Schulstreik gegen Wehrpflicht mobilisiert 45.000 Schüler bundesweit
Wegen der früher als geplant angelaufenen Musterungen sind am Freitag mehr als 45.000 Schülerinnen und Schüler in rund 100 Städten gegen die Wehrpflicht auf die Straße gegangen. In Nordrhein-Westfalen blieb die Beteiligung an mehreren Orten deutlich unter den Erwartungen.
Wegen der vorzeitig angelaufenen Musterungen sind am Freitag mehr als 45.000 Schülerinnen und Schüler gegen die Wehrpflicht auf die Straße gegangen. Nach Angaben der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ war es der vierte Aktionstag dieser Art; der bundesweite Protest gegen die Wehrpflicht richtete sich auch gegen die bereits laufenden Vorladungen. Eigentlich sollte die flächendeckende Musterung erst Mitte 2027 beginnen – in einigen Regionen lädt die Bundeswehr aber schon jetzt vor.
Getragen werden die Proteste von dem Aktionsbündnis „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, das dezentral über Schulkomitees organisiert ist. Als Sprecher tritt der 22-jährige Informatikstudent Bela Breitner aus Bochum auf. Er wirft der Bundesregierung vor, die Wehrpflicht schrittweise einzuführen. In Schleswig-Holstein sollen laut Berichten auch Männer vorgeladen worden sein, die im Fragebogen kein Interesse am Dienst angegeben hatten.
„Erst Fragebögen, jetzt die angekündigten Zwangsmusterungen, die eigentlich erst Juli 2027 beginnen sollten. Die Bundesregierung meint es ernst damit, die Wehrpflicht schrittweise einzuführen. Die Rückmeldung der Fragebögen zeigt, dass Jugendliche nicht zur Bundeswehr wollen.“
Bela Breitner, Sprecher des Aktionsbündnisses „Schulstreik gegen Wehrpflicht“
Polizeizahlen gibt es nur regional
Bundesweite Teilnehmerzahlen veröffentlicht die Polizei nicht, sie nennt nur regionale Angaben. Die größte Versammlung gab es in Berlin-Wedding: Dort kamen am Mittag 2.400 Menschen auf dem Leopoldplatz zusammen, die Demonstration verlief laut Polizei friedlich. In Hamburg zählten die Beamten rund 1.900 Menschen am Hachmannplatz nahe dem Hauptbahnhof; am frühen Abend startete dort eine weitere Demo am Stephansplatz.
In München zählte die Polizei 700 Demonstrierende, in Kiel 600 bei 1.000 angemeldeten Teilnehmern, in Nürnberg 400, in Stuttgart 200 und in Frankfurt am Main 180. In Schleswig-Holstein kamen in Flensburg etwa 200, in Lübeck 60 bis 70, in Neumünster rund 50 und in Itzehoe rund 40 Menschen zusammen. Demonstrationen gab es auch in Braunschweig, Hannover, Osnabrück, Göttingen, Lüneburg, Greifswald, Rostock und Schwerin.
In Nordrhein-Westfalen blieb die Beteiligung an mehreren Orten hinter den Erwartungen zurück. In Düsseldorf zählte die Polizei rund 60 statt 80 angemeldeter Teilnehmer, in Krefeld etwa 30 statt 200, in Duisburg knapp 20 – dort gehörte die Hälfte der Anwesenden zum Organisationsteam. In Bielefeld kamen rund 350 Teilnehmende, in Aachen mehr als 100. Der WDR wertet den Zulauf zu den Schülerdemos in NRW als schwächer als bei früheren Aktionen.
Teilnehmende an den Schülerprotesten am 25. September 2026
Quelle: Polizeiangaben, zitiert von ZDF, tagesschau und WELT
Was das neue Wehrdienstgesetz vorsieht
Das Ende 2025 beschlossene Wehrdienst-Modernisierungsgesetz trat zum 1. Januar 2026 in Kraft. Kern ist die verpflichtende Musterung für junge Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008; auch der Fragebogen muss seit Januar ausgefüllt werden, unabhängig davon, ob Interesse am Dienst angegeben wurde. Die Wehrpflicht selbst ist seit 2011 ausgesetzt. Bis 2035 soll die Truppe auf 255.000 bis 270.000 Soldatinnen und Soldaten wachsen.
Seit Juli lädt die Bundeswehr volljährige Männer zur Musterung, laut n-tv wurden seither fast 1.000 vorgeladen – darunter auch 18-Jährige ohne Wehrdienstinteresse. Zum Stichtag 31. Juli 2026 zählte die Truppe rund 186.700 Männer und Frauen, so viele wie seit 13 Jahren nicht mehr. Bis Mitte des Jahres blieb es bei nur 530 Einberufungen für 2026.
Vom Gesetz zum vierten Schulstreik
Dezember 2025
Neues Wehrdienstgesetz beschlossen
Bundestag und Bundesrat verabschieden das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz.
1. Januar 2026
Gesetz tritt in Kraft
Verpflichtender Fragebogen und verpflichtende Musterung für Männer ab Jahrgang 2008; Ziel sind 255.000 bis 270.000 Soldaten bis 2035.
Juli 2026
Erste Musterungen laufen an
Die Bundeswehr lädt volljährige Männer vor; laut n-tv fast 1.000 seit Juli. Flächendeckend war der Start erst für Juli 2027 geplant.
24. September 2026
Übung „Red Storm Charlie“ beginnt
In Hamburg üben rund 500 Soldaten mit Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Polizei die Zusammenarbeit in einer fiktiven Krisenlage.
25. September 2026
Vierter bundesweiter Schulstreik
Nach Angaben der Initiative demonstrieren mehr als 45.000 Schülerinnen und Schüler in rund 100 Städten.
Kritik: Linksextremismus und Schulpflicht
Die Schulstreiks stehen erneut in der Kritik. In Schleswig-Holstein liegen dem Verfassungsschutz Hinweise vor, dass sich die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), die Jugendorganisation der vom Verfassungsschutz beobachteten DKP, an den Protesten beteiligt, um Einfluss zu gewinnen und Mitglieder zu rekrutieren; das bestätigte eine Sprecherin des Innenministeriums. Auch der Verfassungsschutz in NRW sieht eine Beeinflussung durch Linksextremisten; in Düsseldorf wehten Flaggen des MLPD-Jugendverbands „Rebell“, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Die Initiative hält dagegen: Die Bewegung stehe jedem offen, der sich gegen Wehrpflicht und Militarisierung wehre. Das Bildungsministerium Schleswig-Holsteins erinnerte zugleich an die Schulpflicht – wer demonstriere, könne sich nicht vom Unterricht beurlauben lassen, unentschuldigte Fehlzeiten würden im Zeugnis ausgewiesen. Bildungsministerin Dorit Stenke (CDU) hatte das Engagement junger Menschen zuvor als wichtig bezeichnet. In Schleswig-Holstein waren die meisten Teilnehmenden von ihren Eltern entschuldigt.
In Hamburg verband sich der Aktionstag mit dem Protest gegen die Bundeswehrübung „Red Storm Charlie“. Rund 500 Soldaten übten dort seit dem 24. September mit Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Polizei die Zusammenarbeit in einer fiktiven Krisenlage; die Übung lief bis zum 26. September. Im Juli 2027 soll die Musterung flächendeckend anlaufen. Verfehlt die Truppe ihre Zielkorridore, kann der Bundestag über eine Wiedereinsetzung der Wehrpflicht entscheiden.