Mehr als 100 israelische Siedler haben in der Nacht zum 29. September 2026 im Dorf Jalud südlich von Nablus die Rückkehr der palästinensischen Familie al-Tubasi in ihr Haus verhindert – und das Anwesen niedergebrannt. Israels Oberstes Gericht hatte die gesicherte Rückkehr ausdrücklich angeordnet.
Die Familie al-Tubasi hatte ihr Heim bereits im Juli 2026 verlassen. Radikale Siedler hatten nahe Jalud einen illegalen Außenposten errichtet und drei Häuser am Ortsrand über Wochen belagert. Am 6. September gab Israels Oberstes Gericht der Klage der Familie statt, ordnete die sichere Rückkehr bis zum 20. September an und rügte die Behörden scharf. Die Frist verstrich, ohne dass sie umgesetzt wurde.
Die Zivilverwaltung rief Mahmoud al-Tubasi gegen Mitternacht an: Die Rückkehr sei mit dem Militär abgestimmt. Wie die Rekonstruktion der Nacht von Jalud zeigt, hatten extremistische Siedler zuvor in WhatsApp-Gruppen Alarm ausgelöst. Als die Familie mit IDF-Soldaten und Grenzpolizei eintraf, flogen Steine. Die Menge – al-Tubasi sprach von rund 150 Menschen – sei zu groß gewesen, um sie zu kontrollieren. Die Familie entkam in einem gepanzerten Fahrzeug; Haus und Auto brannten aus.
Die Armee räumt das Scheitern ein
Die IDF bestätigte, dass die Mission nicht abgeschlossen wurde. Randalierer blockierten Straßen, zündeten Reifen, palästinensische Gebäude und Fahrzeuge an und bewarfen Sicherheitskräfte mit Steinen. Drei Grenzpolizisten wurden leicht verletzt, ein Fahrzeug der Truppe beschädigt. Festgenommen wurden zwei Siedler im Alter von 15 und 17 Jahren; am Morgen folgte ein 18-jähriger Israeli aus Jerusalem, in dessen Wagen die Polizei Sturmhauben und einen Knüppel fand. Zwei mutmaßliche Angriffsfahrzeuge wurden beschlagnahmt.
Wie es zu dem Scheitern kam, ist umstritten. Nach Haaretz-Angaben standen nur zwölf Grenzpolizisten als Verstärkung bereit. Ein hochrangiger Beamter der Strafverfolgung sagte, die IDF habe bei einem der wichtigsten Tests massiv versagt und eigenmächtig mit kleiner Truppe gehandelt. Polizei- und Shin-Bet-Quellen beklagten, die Armee habe sie nicht über den Einsatz informiert. Die kleine Sicherungstruppe verschanzte sich mit der Familie im ersten Stock und feuerte Gummigeschosse auf die Angreifer.
Vom Gerichtsbeschluss zur vereitelten Rückkehr
- Juli 2026Familie al-Tubasi verlässt Jalud
Siedler errichten nahe dem Dorf einen illegalen Außenposten und belagern drei Häuser am Ortsrand über Wochen.
- 6. September 2026Oberstes Gericht ordnet die Rückkehr an
Die Richter geben der Klage statt und verlangen die sichere Rückkehr bis zum 20. September – mit scharfer Kritik an den Behörden.
- 20. September 2026Die Frist verstreicht
Die angeordnete Rückkehr der Familie wird nicht umgesetzt.
- 28./29. September 2026Siedler vereiteln die Rückkehr
Mehr als 100 Siedler strömen nach Jalud; Haus und Auto der Familie brennen aus, drei Grenzpolizisten werden verletzt.
- 30. September 2026Maariv spricht von Totalversagen
Die Zeitung sieht den Sicherheitsapparat gescheitert und rechtsterroristische Kreise am Zug im Westjordanland.
Seltene Kritik aus der eigenen Regierung
Die Reaktionen aus der israelischen Führung fielen ungewöhnlich deutlich aus. Außenminister Gideon Saar nannte den Aufruhr in Jalud „ernst und abscheulich“; wer Grenzpolizisten und Soldaten angreife, sei ein Krimineller, der mit voller Härte des Gesetzes behandelt werden müsse. Verteidigungsminister Israel Katz sagte, die Beteiligten untergrüben die Sicherheitsbemühungen und das Siedlungswerk. Premier Benjamin Netanjahu sprach von einer „Randgruppe von Randalierern“ – obwohl die Armee mehr als 100 Beteiligte nannte.
Die Opposition griff die Regierung scharf an. Gadi Eisenkot sagte, die Vorfälle in Jalud „erregen Ekel“; er verurteile sie „aufs Schärfste“ und sprach von einer „Kampagne des Terrors und der Gewalt“ sowie von Anarchie und Kontrollverlust. Yair Golan von den Demokraten warf der Regierung vor, sie schaffe eine Atmosphäre der Gesetzlosigkeit und trage Verantwortung für das Blut, das vergossen werde. Benny Gantz schrieb, die Extremisten repräsentierten nur ein radikales Element, das den Weg verloren habe.
Weniger als drei Prozent enden mit Verurteilung
Die Straflosigkeit gilt als Kernproblem: Wie der taz-Bericht über den Siedlerangriff von Jalud und Angaben der Menschenrechtsorganisation Yesh Din zeigen, enden weniger als drei Prozent der Ermittlungen zu Siedlergewalt mit einer Verurteilung; in fast allen Fällen wird nicht einmal Anklage erhoben. Yesh-Din-Geschäftsführerin Ziv Stahl nennt die fehlende Rechtsdurchsetzung Teil einer systematischen Regierungspolitik, die Palästinenser verdrängen solle.
Das israelische Militär zählt 2,4 Siedlerangriffe pro Tag, die Vereinten Nationen mehr als doppelt so viele. Seit 2023 registrierten die UN mehr als 6.500 vertriebene Palästinenser und 6.199 Angriffe mit Opfern oder Sachschaden; mindestens 82 Palästinenser wurden in diesem Jahr im Westjordanland getötet. Nach palästinensischen Angaben genehmigte die seit Ende 2022 amtierende Regierung 104 neue illegale Siedlungen. Das US-Außenministerium erklärte, man sei über die Berichte im Bilde und verurteile „kriminelle Gewalt jeder Seite“.
Offen bleibt, wer die Rückkehraktion koordinierte und warum der Schutz der Familie trotz Gerichtsbeschluss zusammenbrach. Die Bezirkspolizei von Judäa und Samaria ermittelt gegen die Verdächtigen; Außenminister Saar stärkte den Ermittlern ausdrücklich den Rücken. Die Analyse der Zeitung Maariv sieht inzwischen ein „vollständiges Versagen“ des gesamten Sicherheitsapparats – und im Westjordanland extremistische rechtsterroristische Kreise am Zug.
