258.989 russische Soldaten sind im Ukraine-Krieg namentlich als tot bestätigt – so viele wie nie zuvor, und nur noch knapp unter der Marke von 260.000. Der Stand vom 21. September 2026 stammt von der unabhängigen Redaktion Mediazona und dem russischen Dienst der BBC, die seit 2022 jeden belegbaren Todesfall aus öffentlichen Quellen zusammentragen.
Auffällig ist weniger die Summe als ihr Tempo. In weniger als zwei Wochen kamen mehr als 10.000 Namen hinzu – rund doppelt so viele wie sonst. Als Hauptgrund nennt Mediazona eine geleakte Liste von Leichen, die zwischen Russland und der Ukraine ausgetauscht wurden.
So schnell die Zahl auch steigt: Ein Name landet erst in der Datenbank, wenn die Identität unabhängig über offizielle Register bestätigt ist. Die Zählung ist keine amtliche Statistik, sondern eine Untergrenze – deutsche und ukrainische Medien meldeten zuletzt fast 260.000 bestätigte russische Kriegstote.
Die Datenbank stützt sich auf Todesanzeigen und Nachrufe, Beiträge von Angehörigen, Berichte lokaler Medien und Angaben regionaler Behörden. Nicht jeder russische Militärtote wird öffentlich – die tatsächliche Zahl der Todesfälle liegt laut Mediazona deutlich höher.
Leichenaustausch füllt die Datenbank
Der jähe Zuwachs hat eine konkrete Ursache. Auf der geleakten Liste der ausgetauschten Leichen stehen Namen, die sich über Registerabgleiche zuordnen lassen – Fälle, die über Nachrufe allein nie erfasst worden wären. Für Mediazona ist das ein seltener Zugang zu Toten, die sonst unsichtbar geblieben wären.
Innerhalb desselben Aktualisierungszyklus schwankten die Angaben: Frühere Meldungen nannten 258.980 bestätigte Tote, die Endfassung 258.989. Mediazona warnt zugleich, die Daten der jüngsten Monate seien unvollständig und würden sich mit weiteren Verifizierungen noch verändern.
Wer die Liste als abschließende Opferbilanz liest, liest sie falsch. Sie dokumentiert, was belegbar ist – nicht, was geschehen ist.
7.692 Offiziere und 20.500 Mobilisierte
Die Datenbank schlüsselt die Toten nach Dienstgrad und Herkunft. Erfasst sind 7.692 Offiziere der russischen Streitkräfte und anderer Sicherheitsbehörden. Rund 20.500 Einträge betreffen Mobilisierte – laut Mediazona eine „sehr konservative“ Schätzung. In 241.600 Fällen ist ein Todesdatum bekannt.
Bei den Mobilisierten rechnet die Redaktion mit einer deutlichen Untererfassung, weil in neueren Nachrufen die Art der Rekrutierung immer seltener genannt wird. Zwei große Datenlecks stützen den Verdacht: Patientendaten aus Hospitälern des Verteidigungsministeriums mit rund 40.000 Namen, überwiegend aus den Jahren 2023 und 2024, sowie Personalverzeichnisse mehrerer Hundert Militäreinheiten mit Stand Juli 2025.
Auf dieser Grundlage fällt die Auswertung zu vier Jahren Teil-Mobilmachung deutlich höher aus: Die Zahl getöteter Mobilisierter wird um mindestens die Hälfte unterschätzt, wahrscheinlich stärker. In einer Stichprobe von 2.515 Mobilisierten ließen sich 427 Todesfälle bestätigen – nur 173 davon standen in der Datenbank.
Mediazona und Meduza haben im Mai 2026 zudem eine Gesamtschätzung vorgelegt: Über das russische Nachlassregister kommen sie für Männer zwischen 18 und 59 Jahren auf 352.000 im Krieg Getötete bis Ende 2025, darunter rund 90.000 verspätet oder per Gerichtsbeschluss registrierte Fälle. Die Namensliste umfasste damals 217.808 Einträge.
Von der Teil-Mobilmachung zur Namensliste
- 24. Februar 2022Beginn des Angriffskriegs
Mit dem Einmarsch in die Ukraine beginnt der Krieg, auf den sich alle späteren Verluststatistiken beziehen.
- 21. September 2022Putin verkündet die Teil-Mobilmachung
Verteidigungsminister Sergei Schoigu nennt am selben Tag 5.937 gefallene russische Militärangehörige – die bis heute letzte offizielle russische Verlustzahl.
- 9. Mai 2026Neue Gesamtschätzung von Mediazona und Meduza
Über das russische Nachlassregister kommen beide Redaktionen auf 352.000 getötete russische Männer zwischen 18 und 59 Jahren bis Ende 2025; die Namensliste steht bei 217.808 Einträgen.
- 11. September 2026Britischer Geheimdienst nennt 500.000 Getötete
Generalstabschef Air Chief Marshal Sir Richard Knighton beziffert die Gesamtverluste inklusive Verwundeter auf rund 1,5 Millionen.
- 22. September 2026Mehr als 10.000 neue Namen in zwei Wochen
Mediazona und der russische BBC-Dienst führen den Sprung vor allem auf eine geleakte Liste ausgetauschter Leichen zurück.
- 28. September 2026Fast 260.000 bestätigte Kriegstote
Medien melden den neuen Stand; der ukrainische Generalstab beziffert die russischen Personalverluste auf 1.531.060.
Die Lücke zu den Geheimdienstzahlen
Zwischen der namentlich belegten Untergrenze und den Schätzungen westlicher Dienste liegt eine gewaltige Lücke. Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu nannte am 21. September 2022 – dem Tag der von Präsident Wladimir Putin verkündeten Teil-Mobilmachung – letztmals eine offizielle Zahl: 5.937 Gefallene. Seither veröffentlicht Moskau keine Verlustzahlen mehr.
Großbritanniens Generalstabschef Air Chief Marshal Sir Richard Knighton erklärte am 11. September 2026, der britische Militärgeheimdienst gehe von etwa 500.000 getöteten russischen Soldaten aus; die Gesamtverluste inklusive Verwundeter lägen bei rund 1,5 Millionen.
Die Ukraine rechnet anders und zählt alles zusammen: Der Generalstab bezifferte die russischen Personalverluste am 28. September 2026 auf 1.531.060 – ohne Unterscheidung zwischen Getöteten, Verwundeten, Vermissten und Gefangenen. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am 27. September, ukrainische Einheiten hätten in der Vorwoche 10.660 russische Soldaten getötet oder verwundet; für jede Angabe gebe es Videobelege. Sein Fazit: „Die Besatzer werden weiter eliminiert, und die gesetzten Ziele werden erreicht.“
Wie weit die Schätzungen zu den russischen Verlusten auseinanderliegen
Die ukrainische Angabe umfasst Getötete, Verwundete, Vermisste und Gefangene.
Die Toten kommen aus den armen Regionen
Die bestätigten Todesfälle verteilen sich höchst ungleich. Überproportional betroffen sind arme und abgelegene Gebiete Russlands – besonders die Kuban-Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer sowie die wirtschaftlich schwachen Gebiete um Tscheljabinsk und Jekaterinburg.
Auch Regionen mit mehrheitlich nicht-ethnisch-russischer Bevölkerung zahlen überdurchschnittlich: das muslimisch geprägte Tatarstan und Baschkortostan an der oberen Wolga sowie Burjatien und die Region Transbaikalien nahe der Mongolei. In wohlhabenden Städten wie Moskau und im Kernland um Sankt Petersburg, Twer, Jaroslawl, Wladimir und Smolensk liegt die Sterberate pro Kopf drei- bis viermal niedriger.
Rekrutierung unter Druck
Der steigende Blutzoll setzt Moskaus Rekrutierungssystem unter Druck. Eine neue landesweite Mobilmachung hat der Kreml bislang vermieden; stattdessen setzt er auf Vertragsrekrutierung, hohe Geldprämien und wachsenden Druck auf regionale Behörden.
Ein am 22. September 2026 veröffentlichter Bericht des Conflict Intelligence Team zeigt, wie zäh das Geschäft geworden ist: In der sibirischen Stadt Bratsk wurde das Rekrutierungsziel 2025 von 548 auf 645 erhöht – bis zum 1. November waren erst 369 erreicht.
Die Stadtbehörden suchten dafür mehr als 14.000 Adressen auf und führten fast 3.000 Gespräche, unter anderem mit Schuldnern, Wehrpflichtigen, Ausländern, Menschen mit Vorstrafen und Waisen. Von 261 angesprochenen Waisen und Heimabsolventen unterschrieb genau einer. Wie kurz die Lebenserwartung an der Front ist, zeigen Schätzungen russischer Militärblogger zur Überlebensdauer russischer Rekruten im Kampfeinsatz.
Getäuscht und zum Vertrag gedrängt
Andere Regionen zahlen mit Geld oder setzen ihre Verwaltung unter Druck: In der Republik Mordowien entspricht die Prämie einem Jahresgehalt eines Fabrikarbeiters, weitere Gebiete arbeiten mit Quoten und bestrafen säumige Beamte. Mediazona dokumentiert zudem Fälle, in denen Russen getäuscht oder zur Unterschrift gedrängt wurden.
Ein Beispiel: Ein 49-Jähriger aus Kirow, der an Epilepsie leidet, soll von der Polizei festgehalten und zur Unterschrift bewegt worden sein; seine Frau gibt an, er werde seither vermisst. Nach Angaben der Kyiv Post mehren sich außerdem Berichte, in denen Einheitskommandeure kranken und dienstunfähigen Soldaten die medizinische Entlassung verweigern, damit für den nächsten Angriff mehr Männer zur Verfügung stehen.
Offen ist, wie weit der Kreml den Druck noch treibt: Reichen Prämien, Quoten und Polizeieinsätze, um die Verluste auszugleichen, oder verkündet Putin eine neue Mobilmachungswelle? Die Namensliste von Mediazona wird derweil weiter wachsen – die Marke von 260.000 könnte in wenigen Wochen fallen.
