Russland baut geheimen Atomkommandobunker im Ural massiv aus
Bild: KI-generiert
Tote Hand

Russland baut geheimen Atomkommandobunker im Ural massiv aus

Danwatch, Sunday Times und Dossier Center legen eine gemeinsame Recherche zu einem geheimen Bergkomplex im Ural vor. Tausende Bauaufträge deuten darauf hin, dass Russland das sowjetische Vergeltungssystem Perimetr reaktiviert – und im Ernstfall eine Maschine über den Atomschlag entscheiden könnte.

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Russland baut seinen geheimsten Atomkommandobunker im Ural offenbar massiv aus – und reaktiviert damit womöglich das sowjetische Vergeltungssystem Perimetr. Am 26. September 2026 veröffentlichten das dänische Investigativmedium Danwatch, die britische Sunday Times und das Londoner Dossier Center eine gemeinsame Recherche zu dem Komplex „Objekt 1335“.

Rund 2.000 Kilometer von Moskau entfernt liegt in der Oblast Swerdlowsk das Dorf Kytlym am Fuß des Granitgipfels Koswinsky Kamen. Dort steht der Stützpunkt der Einheit 20003. Hinter einem weiteren Kontrollpunkt führt eine massive Eisentür mehrere hundert Meter tief in einen weitverzweigten unterirdischen Komplex. Von dort sollen die Strategischen Raketenstreitkräfte einen Atomkrieg führen und Vergeltungsbefehle an jede überlebende Rakete weiterleiten.

Grundlage der Veröffentlichung sind nach der Danwatch-Recherche zu Objekt 1335 mehr als zwei Millionen Dokumente aus russischen Militärbeschaffungen, die die Reporter 2024 über Monate mithilfe von Skripten und Servern in Russland, Kasachstan und Belarus zusammentrugen. Ausgewertet wurden auch Baupläne, Satellitenbilder und Aussagen ehemaliger Soldaten. Die Papiere reichen bis 2011 zurück und umfassen nach dem Sunday-Times-Bericht über den Ural-Bunker etwa 2,5 Millionen Seiten.

Tausende Aufträge, 22.000 Tonnen Stahl

Die Unterlagen belegen Aufträge des Verteidigungsministeriums aus der 8. Hauptdirektion für Militärbau an Objekt 1335, die 2018 begannen und bis mindestens August 2024 liefen; die intensivste Beschaffungsphase lag 2020 und 2021. Auftragnehmer mussten eine FSB-Lizenz für Arbeiten mit Staatsgeheimnissen besitzen. Ein Ausschreibungstext beschreibt die Anlage als Komplex mit Ausrüstung für Führungs-, Kommunikations- und Sicherheitssysteme sowie dauerhaften Unterkünften für Personal im Gefechtsdienst und im Alltag.

Die Unterlagen nennen mindestens 24 unterirdische Kammern mit Druckluftsystem, zwischen Haupt- und Notausgang liegen rund 2,5 Kilometer. Satellitenaufnahmen zeigen schwere Erdarbeiten, eine neue Bergstraße und Arbeiten an offenbar sechs neuen Eingängen – ursprünglich gab es drei. Der Bauingenieur Per Goltermann von der Technischen Universität Dänemark schätzt konservativ, dass allein der Zement für mindestens 150.000 Quadratmeter Betonflächen reicht – genug für ein mehrstöckiges Gebäude. Er spricht von „kolossalen Mengen“ und einem enormen Bauprojekt.

Bestellte Materialmengen für Objekt 1335

Angaben aus russischen Beschaffungsdokumenten, 2018 bis August 2024

Quelle: Danwatch, 2026
  • rund 600 Kilometer Elektrokabel und 170 Kilometer Stahlrohre
  • 14.000 Lampen, 30 Transformatoren und 21 elektrische Umspannwerke
  • 182 Lüftungsanlagen, 648 Gesteinsbohr-Komponenten und 95 schwere Baumaschinen
  • Filter gegen chemische, biologische und radioaktive Kampfstoffe sowie explosionsgeschützte Elektroheizungen
  • 2019 Kältetechnik mit rund fünf Megawatt Leistung für dauerhaft laufende Kommunikations-, Rechner- und Sendeanlagen
  • in den Ausschreibungen auch westliche Marken wie Rockwool-Isolierung, Danfoss-Armaturen und Belimo-Ventile – das Dossier Center sieht darin keine belegte Sanktionsverletzung

Was Fachleute daraus schließen

Der Stanford-Forscher Jeffrey Lewis hält die Wiederinbetriebnahme der „Toten Hand“ für die einfachste Erklärung. Andy Weber, unter Präsident Obama zuständig für nukleare Abwehrprogramme, sagt, er habe keinen Grund anzunehmen, dass es nicht so sei – Putin sei „sehr paranoid, was Enthauptungsschläge angeht“. Weber hält es sogar für möglich, dass Russland die Dokumente bewusst öffentlich ließ, um abzuschrecken. Steven Pifer, früherer US-Botschafter in der Ukraine, warnt dagegen: „Irgendwann klingt es so, als würde man den Menschen aus der Entscheidungskette herausnehmen.“

„Die einfachste Erklärung ist, dass die Russen die Tote Hand wahrscheinlich wieder in Betrieb nehmen. Es ist eine große Behauptung, aber manchmal sind Dinge das, wonach sie aussehen.“
Jeffrey Lewis, Nuklearwaffenexperte der Stanford University

Perimetr: Vergeltung aus der Tiefe

Perimetr wurde ab 1973 entwickelt und 1985 erstmals in Betrieb genommen. Kernidee: Verliert Russland durch einen Überraschungsangriff seine Führung, garantiert ein hochautomatisiertes System den nuklearen Gegenschlag. Pavel Podvig, Leiter des Projekts Russian Nuclear Forces, betont: „Perimetr ist eigentlich ein Kommunikationssystem. Wenn man getroffen wird, muss man sicherstellen, dass man den Befehl zum Vergeltungsschlag senden kann.“ Kommandoraketen ohne Atomsprengköpfe überfliegen Russland und funken verschlüsselte Startbefehle an überlebende Stellungen.

Der pensionierte Generalmajor Viktor Khalin, an Entwicklung und Modernisierung beteiligt, schrieb 2022 in einer Zeitschrift der Strategischen Raketenstreitkräfte, das Automatisierungssystem von Perimetr solle in Objekt 1335 auf experimentellen Gefechtsdienst gestellt werden. Oberst Ju. Andreev schrieb im Juli 2025, nach vielen Jahren experimenteller Arbeit sei der Komplex 2023 in Gefechtsdienst gestellt worden. Wie stark Perimetr ohne menschliches Eingreifen arbeitet, ist unter Experten seit Langem umstritten.

Von der Entwicklung 1973 bis zum Gefechtsdienst 2023

  1. 1973
    Entwicklung von Perimetr beginnt

    Das System entsteht als Teil der Abschreckungsdoktrin der gegenseitig gesicherten Vernichtung.

  2. 1985
    Perimetr wird erstmals aktiviert
  3. 2004
    „Grot“ wird offiziell Reservekommandoposten

    Russische Militärbehörden designieren den Komplex als Grundlage eines Reservekommandopostens des Generalstabs.

  4. 2005 – 2010
    Neues Kommandoelement entsteht

    Laut Generalmajor Khalin auf Grundlage eines geheimen Präsidialerlasses; danach wird es nach Objekt 1335 verbracht.

  5. 2018
    Massiver Ausbau beginnt

    Das Verteidigungsministerium vergibt tausende Einzelaufträge für Objekt 1335.

  6. 2020
    Putin spricht von der fast fertigen Anlage

    Allein 2020 werden laut Sunday Times 361,4 Kilometer Kabel, 5.429 Lampen und 30 Transformatoren verbaut.

  7. 2023
    Objekt 1335 geht in Gefechtsdienst

    So stellt es Oberst Ju. Andreev 2025 in einer Veteranenpublikation dar.

Keine Antwort vom Kreml

Der erste offizielle Hinweis auf eine Wiederbelebung der „Toten Hand“ kam 2020: Der Kreml veröffentlichte das Protokoll eines Treffens von Wladimir Putin mit hochrangigen Militärs. Darin sagte Putin, ihm sei mitgeteilt worden, die Schaffung einer „absolut sicheren Anlage zur Steuerung der strategischen Atomstreitkräfte“ stehe kurz vor dem Abschluss. Im August 2025 verwies Dmitri Medwedew, Vizechef des Sicherheitsrates, nach Sanktionsdrohungen von Donald Trump auf die Gefährlichkeit der „Toten Hand“ – Trump ließ daraufhin zwei Atom-U-Boote verlegen. Der Kreml und Präsidentensprecher Dmitri Peskow antworteten nicht auf die Anfragen der Rechercheure.

Tom Røseth vom Norwegischen Stabskolleg deutet die Arbeiten als Absicherung gegen jede Art von Angriff: Die USA hätten starke Bunker-Buster-Waffen entwickelt und zuletzt im Krieg gegen den Iran gegen tief vergrabene Anlagen eingesetzt, deshalb müssten die Russen „noch tiefer graben und den Standort noch mehr verstärken“. Auch die USA ertüchtigen ihre Bergkommandoposten Cheyenne Mountain und Raven Rock. Seit New START im Februar 2026 auslief, sind die beiden größten Atomarsenale nicht mehr begrenzt. Ob die „Tote Hand“ wirklich wieder scharf ist, weiß außerhalb Russlands niemand.

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