In 45 Prozent der deutschen Notaufnahmen war die Versorgung am Stichtag 2. Juni 2026 überlastet. In 5,5 Prozent der Häuser war sie so kritisch eingeschränkt, dass die individualmedizinische Versorgung nicht mehr vollumfänglich möglich war – die Überlastungsampel stand auf Schwarz.
Die Zahlen stammen aus der dritten Blitzumfrage der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA), die ZDF „frontal“ und der „Spiegel“ am 22. September 2026 veröffentlichten. 271 auswertbare Notaufnahmen aus allen 16 Bundesländern machten mit: 82 Basisversorger, 105 erweiterte Versorger und 84 umfassende Notfallversorger. Zusammen kamen sie 2025 auf 8.521.888 Notfallpatientenkontakte.
Gemessen wurde mit der sechsstufigen Überlastungsampel CEDOC, die von Level 1 (entspannt) über Level 4 (überbelegt) bis Level 6 (kritisch) reicht. 31,4 Prozent der Einrichtungen meldeten Level 4, 8,1 Prozent Level 5 und 5,5 Prozent die höchste Stufe 6. Zusammengenommen verzeichneten 13,7 Prozent der Notaufnahmen einen besonders kritischen Zustand.
Für DGINA-Präsident Martin Pin folgt daraus ein Sicherheitsrisiko für Patienten, nicht bloß eine organisatorische Engstelle – er verweist auf internationale Studien zu überlasteten Notaufnahmen.
„Die Ergebnisse der Blitzumfrage erschrecken uns sehr. Denn wir wissen aus großen internationalen Studien, dass in solchen Belastungssituationen die Patientensicherheit gefährdet ist.“
Fertig behandelt, aber kein Bett frei
Der wichtigste Grund für die Überlastung ist nicht der Zustrom neuer Patienten, sondern der fehlende Abfluss. In 60,6 Prozent der Kliniken trat am Erhebungstag ein Exit-Block auf (n=269): Patienten, deren Akutbehandlung in der Notaufnahme abgeschlossen war, konnten nicht auf eine reguläre Station verlegt werden, weil dort keine Betten frei waren.
Häufigste Einzelursache war mit 60,9 Prozent die verzögerte Abverlegung auf die Normalstation infolge von Bettenmangel. Bei den umfassenden Notfallversorgern lag der Wert für den Exit-Block sogar bei 77,4 Prozent, der für Überfüllung bei 61,9 Prozent.
Notfallmediziner gehen davon aus, dass ein Exit-Block ab einer Belegungsquote von 85 Prozent schwierig und ab 90 Prozent kaum noch vermeidbar ist.
Die von ZDF begleiteten Häuser zeigen, wie eng es zugeht: Am Klinikum Fürth löste am Stichtag um 12:03 Uhr der Verdacht auf eine Sepsis bei einer kritischen Patientin den Schockraum-Alarm aus, Oberarzt Luan Garibaldi zufolge gibt es dort an etwa fünf von sieben Tagen Overcrowding. Am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg trafen um 10:55 Uhr fast zeitgleich zwei kritische Patienten ein, einer wurde auf dem Weg in den Schockraum reanimiert.
Unbesetzte Stellen und ignorierte Leitstellen
Verschärft wird die Lage durch das Personal: 63,1 Prozent der Notaufnahmen berichteten von unbesetzten Stellen im ärztlichen Dienst oder in der Pflege, 65,7 Prozent von Personalverlust durch akute Krankheitsausfälle. Rund die Hälfte der Teilnehmer gab an, die Belastung habe sich in den vergangenen zwölf Monaten weiter verschlechtert.
Nur 31,8 Prozent hielten ihre pflegerische beziehungsweise ärztliche Personalausstattung für ausreichend (n=267), 49,4 Prozent verzeichneten eine Zunahme der Arbeitsbelastung.
Entlastung von außen gab es kaum: 32,1 Prozent der Notaufnahmen meldeten der Integrierten Leitstelle eine Kapazitätserschöpfung – die DGINA-Blitzumfrage im Ärzteblatt weist aus, dass von diesen 86 Abteilungen 79,1 Prozent dennoch weiter mit Notfallpatienten belegt wurden.
Weniger Überlastung als 2022 – eine Entwarnung ist das nicht
Es ist die dritte Blitzumfrage dieser Art. Im Juli 2022 meldeten 65,7 Prozent der 362 teilnehmenden Notfallkliniken eine Überlastung, 84 Prozent einen Exit-Block und 98,6 Prozent Personalengpässe. Bei der zweiten Erhebung am 14. November 2023 waren es unter 389 Kliniken 59,1 Prozent mit Überfüllung, 85,3 Prozent mit Verlegungsproblemen und 93,3 Prozent mit Personalengpässen.
Die niedrigeren Werte lassen sich nicht ohne Weiteres als Verbesserung lesen. Die Erhebungen fanden zu unterschiedlichen Jahreszeiten und Stichtagen statt, auch die zeitliche Abfrage unterscheidet sich.
Überlastung, Exit-Block und Personalengpässe in drei DGINA-Blitzumfragen
Anteil der befragten Notaufnahmen in Prozent
Reform soll im Herbst 2026 beschlossen werden
Die neuen Zahlen dürften die Debatte um die Reform der Notfallversorgung befeuern. Das Bundeskabinett hat dem Gesetzentwurf zugestimmt, der Bundestag beriet ihn am 9. Juli 2026 in erster Lesung und überwies ihn an die Ausschüsse; federführend ist der Gesundheitsausschuss.
Dort fand am 9. September 2026 eine öffentliche Anhörung statt. Fachverbände, Ärzteschaft und Krankenhausvertreter unterstützten das Ziel einer besseren Patientensteuerung, kritisierten aber Finanzierung, Zuständigkeiten und mögliche Doppelstrukturen.
Kern des Entwurfs sind Integrierte Notfallzentren (INZ), die Notaufnahme, Notdienstpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung und gemeinsame Ersteinschätzung verbinden. Vorgesehen sind zudem eine engere digitale Vernetzung der Nummern 116117 und 112 sowie für Akutfälle telemedizinische und aufsuchende Angebote über die 116117.
Der Rettungsdienst soll im Recht der gesetzlichen Krankenversicherung stärker als eigenständige medizinische Leistung verankert werden. Die Verabschiedung des Gesetzes ist für Herbst 2026 geplant.
Von der ersten Blitzumfrage bis zur Reform
- Juli 2022Erste DGINA-Blitzumfrage
362 Notfallkliniken: 65,7 Prozent melden Überlastung, 84 Prozent einen Exit-Block, 98,6 Prozent Personalengpässe.
- 14. November 2023Zweite DGINA-Blitzumfrage
389 Notfallkliniken: 59,1 Prozent melden Überfüllung, 85,3 Prozent Verlegungsprobleme, 93,3 Prozent Personalengpässe.
- 2. Juni 2026Stichtag der dritten Blitzumfrage
271 Notaufnahmen aus allen 16 Bundesländern melden zu 45 Prozent eine Überlastung; ZDF begleitet das Klinikum Fürth und das Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg.
- 9. Juli 2026Erste Lesung im Bundestag
Der Gesetzentwurf zur Reform der Notfallversorgung wird beraten und an die Ausschüsse überwiesen.
- 9. September 2026Öffentliche Anhörung im Gesundheitsausschuss
Verbände unterstützen das Ziel einer besseren Patientensteuerung, kritisieren aber Finanzierung und mögliche Doppelstrukturen.
- 22. September 2026Veröffentlichung der Ergebnisse
ZDF „frontal“ und „Spiegel“ präsentieren die DGINA-Zahlen, weitere Medien berichten.
94 Euro Verlust pro Notfallpatient
Der Gesundheitsökonom Matthias Brachmann von der Universität Witten/Herdecke verweist auf finanzielle Fehlanreize: Wer Geld verdienen wolle, brauche hohe Fallzahlen. Die Notaufnahmen selbst seien ein Verlustgeschäft – im Schnitt zahlten Klinikbetreiber 94 Euro pro gesetzlich versichertem Notfallpatienten drauf.
„Die Notaufnahmen stehen nackt im Sturm des Kostendrucks in den Krankenhäusern. Und in der finanziellen Lage aktuell ist der Sparanreiz brutal“, sagt Brachmann in der ZDFheute-Analyse zur Notaufnahme.
Die DGINA fordert seit Jahren ein kontinuierliches Monitoring der Belastung, belastbare Personalstrukturen sowie verbindliche Bettenkontingente für Notfallpatienten auf Normal-, Intensiv- und Intermediate-Care-Stationen. Überlastung sei kein internes Prozessproblem der Notaufnahmen, sondern eng mit personellen Ressourcen, stationären Anschlusskapazitäten und regionaler Steuerung verknüpft.
Auf dem Krankenhausgipfel der Deutschen Krankenhausgesellschaft in Berlin stellte Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) 550 Millionen Euro zusätzliche Mittel für Kliniken in Aussicht, gekoppelt an das Gesetz. DKG-Vorstandschef Gerald Gaß forderte einen grundlegenden Kurswechsel und verwies auf 176.000 Vollzeitkräfte, die ausschließlich mit Bürokratie beschäftigt seien; die AOK-Bundesverbandsvorsitzende Carola Reimann warnte vor pauschaler Deregulierung.
Ob die 550 Millionen Euro tatsächlich fließen und ob der Bundestag die Reform noch im Herbst 2026 beschließt, ist offen. Bis dahin bleibt es bei Stichtagserhebungen wie der vom 2. Juni – und bei Notaufnahmen, die an vielen Werktagen damit rechnen müssen, dass fertig behandelte Patienten kein Bett finden.
