365 Meter – höher ist in Deutschland nur der Berliner Fernsehturm. Am Montag hat der GICON-Höhenwindturm bei Schipkau und Klettwitz in der Lausitz seine endgültige Höhe erreicht: 365 Meter mit den Rotorblättern, 300 Meter Nabenhöhe. Das bestätigt der rbb24-Bericht zur fertigen Anlage.
Mit dieser Zahl ist ein Rekord verbunden – und ein Streit. GICON nennt sein Bauwerk die höchste Windenergieanlage der Welt und das zweithöchste Bauwerk Deutschlands. Der Prototyp hat rund 25 Millionen Euro gekostet; die spezifischen Baukosten liegen laut Bundesregierung fast viermal so hoch wie bei einem gewöhnlichen Windrad.
Bauherr ist die Leipziger beventum GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND. Gebaut hat die Dresdner GICON-Gruppe. In 300 Metern Höhe dreht eine Vensys-126-Turbine mit 3,8 Megawatt Nennleistung und 126,2 Metern Rotordurchmesser; der Strom soll später für bis zu 7.500 Haushalte reichen.
Kein Kran reicht in 300 Meter Höhe
Kein Kran der Welt reicht bis in 300 Meter Höhe. Deshalb hat GICON den Turm zweigeteilt: einen breiten Außenturm aus Stahlfachwerk als Führung, darin einen schlankeren Innenturm. Gondel, Maschinenhaus und Rotorblätter wurden in erreichbarer Höhe auf dem abgesenkten Innenturm montiert.
Der letzte Bauabschnitt war der Hub dieses Innenturms mit einem Litzenhubsystem, wie es sonst im Brückenbau zum Einsatz kommt. Laut Fachmedien zog die Technik Turm und Turbine mit rund neun Metern pro Stunde nach oben; nach dem Erreichen der Zielhöhe wurde der Innenturm in der ausgefahrenen Position fixiert.
GICON-Gründer Jochen Großmann nennt den Hub einen Erfolg des gesamten Teams und verweist auf die vielen Beteiligten hinter dem Projekt:
„365 Meter – das ist ein überwältigender Moment für unser gesamtes Team. Was lange eine anspruchsvolle Idee und dann ein ebenso anspruchsvolles Bauvorhaben war, steht nun als weltweit einzigartige Anlage in Schipkau. Dieser Weltrekord gehört allen, die mit ihrem Wissen, ihrem Einsatz und ihrer Ausdauer dazu beigetragen haben – auf der Baustelle und in den vielen Teams hinter dem Projekt.“
Rekord mit drei Metern Rückstand
Im Höhenvergleich bleibt nur ein Bauwerk in Deutschland vor dem Windrad: der 368 Meter hohe Berliner Fernsehturm. Drei Meter fehlen dem GICON-Turm bis zu dessen Spitze, der Eiffelturm mit rund 330 Metern wird überragt.
Der Bundesverband Windenergie (BWE) hält die Anlage ebenfalls für das größte Windrad der Welt. Eine unabhängige Zertifizierung des Rekords – etwa durch Guinness World Records – nennt die Berichterstattung nicht; die Aussage stützt sich auf die GICON-Angabe und die Einschätzung des Verbands. Die höchste Serienanlage der Welt steht in Winnberg in der Oberpfalz: 199 Meter Nabenhöhe, 285 Meter Gesamthöhe.
Höhenvergleich: Windrad, Fernsehturm und Eiffelturm
Gesamthöhe in Metern, Stand September 2026
Vierfache Baukosten, doppelter Ertrag
GICON argumentiert, in 300 Metern Höhe wehe der Wind stärker und gleichmäßiger als auf der Nabenhöhe heutiger Anlagen. Der Turm ziele deshalb nicht auf mehr Nennleistung, sondern auf mehr Stunden nahe der vollen Leistung. Der Meteorologe Stefan Emeis stützt das mit einem Jahr Mastmessungen in Schipkau: In 300 Metern wehte der Wind im Mittel mit 8,51 Metern pro Sekunde, in 150 Metern mit 6,66.
Die Auslastung einer Windturbine steige damit von 26,8 auf 43,8 Prozent – rund 3.800 statt 2.350 Volllaststunden und gut 60 Prozent mehr Strom aus derselben Anlage. GICON erwartet bei gleichem Rotordurchmesser sogar den doppelten Energieertrag; die Auswertung der Schipkauer Mastmessungen beruht jedoch auf einem Mastjahr, unabhängige Betriebsdaten fehlen.
Auf der Kostenseite sieht es ungünstiger aus. Die spezifischen Baukosten liegen laut Bundesregierung und dem Jülicher Forscher Christoph Winkler fast viermal so hoch wie bei einem normalen Windrad des Jahres 2025. Erst eine Serie mit stärkerer Turbine könne die Turmkosten je Kilowatt um ein Drittel oder mehr senken. Die Pilotanlage trägt mit 3,8 Megawatt eine vergleichsweise kleine Turbine.
Der SPRIND-Innovationsmanager und beventum-Geschäftsführer Martin Chaumet hält dem entgegen, dass die Rechnung über die einzelne Anlage hinaus aufgeht:
„Wir haben die Möglichkeit, Windenergie auch viel gleichmäßiger über das Land zu verteilen. Der Nebeneffekt ist, dass wir damit den Netzausbau in Teilen sparen können und dadurch der Strom für alle billiger wird.“
Zweite Etage über bestehenden Windparks
GICON zufolge lassen sich in Deutschland bis zu 4.000 Höhenwindtürme in bestehenden Windparks als „zweite Etage“ nachrüsten – zusätzliche Windenergie ohne neue Windparkflächen. Für Serientürme plant das Unternehmen mehr als sieben Megawatt Leistung; neue Onshore-Anlagen am Boden leisten heute sechs bis sieben Megawatt mit größeren Rotoren.
Für Anlagen ab acht Megawatt nennt das Fachportal cleanthinking.de eine Prognose von 30 bis 33 Gigawattstunden Jahresertrag bei Stromgestehungskosten unter fünf Cent je Kilowattstunde. Als Ideengeber erinnert die GICON-Mitteilung an den Leipziger Ingenieur Horst Bendix, dessen Konzept höherer Windräder auf sein Dreibein-Design zurückgeht; Bendix starb im Juni 2023.
Ein Jahr hinter dem Zeitplan
Ursprünglich sollte die Anlage schon am 20. September 2026 fertig sein. Starke Böen stoppten die Arbeiten in den Tagen davor mehrfach, der Weltrekord wurde verschoben. Am Sonntag stand der Innenturm noch auf 250 Metern Zwischenhöhe, die Anlage maß damit 315 Meter. Gründer Großmann sagte dazu: „Sicherheit geht vor Geschwindigkeit.“
Vom Spatenstich zur Endhöhe
- 19. September 2024Grundsteinlegung in Schipkau
In der Lausitz beginnt der Bau des GICON-Höhenwindtums mit geplanter Gesamthöhe von 365 Metern.
- Juli 2025Start der Hochbauarbeiten
Der Stahlfachwerk-Außenturm wächst in die Höhe.
- Winter 2025/26Bau-Stopp nach Qualitätsproblemen
Die interne Kontrolle entdeckt Abweichungen an Stahlelementen eines Subunternehmers; GICON tauscht die Bauteile bis Ende März 2026 aus.
- 2. März 2026Montage läuft wieder
Der Turm wächst weiter.
- 16. Mai 2026300-Tonnen-Segment schwebt ein
Ein Großkran hebt ein rund 300 Tonnen schweres Gittersegment an seinen Platz.
- 16. Juli 2026Rohbau der Stahlkonstruktion fertig
Wegen des noch eingefahrenen Innenturms misst die Anlage zu diesem Zeitpunkt rund 167 Meter.
- 28. September 2026Endhöhe von 365 Metern erreicht
Der Innenturm ist teleskopiert und fixiert, GICON meldet den Weltrekord.
Abgeschlossen ist das Projekt damit nicht. Abschließende Arbeiten sollen noch einige Tage dauern, die offizielle Inbetriebnahme ist für November 2026 geplant. GICON-Chef Großmann hält laut Lausitzer Rundschau einen Netzanschluss sogar schon Ende Oktober für möglich – ob sich die Rekordhöhe auch betriebswirtschaftlich rechnet, muss die Anlage dann im Dauerbetrieb zeigen.
