DGB zählt 175.000 Demonstranten in 15 Großstädten
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Sozialstaat

DGB zählt 175.000 Demonstranten in 15 Großstädten

Der DGB hat nach eigenen Angaben rund 175.000 Menschen gegen die Sozial- und Rentenreformpläne der Bundesregierung mobilisiert. In Essen blieb die Teilnehmerzahl unter den Erwartungen – und die Arbeitgeber werfen den Gewerkschaften „rituelle Reformverweigerung“ vor.

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Nach Angaben des DGB protestierten am Samstag bundesweit rund 175.000 Menschen in 15 Großstädten gegen die Sozial- und Rentenreformpläne der schwarz-roten Bundesregierung – die erste Bilanz des Massenprotests gegen Sozialabbau.

Zu dem Aktionstag unter dem Motto „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ hatten der DGB und seine acht Mitgliedsgewerkschaften aufgerufen. Unterstützt wurden sie von Sozial-, Wohlfahrts- und Umweltverbänden sowie dem globalisierungskritischen Bündnis Attac.

Kundgebungen und Demonstrationszüge gab es in Berlin, Bremen, Erfurt, Frankfurt am Main, Freiburg, Hamburg, Hannover, Kiel, Leipzig, Magdeburg, Nürnberg, Rostock, Saarbrücken und Stuttgart. Die zentrale Veranstaltung fand auf dem Essener Burgplatz statt, mitten im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Dort zählte der DGB NRW rund 18.000 Teilnehmende, die Polizei sprach von etwa 12.000. Die Organisatoren hatten zunächst mit 10.000 Menschen gerechnet. Kanzler Friedrich Merz hatte wenige Tage zuvor trotz der CDU-Niederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin erklärt: „Die Reformen müssen kommen.“

Essen wird zum Zentrum des Protests

Hauptrednerin in Essen war die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi, die seit Monaten gegen die Kürzungspläne mobilisiert. Sie nannte die Reformen „respektlos“ und einen „Frontalangriff auf den hart erkämpften Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung“. Der Sozialstaat sei „kein Geschenk der Politik und der Arbeitgeber“, sondern „hart erarbeitet“.

„Wir lassen uns nicht einfach nehmen, was wir in vielen Jahren an sozialen Standards aufgebaut haben“, sagte Fahimi in Essen. Die Gewerkschaften seien „bereit für Veränderung“, jedoch nicht, „indem unsere Rechte geschliffen, unsere soziale Sicherheit gekürzt und unsere Lebensleistung entwertet werden“.

Auf den Plakaten in Essen standen Parolen wie „Solidarität statt Sozialkahlschlag“, „Merz macht Kahlschlag – wir machen Widerstand“ oder „Tax the Rich“. Die Linke war stark vertreten, auch die marxistisch-leninistische Partei mobilisierte. Fahnen der Grünen waren nur vereinzelt zu sehen, von SPD oder CDU nichts.

Auch in den anderen Städten griffen Gewerkschaftsspitzen die Koalition an. ver.di-Chef Frank Werneke warf ihr in Frankfurt am Main einen „Angriff“ auf Beschäftigtenrechte und Sozialstaat vor; es müsse Schluss sein mit dem „Klassenkampf von oben“. In Nürnberg sagte IG-Metall-Chefin Christiane Benner: „Der wirtschaftliche Wandel gelingt nur mit Vertrauen in die Zukunft und mit Solidarität.“

In Hannover sagte die VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo, die Arbeitgeber hätten „den Anstand verloren“. Sie sehe „einen Angriff auf unsere Arbeitszeiten, unsere Arbeitsbedingungen, auf unsere Gesundheit, auf unser Entgelt-Niveau und auf unsere Rente“ – das mache sie wütend, „weil ich es als einen echten Verrat empfinde“. IGBCE-Chef Michael Vassiliadis warnte am selben Ort, Deutschlands Industrie verliere derzeit 15.000 Arbeitsplätze pro Monat.

Die größten Kundgebungen des DGB-Aktionstags

Teilnehmende nach Polizeiangaben am 26. September 2026; für Nürnberg nennt die Polizei eine Spanne von 20.000 bis 25.000

Quelle: Polizeiangaben, 26. September 2026

Der Streit um Rente, Arbeitszeit und Pflege

Kern des Konflikts sind die Reformvorhaben der Bundesregierung im sozialen Bereich. Der DGB lehnt eine ganze Reihe davon ab:

  • Abschaffung des Acht-Stunden-Tages durch eine Neufassung des Arbeitszeitgesetzes zugunsten flexiblerer Wochenarbeitszeit
  • Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag
  • Ausweitung sachgrundloser Befristungen auf bis zu 48 Monate
  • höhere Zuzahlungen im Gesundheitswesen und steigende Eigenanteile in der Pflege
  • Wegfall der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren
  • schrittweise steigendes Renteneintrittsalter
  • schlechtere Bedingungen für Altersteilzeit

Bei der Rente verwies Fahimi darauf, dass 55 Prozent der Berechtigten der abschlagsfreien Rente Männer und 45 Prozent Frauen seien und diese Gruppe im Schnitt zehn Jahre länger in das System eingezahlt habe. „Diese Rentenleistung nach 45 Beitragsjahren darf nicht fallen“, sagte sie. Zudem warnte sie vor einem Milliardendefizit in der Pflegeversicherung, das 2027 rund acht Milliarden Euro erreichen könnte.

Der DGB bestreitet die Finanzierungsargumente der Regierung: Bei den Sozialausgaben liege Deutschland „im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld“ – gestützt auf eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Auch laut Statistischem Bundesamt lägen die Sozialausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt heute nicht höher als vor zehn Jahren. Die Aussage des Kanzlers, der Sozialstaat sei „mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar“, sei deshalb „eine glatte Lüge“.

Statt Kürzungen fordert der DGB eine aktive Industriepolitik mit Investitionen und Jobschutz, eine Bürgerversicherung für Gesundheit und Pflege sowie eine verpflichtende Betriebsrente mit Arbeitgeberbeteiligung. Selbstständige und Abgeordnete sollen in die gesetzliche Rente einbezogen werden, finanziert werden soll das über eine Vermögensteuer und eine gerechte Erbschaftsteuer. Gegen die von der Alterssicherungskommission vorgeschlagene Rente mit 68 formiert sich breite Front gegen die Rentenpläne der Bundesregierung.

Vom Reformgespräch im Kanzleramt zum bundesweiten Aktionstag

  1. 11. Juni 2026
    Reformgespräche im Kanzleramt

    Die Koalitionsspitzen beraten mehr als drei Stunden mit Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften über die Reformen.

  2. Juli 2026
    DGB kündigt Proteste an

    Der Gewerkschaftsbund macht die bundesweiten Proteste gegen die Sozialreformen öffentlich.

  3. 11. September 2026
    Übergangslösung für die „Rente mit 63“

    Arbeitsministerin Bärbel Bas verspricht im Bundestag eine Übergangslösung.

  4. 21. September 2026
    Merz hält am Reformkurs fest

    Nach den CDU-Niederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sagt der Kanzler: „Die Reformen müssen kommen.“

  5. 21. September 2026
    DGB NRW kündigt Großdemo in Essen an

    Landesvorsitzender Thorben Albrecht nennt die Pläne „Kürzungsorgien“.

  6. 26. September 2026
    Aktionstag in 15 Großstädten

    Nach DGB-Angaben protestieren rund 175.000 Menschen, in Essen spricht Yasmin Fahimi.

  7. 27. September 2026
    SPD fordert Korrekturen

    Olaf Lies und Alexander Schweitzer verlangen Änderungen am Reformpaket.

Arbeitgeber werfen dem DGB Reformverweigerung vor

Scharfe Kritik kam von den Arbeitgebern. BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter warf dem DGB „rituelle Reformverweigerung“ vor. Alle wollten sichere Renten, gute Pflege und eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung, sagte er – „aber Demografie, Fachkräftemangel und internationaler Wettbewerb lassen sich nicht wegdemonstrieren“.

„Die Gewerkschaften sagen zu fast jeder Veränderung Nein. Sie träumen von der Welt von gestern.“
Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)

Auch in Medienkommentaren wurde die gewerkschaftliche Haltung kritisch hinterfragt. Kommentatoren warnten, eine solche Positionierung könne politisch den Rändern, namentlich der AfD und der Linkspartei, in die Karten spielen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gab zu bedenken, die Forderung nach einem Rentenniveau von mindestens 50 Prozent sei angesichts der demografischen Entwicklung abzuwägen. Die Stuttgarter Nachrichten verwiesen darauf, dass der Protest an den Reformen wenig ändere und für Merz sogar eine politische Chance biete.

Widerspruch aus der Koalition

Aus der SPD kamen Forderungen nach Korrekturen am Reformpaket. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sagte dem Handelsblatt, der allergrößte Teil des Reformpakets bleibe bestehen, „aber man darf nicht mit dem Kopf durch die Wand Reformen umsetzen, für die es keine Akzeptanz gibt“.

„Wer aktuell 45 Beitragsjahre hat, sollte früher in Rente gehen können als jemand ohne diese Jahre.“
Olaf Lies, Ministerpräsident von Niedersachsen (SPD)

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Alexander Schweitzer sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, für Merz bedeuteten Reformen, „dass Wachstum nur durch Kürzungen beim Sozialstaat entstehen kann“; Reformen müssten aber fair sein – „Stattdessen atmet der Kanzler den kalten neoliberalen Geist der Neunzigerjahre“. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hatte die Rentenpläne als ungerecht kritisiert und mehr Selbstkritik von Merz gefordert.

Was von dem Protest bleibt

Der DGB wertete den Aktionstag als „deutliches Zeichen“ für einen Politikwechsel – für einen starken Sozialstaat, sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und den Schutz von Arbeitnehmerrechten. Der Protest gehe weiter, „in den Betrieben, auf der Straße und im Gespräch mit den Abgeordneten“.

Die taz bilanzierte, die Erzählung vom Siechtum der Gewerkschaften sei offenbar falsch: Ende 2025 waren noch immer 5.432.306 Menschen in einer DGB-Gewerkschaft organisiert, nur zehn Prozent weniger als 2015. Bereits zu Beginn der Woche hatten nach Angaben der IG Metall bis zu 175.000 Beschäftigte an über 280 Orten gegen Stellenabbau und Werksschließungen protestiert.

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Nicht alle Themen kamen auf die Bühne: Fahimi sparte in Essen die Themen Aufrüstung und Wehrpflicht aus. Der Erwerbslosenaktivist Thomas Wasilewski kritisierte in einem Solidaritätsaufruf an Fahimi und Werneke, die „besondere Lebensrealität von Erwerbslosen und Menschen in der neuen Grundsicherung“ sei im Aufruf nicht vorgekommen; gewerkschaftliche Solidarität dürfe „niemals am Betriebstor“ enden.

Die designierte NRW-Spitzenkandidatin der Linken, Alexandra Mehdi, verband den Protest mit der Rüstungskritik: „Während Familien, Rentner, Arbeitende und die, die nicht mehr arbeiten können, den Gürtel enger schnallen sollen, geht die Aufrüstungsspirale immer weiter nach oben.“ Offen ist, ob die Koalition ihr Reformpaket nachbessert – der DGB will den Druck nach eigenen Angaben aufrechterhalten.