Vier Jahre nach Wladimir Putins „Teilmobilisierung“ ist das Dekret formal nie aufgehoben worden. Einen Erlass, der sie beendet, gibt es bis heute nicht – und damit auch keine Rotation für die Männer, die im Herbst 2022 eingezogen wurden. In der Armee fehle Personal, sagt einer von ihnen, doch niemand gebe es offen zu.
Zum vierten Jahrestag des Dekrets veröffentlichte das Rigaer Exilportal Meduzas Reportage über zwei mobilisierte Russen. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurden im Herbst 2022 mehr als 300.000 Menschen in den Krieg geschickt, mindestens 20.000 von ihnen kamen ums Leben. Zu Wort kommen Maxim aus Pskow, dessen Name und Stadt aus Sicherheitsgründen geändert wurden und der bis heute an der Front steht, und der Omsker Sanitäter Temirzhan Bajanow, der floh und heute im Ausland lebt.
Von der Einberufung an die Front
- 21. September 2022Putin verkündet die „Teilmobilisierung“
Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums werden mehr als 300.000 Menschen eingezogen, mindestens 20.000 von ihnen sterben.
- 2. Oktober 2022Maxim erhält die Einberufung im Betrieb
Der Kälteanlagen-Ingenieur, dessen Sohn am 11. September geboren wurde, unterschreibt nach den Worten „Unterschreib oder du wirst verhaftet“.
- 25. Oktober 2022Nach zwei Wochen Ausbildung geht es an die Front
Die Einheit wird ohne Zielangabe in einen Zug gesetzt; erst unterwegs wird klar, dass es in die „Volksrepublik Luhansk“ geht.
- Frühjahr 2023Übernahme der Stellungen abziehender Wagner-Söldner
Maxims Verband kämpft in der „Süd“-Gruppierung um Bachmut.
- Sommer 2026Kämpfe um Kostjantyniwka und bei Druschkiwka
Der Verband ist weiter im Einsatz – ohne Rotation.
- 28. September 2026Meduza veröffentlicht die Reportage
Zum vierten Jahrestag der Teilmobilisierung erscheint der Text auch als Audio-Episode von „Radio Meduza“.
Von 35 Mobilisierten leben noch vier
Maxim arbeitete vor dem Krieg als Kälteanlagen-Ingenieur und betrieb nebenbei ein kleines Klimaanlagen-Geschäft. Am 11. September 2022 wurde sein Sohn geboren, am 2. Oktober 2022 erhielt er im Betrieb die Einberufung – mit den Worten „Unterschreib oder du wirst verhaftet“. Der Militärkommissar vertröstete ihn: „Mit wem willst du dort schon kämpfen? In drei Monaten bist du wieder zu Hause.“
Nach zwei Wochen Ausbildung, in der man der Einheit versicherte, sie werde nur in der Territorialverteidigung eingesetzt, wurde sie ohne Zielangabe in einen Zug gesetzt. Als der Zug nicht Richtung Krim, sondern in die „Volksrepublik Luhansk“ abbog, sei allen klar geworden, dass sie nicht zur Bewachung eines Schlagbaums fuhren. In Militärlastwagen vom Typ Ural ging es weiter.
Seine Einheit wurde bei Kreminna in Stellung gebracht – ohne nennenswerte Ausrüstung, zunächst nur eine Grube mit Zweigen für einen ganzen Zug. Später kämpfte der Verband in der "Süd"-Gruppierung um Bachmut und übernahm im Frühjahr 2023 die Stellungen abziehender Wagner-Söldner, im Sommer 2026 um Kostjantyniwka, aktuell bei Druschkiwka. Seine Einheit hat schwere Verluste erlitten: Von den 35 Mobilisierten sind derzeit nur vier am Leben.
„Keiner von uns wusste wirklich, wie man kämpft, aber Befehl war Befehl: Wir standen wie eine Mauer und hielten die Stellung.“
Für Maxims Einheit ist die Bilanz verheerend: Von den 35 Mobilisierten seines Verbands sind derzeit nur vier am Leben; einige wurden nach schweren Verwundungen entlassen, die meisten sind gefallen. Maxim selbst wurde mehrfach verwundet, unter anderem durch eine FPV-Drohne, die sein Fahrzeug zerstörte. Er sieht auf einem Auge nichts mehr und hört auf einem Ohr nichts mehr. Bei der Militärärztlichen Kommission, der WWK, hieß es, das andere Auge sehe und das andere Ohr höre ja noch. Entlassen werde praktisch nur, wer Gliedmaßen verliere oder als „Zweihundertster“ zurückkomme.
Hungerlohn und Selbstfinanzierung
Der Krieg lohne sich finanziell nicht, sagt Maxim: Er verdiene weniger als in seinem früheren Beruf. Nur wer es schaffe, 100.000 Rubel (rund 1.000 Euro) nach Hause zu schicken, dürfe sich in dem Monat glücklich schätzen. Zusätzlich finanziert die Einheit ihre Ausrüstung aus eigener Tasche – monatlich sammelt sie 20.000 bis 50.000 Rubel (rund 209 bis 522 Euro) pro Mann für Benzin, Drohnenteile, Verpflegung und Autoreparaturen. Bei ungeplanten Ausgaben wie einem Fahrzeugschaden oder einem verlorenen Drohnen-Vogel kann der Betrag 50.000 Rubel pro Kopf übersteigen.
„Alle denken, wir würden viel verdienen, aber niemand weiß, dass es für die Armee nur ein Hungerlohn ist.“
Bajanow: Verhaftet, geflohen, in Spanien
Der zweite Gesprächspartner, Temirzhan Bajanow aus Omsk, versuchte zunächst, der Mobilisierung zu entgehen, wurde aber eingezogen. Als Sanitäter half er Kameraden, Schlupflöcher für Behandlungen in zivilen Kliniken zu finden – und geriet damit ins Visier seiner Vorgesetzten. Kameraden warnten ihn, dass er abgeholt werden solle; Bajanow floh. Die Armee suchte daraufhin seine Mutter auf und drohte ihm mit Gefängnis. Schließlich spürte sie ihn über eine Überwachungskamera auf und verhaftete ihn an einem Bahnhof.
„Dort hat man keinerlei Rechte; man ist entbehrlich.“
Man stellte ihn vor die Wahl, zurück an die Front oder ins Gefängnis zu gehen. Obwohl er sich für das Gefängnis entschied, wollte ihn das Militär dennoch an die Front schicken; ihm gelang die Flucht nach Spanien. Dort leidet er bis heute unter den Folgen: „Nach zwei Gehirnerschütterungen ist mein psychischer Zustand katastrophal. Ich schlafe schlecht. Ich werde grundlos nervös und gerate in Panik.“
Was aus den Mobilisierten wird
Meduza weist darauf hin, dass Maxims Schilderungen subjektiv sind und die Propaganda in Russland weiter wirkt; das Portal verurteilt die Invasion. Maxim bleibt dennoch: Bekannte flohen ein, zwei, drei Jahre lang, wurden geschnappt und gelten heute fast alle als vermisst oder tot. Ein Angebot, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben, lehnte er ab – er sei müde von der Armee und wolle nach Hause. Ob er jemals gehen darf, entscheidet sich an einem Erlass, den Moskau seit vier Jahren nicht unterschreibt.
