Jean Pütz wird 90 und will mit Tochter auf den Abiball tanzen
Fast blind, eine neue Herzklappe, ein Oberschenkelhalsbruch – und trotzdem lädt Jean Pütz zu einer Party mit 300 Gästen. Sein Ziel: Er will 100 werden und in vier Jahren mit Tochter Julie auf dem Abiball tanzen.
Jean Pütz (90) sieht nur noch rund zwei Prozent, kann nicht mehr lesen und nicht mehr schreiben – und lädt für diesen Montag trotzdem zu einer Party mit 200 bis 300 Gästen. Der Erfinder der WDR-„Hobbythek“ wird am 21. September 2026 neunzig Jahre alt.
Geschenke will er keine. „Mein Leben ist das größte Geschenk“, sagt Pütz. Als Siebenjähriger erlebte er im Juli 1943 einen schweren Luftangriff auf Köln: Von 60 Menschen in einem engen Luftschutzkeller kamen nur fünf heraus.
Party für 300 Gäste und ein Versprechen
„Ich habe eine große Party auf unserem Bauernhof geplant. Da haben wir genug Platz für 200, 300 Leute. Es kommen etwas mehr, weil ich nur die vollen Jahreszahlen feiere“, sagt er. Sein Anwesen eine Autostunde von Köln nennt er „Pützerosa-Ranch“; erst vor wenigen Monaten bezog er zusätzlich eine Wohnung mit Blick auf Dom und Rhein.
Der stärkste Antrieb ist familiär: Tochter Julie wurde 2010 geboren, als Pütz 74 Jahre alt war. Ihr hat er ein Versprechen gegeben – schon 2017 kündigte er an, mit ihr beim Abiball tanzen zu wollen. Jean Pütz' Plan für den Abiball seiner Tochter treibt ihn bis heute an.
„Ich habe ihr versprochen, dass ich sie tanzend beim Abiturball auf die Bühne führen will. Und das werde ich auch durchhalten.“
Jean Pütz, Wissenschaftsjournalist und früherer „Hobbythek“-Moderator
Zwei Prozent Sehvermögen
Gesundheitlich ist Pütz schwer gezeichnet. Er hat einen Oberschenkelhalsbruch und eine Herzklappen-Operation hinter sich, nach eigenen Angaben litt er außerdem an Hautkrebs. Wegen altersbedingter Makuladegeneration liegt sein Sehvermögen bei rund zwei Prozent – Lesen und Schreiben ist ihm nicht mehr möglich, er diktiert alles.
"Ich habe einen Panoramablick, aber ich habe keinen Durchblick mehr. Das ist mein Spruch. Aber: Man darf nicht aufgeben!", sagt er – wie das WDR-Porträt zu Pütz' 90. Geburtstag festhält. Die neue Herzklappe gibt ihm eine Frist: Sie halte 15 Jahre, habe man ihm gesagt – da liege sogar sein 100. Geburtstag drin.
Vom Waschmittel zum Methanol
Sein spätes Thema ist die Energiepolitik. In seinem neuen Buch "Wie wir von fossilen Energien unabhängig werden" wirbt er für grünes Methanol als weltweit handelbaren flüssigen Energieträger – wie die dpa-Reportage aus seiner Kölner Wohnung beschreibt.
Dass er weitermachen will, macht er deutlich: „Ich will ja jetzt auch noch 100 werden. Deswegen mache ich weiter und mische mich auch ein. Insbesondere in die Technologiepolitik.“ Selbstironie hat er dabei: „Meine Frau sagt, ich bin Methanolfetischist. Die findet das ein bisschen affig.“
Stationen eines langen Fernsehlebens
21. September 1936
Geburt in Köln
Pütz kommt als Sohn eines Kölner Bierbrauers und einer Luxemburgerin zur Welt und wächst weitgehend in Luxemburg auf.
1959
Diplom-Ingenieur
Nach einer Elektrikerlehre und einer Aufnahmeprüfung für Sonderbegabte schließt er sein Studium der Nachrichtentechnik in Köln ab.
1970
Festangestellter WDR-Redakteur
Pütz leitet bald die Redaktion Naturwissenschaft und Technik.
1974
Start der „Hobbythek“
Die von ihm erfundene Sendung läuft bis 2004 – insgesamt 345 Folgen mit dem Satz „Ich hab' da mal was vorbereitet“.
1984
Vorläufer von „Quarks“
Aus seiner „Wissenschaftsshow“ geht später das WDR-Wissensmagazin „Quarks“ hervor.
2010
Tochter Julie wird geboren
Mit 74 Jahren wird Pütz erneut Vater.
21. September 2026
90. Geburtstag
Auf seinem Bauernhof erwartet er 200 bis 300 Gäste.
Ein Platz für die Ewigkeit
Über sein Ende hat Pütz längst gesprochen. Auf dem Kölner Melatenfriedhof hat er sich eine Gruft reservieren lassen – „eine Gruft, in die außer uns noch 18 Zeitgenossen hineinpassen. Meine Familie und gute Freunde sind herzlich willkommen. Allerdings erst dann, wenn sie in die ewigen Jagdgründe gewandert sind“.
Sein größter Zukunftswunsch ist politisch: „Ich hoffe, dass wir die Demokratie behalten. Man sollte zumindest helfen, dass das geschehen. Weil ich den Faschismus als Kind erlebt habe, hoffe ich, dass der nie wiederkommt.“ In vier Jahren will er mit Julie auf dem Abiball tanzen. Ob sein Körper mitspielt, entscheidet sich bis dahin.