Essener Schule sagt Gespräch mit Holocaust-Überlebendem Gabelin ab
Bild: KI-generiert
Zeitzeugengespräch

Essener Schule sagt Gespräch mit Holocaust-Überlebendem Gabelin ab

Eine Essener Schule sagt den geplanten Besuch des Holocaust-Überlebenden Thomas Gabelin ab. Die Schule nennt organisatorische Probleme als Grund, während sein Begleiter von einem Zusammenhang mit dem Gaza-Konflikt berichtet.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Die Gesamtschule Bockmühle in Essen hat den Besuch eines Holocaust-Überlebenden abgesagt – keine drei Wochen vor dem Termin. Am 13. Oktober 2026 sollte Thomas Gabelin (81) vor Schülern sprechen, gemeinsam mit seinem Begleiter, dem Autor Louis Pawellek (28). Dazu kommt es nun nicht.

Seitdem stehen sich zwei Versionen gegenüber, die nicht zusammenpassen. Pawellek sagt, die Absage sei ihm am Telefon mit dem Konflikt im Nahen Osten begründet worden: mit möglichen Reaktionen wegen Gaza und Palästina und mit Sicherheitsbedenken. Die Schule habe Angst vor Reaktionen der Schüler gehabt, behauptet er.

Die Schule widerspricht dem vollständig. Gabelin selbst wählt für seine Reaktion einen nüchternen Satz, der den Fall zusammenfasst.

„Der Vorfall in Essen macht mich sehr betroffen und traurig. So etwas haben Louis und ich bei unserer Arbeit an Schulen noch nie erlebt.“
Thomas Gabelin, Holocaust-Überlebender

Ein Telefonat, zwei Versionen

Pawellek veröffentlichte ein Video, in dem er die Absage einen „absoluten Skandal“ nennt. Darin und gegenüber BILD schildert er, der Termin sei am Telefon abgesagt und dabei der Konflikt im Nahen Osten als Grund genannt worden. Die „multikulturelle“ Schule habe Angst vor möglichen Reaktionen der Schüler gehabt.

Die Schulleitung der Gesamtschule Bockmühle nennt dagegen „rein organisatorische Probleme“ und „stark eingegrenzte Terminmöglichkeiten“. Der 13. Oktober sei nur unter Vorbehalt geprüft worden. Wegen des vollen Lehrplans habe die Zeit für eine angemessene Vor- und Nachbereitung gefehlt – die Begründung der Schule gegenüber BILD.

Die zuständige Bezirksregierung stützt die Schule. Ihre Sprecherin sagte, die Entscheidung habe „nicht im Zusammenhang mit der Situation im Nahen Osten“ gestanden. Für die Schule sei nicht nachvollziehbar, warum die Kontaktperson die Begründung anders darstelle.

Umfrage
Lädt

Nur der Begleiter wird eingeladen

Pawellek zufolge hat die Schule ein klärendes Gespräch per Telefon oder digital abgelehnt. Statt eines Termins mit beiden Beteiligten habe die Schulleitung ihn allein zu einem persönlichen Gespräch eingeladen – ausgerechnet am 13. Oktober, dem Tag des geplanten Besuchs mit Gabelin.

Ein Ersatztermin für das Zeitzeugengespräch ist Gabelin und Pawellek nach deren Angaben bis heute nicht angeboten worden. Die Schule betont, den Vorfall nicht unkommentiert stehen lassen zu wollen, und sucht nun den Kontakt zu beiden, um die „unterschiedlichen Sichtweisen“ aufzuarbeiten.

„Das hat es so noch nie gegeben, wir sind schockiert darüber, dass ein Holocaust-Überlebender von einer geplanten Veranstaltung wieder ausgeladen wird.“
Louis Pawellek, Autor und Content-Creator

Geboren in Theresienstadt

Gabelin kam am 21. Dezember 1944 im Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt zur Welt. Von den rund 9000 Kindern, die dort inhaftiert waren, überlebten nur etwa 100 – er war eines von ihnen. 65 Mitglieder seiner Familie wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Sein Überleben verdankt er nach eigener Aussage seiner Mutter, die sich im Lager um ihn kümmerte. Er sehe es als Pflicht, die Überlebensgeschichte seiner Familie weiterzugeben, besonders im Andenken an sie. Nach Angaben der Bild-Zeitung hat er mehr als 100 Schulen in Deutschland besucht.

Mit Pawellek hat Gabelin im November 2024 das Buch „Es gab mehr als nur Auschwitz – Gedenkorte, die niemals in Vergessenheit geraten dürfen“ veröffentlicht. Pawellek schreibt über Holocaust-Überlebende und begleitet Gabelin seit Jahren bei dessen Auftritten an Schulen.

Von Theresienstadt zur Absage in Essen

  1. 21. Dezember 1944
    Geburt im Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt

    Von rund 9000 dort inhaftierten Kindern überleben nur etwa 100.

  2. 28. November 2024
    Gemeinsames Buch erscheint

    Thomas Gabelin und Louis Pawellek veröffentlichen „Es gab mehr als nur Auschwitz“.

  3. 26. September 2026
    Die WAZ macht den Fall öffentlich

    Pawellek spricht in einem Video von einem „absoluten Skandal“, die Schule zeigt sich irritiert.

  4. 28. September 2026
    BILD und FOCUS online berichten ausführlich

    Die Bezirksregierung erklärt, die Entscheidung habe nicht im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt gestanden.

  5. 28. September 2026
    Pawellek weist die Darstellung zurück

    Ein klärendes Telefon- oder Digitalgespräch sei abgelehnt worden; die Schule lädt ihn allein für den 13. Oktober ein.

  6. 13. Oktober 2026
    Geplanter und abgesagter Besuchstermin

    Ein Ersatztermin wurde Gabelin und Pawellek bislang nicht angeboten.

Die Absage wird zum Politikum

Der Vorgang wurde binnen Stunden zum Politikum. Die Deutung „Absage aus Angst vor Reaktionen muslimischer Schüler“ verselbstständigte sich rasch. Der frühere AfD-Politiker Georg Pazderski schrieb auf X, Gabelin sei „aus Angst vor Übergriffen muslimischer Schüler“ von der Gesamtschule Bockmühle wieder ausgeladen worden. Für diese Darstellung gibt es neben Pawelleks Schilderung keine Bestätigung; Schule und Bezirksregierung widersprechen ihr.

„„Der Holocaust-Überlebende Thomas Gabelin (81) wurde aus Angst vor Übergriffen muslimischer Schüler von der Gesamtschule Bockmühle in Essen wieder ausgeladen“, schrieb der frühere AfD-Politiker Georg Pazderski auf X.“
Georg Pazderski, ehemaliger AfD-Politiker, auf X am 28. September 2026

Schule und Bezirksregierung halten dem die organisatorische Begründung entgegen. Die Gesamtschule Bockmühle trägt seit 2011 die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ – in der Debatte um die Absage wird ihr genau das wiederholt vorgehalten.

Offen bleibt, was in dem Telefonat tatsächlich gesagt wurde. Die WAZ gibt an, mit beiden Seiten gesprochen und E-Mails eingesehen zu haben; die Rekonstruktion des Falls durch die WAZ beruht auf Dokumenten, die bislang nicht öffentlich zugänglich sind. Ein Ersatztermin für Gabelin und Pawellek steht weiterhin aus.