte nennen starken Alkoholkonsum als Grund für das verweigerte Boarding.
Der Haupttatverdächtige ist ein 22 Jahre alter Este, der laut Polizei „ziemlich heftig und oft“ auf den Mitarbeiter einschlug. Gegen einen 36 Jahre alten Landsmann, der während der Attacke mögliche Helfer abgeschirmt und auf Abstand gehalten haben soll, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe; er ist weiter auf freiem Fuß.
Ein namentlich nicht genannter Flughafenmitarbeiter beschrieb die Szenen gegenüber der „Märkischen Allgemeinen“ als „wie aus einem Horrorfilm“. Die Tat ereignete sich im Sicherheitsbereich des Terminals 1.
Not-OP in der Nacht
Der Rettungsdienst brachte den schwer verletzten Mann in ein Krankenhaus. Angaben zum Gesundheitszustand machte die Flughafengesellschaft aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht. Die „Bild“-Zeitung berichtete unter Berufung auf Kollegen, der 48-Jährige habe noch in derselben Nacht notoperiert werden müssen; zeitweise sei unklar gewesen, ob er sein Augenlicht behält.
Er habe zunächst auf der Intensivstation eines Berliner Krankenhauses gelegen, hieß es in den Berichten weiter. Die Berliner Zeitung meldete einen Jochbeinbruch und weitere Knochenbrüche, das Augenlicht sei gerettet worden. Die Staatsanwaltschaft Cottbus bestätigte inzwischen, dass der Mitarbeiter das Krankenhaus verlassen konnte.
Erst Körperverletzung, dann Totschlag
Zunächst ermittelte die Staatsanwaltschaft Cottbus wegen gefährlicher Körperverletzung. Nach einer Neubewertung der Lage beantragte sie Haftbefehl wegen des Verdachts des versuchten Totschlags, den das Amtsgericht Königs Wusterhausen erließ.
Festgenommen wurde der 22-Jährige am Dienstag, dem 15. September 2026, in Deutschland. Seitdem sitzt er in der JVA Cottbus-Dissenchen in Untersuchungshaft. Zuvor war er tagelang auf freiem Fuß – ein Umstand, den die „Märkische Allgemeine“ in einer Frage an die Staatsanwaltschaft aufgriff.
Die Flughafensicherheit wurde neben der Bundespolizei alarmiert; die Bundespolizei nahm den Mann zunächst in Gewahrsam, die weiteren Ermittlungen führt die Landespolizei Brandenburg. Die Angaben zum Alter des Tatverdächtigen schwankten in der ersten Berichterstattung zwischen 21 und 22 Jahren; die auf die Staatsanwaltschaft gestützten Berichte nennen einheitlich 22 Jahre.
Wie der Flughafen reagiert
Öffentlich bekannt wurde der Fall erst rund zehn Tage später: Am 16. September berichtete die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Videoaufnahmen, am 17. September bestätigte die Flughafengesellschaft FBB den Angriff auf Anfrage.
Flughafen-Chefin Aletta von Massenbach, Vorsitzende der Geschäftsführung der FBB, erklärte, ein solcher tätlicher Angriff auf einen Beschäftigten am BER habe es noch nicht gegeben; das Ausmaß der Gewalt mache sie fassungslos. Der Satz ist die schärfste Reaktion des Flughafens – und er fällt in einer Debatte, in der die FBB selbst unter Druck steht.
„Wir verurteilen solche Taten, egal wo sie passieren, auf das Entschiedenste und unterstützen die Ermittlungen der Landespolizei Brandenburg nach Kräften. Dem verletzten Mitarbeiter des Bodenabfertigungsunternehmens und seiner Kollegin wünschen wir alles Gute und baldigste Genesung.“
Eine Flughafensprecherin schilderte, wartende Passagiere und eine Kollegin des Dienstleisters hätten den Mann aufzuhalten versucht; Bundespolizei und Flughafensicherheit seien „binnen kurzer Zeit vor Ort“ gewesen. Das deckt sich nicht mit den Videoaufnahmen, auf denen während der knapp drei Minuten dauernden Attacke keine Sicherheitskräfte zu sehen sind.
Einzelfall oder Dauerzustand?
Der BER bezeichnet tätliche Angriffe auf Beschäftigte als „nach wie vor sehr seltene Einzelfälle“, die man „dennoch sehr ernst“ nehme. Der Flughafen erfülle die gesetzlichen und behördlichen Anforderungen an die Personalausstattung für die Sicherheit sogar über.
Verdi-Sekretär Enrico Rümker hält dagegen: Angriffe auf Personal am BER seien „längst keine Einzelfälle mehr“. Allein der Bodenverkehrsdienstleister Swissport hat in diesem Jahr bislang fast 200 Attacken auf Swissport-Personal am BER registriert – dabei ist Swissport nur eines von drei Unternehmen am BER, die einchecken, das Boarding überwachen und Gepäck verladen.
Verdi kritisiert zugleich, dass beim Sicherheitspersonal gespart werde und dadurch wertvolle Zeit verloren gehen könne. Übergriffe auf Flugpersonal sind kein reines Bodenproblem: Schon im Juli führte der Angriff auf eine Stewardess an Bord eines Flugs zu einem Verfahren, in dem sich ein Mann aus dem Ruhrgebiet auf islamisches Recht berief.
Offen ist, ob die Staatsanwaltschaft Cottbus Anklage wegen versuchten Totschlags erhebt und ob auch der 36 Jahre alte Begleiter in Untersuchungshaft kommt. Der Flughafen hält an seiner Einordnung als seltenem Einzelfall fest, Verdi widerspricht – der Streit um Sicherheit und Personal am BER ist damit nicht beendet.
