Mehr als 1.000 Einsatzkräfte, rund 140 Objekte, Schwerpunkt Nordrhein-Westfalen: Am frühen Morgen des 30. September 2026 ging die Polizei gegen ein mutmaßliches Geldwäsche-Netzwerk um die Hells Angels vor. Die Schwerpunkte in NRW lagen in Duisburg und Oberhausen, wie dem Spiegel-Bericht zur Razzia gegen das Geldwäsche-Netzwerk zu entnehmen ist.
Durchsucht wurde in fünf Bundesländern sowie in Belgien, Bulgarien und den Niederlanden. Die Staatsanwaltschaft Duisburg führt 71 Beschuldigte, 14 Haftbefehle wurden vollstreckt, die Ermittler ordneten Vermögensarreste über rund 48,6 Millionen Euro an.
Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte: „Das ist der größte Schlag gegen die Organisierte Kriminalität seit mehreren Jahren.“ Er nannte den Einsatz „eine Hausnummer“. Für die Ermittler ist es die zweite Großrazzia binnen fünf Monaten — die erste traf die Szene am 28. April 2026 mit 1.200 Beamten in 28 Städten und 44 Beschuldigten.
Zwei Großrazzien gegen die Hells Angels in NRW im Vergleich
Einsatzkräfte und Beschuldigte; im September mehr als 1.000 Beamte, laut Bild über 2.000
Ein Firmengeflecht aus Firmen und Immobilien
Die Vorwürfe reichen nach Einschätzung der Ermittler über die Rockerszene hinaus. Firmen und Immobilien sollen dazu gedient haben, Geld aus Straftaten zu waschen. Verurteilt ist bislang niemand, für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
„Dahinter steckt ein Firmengeflecht aus Firmen und Immobilien, das schmutziges Geld sauber aussehen lässt. Genau dieses System nehmen wir auseinander.“
Der Zugriff zielt auf das Geld, nicht allein auf einzelne Köpfe. „Wenn der Staat sich die Beute zurückholt, tut das mehr weh als jede Hausdurchsuchung", sagte Reul. Neben der Polizei ermittelt die Steuerfahndung, für Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) der entscheidende Ansatz: Sie sei „oftmals der erste Ansatz, um das Dunkelfeld Organisierte Kriminalität zu erhellen und deren Strukturen zu zerschlagen".
Die Spur beginnt mit einer Schießerei im Mai 2022
Auslöser der seit über vier Jahren laufenden Ermittlungen war eine Schießerei auf dem Hamborner Altmarkt in Duisburg im Mai 2022. Hells Angels und Mitglieder einer türkisch-libanesischen Großfamilie gerieten aneinander, mehr als 100 Menschen waren beteiligt, vier wurden verletzt, ein Imbiss wurde zerstört. Zwei Schützen wurden später zu Haftstrafen verurteilt.
Rund zwei Jahre später leitete die Staatsanwaltschaft Duisburg ein Verfahren gegen drei dem Führungskreis zugerechnete Hells-Angels-Mitglieder ein. Der Vorwurf: Schutzgelderpressung, die Erlöse sollen in Immobilien geflossen sein. Wie weit das Milieu reicht, zeigt ein Fall aus Hamburg — dort war ein 13-Jähriger festgenommen worden, der den Auftrag gehabt haben soll, einen Hells Angel zu töten: der Hamburger Fall um den 13-jährigen Auftragskiller.
Von der Schießerei 2022 zur Großrazzia 2026
- Mai 2022Schießerei auf dem Hamborner Altmarkt
Hells Angels und Mitglieder einer türkisch-libanesischen Großfamilie geraten aneinander; mehr als 100 Beteiligte, vier Verletzte, ein Imbiss wird zerstört. Zwei Schützen werden später zu Haftstrafen verurteilt.
- ca. 2024Verfahren gegen den Führungskreis
Die Staatsanwaltschaft Duisburg leitet ein Verfahren gegen drei Hells-Angels-Mitglieder aus dem Führungskreis ein. Vorwurf: Schutzgelderpressung, die Erlöse sollen in Immobilien geflossen sein.
- 28. April 2026Großrazzia in 28 Städten
1.200 Beamte durchsuchen Objekte in Nordrhein-Westfalen, 44 Beschuldigte, sichergestellte Vermögenswerte von bis zu 2,5 Millionen Euro.
- 30. September 2026Razzia gegen das Geldwäsche-Netzwerk
Mehr als 1.000 Einsatzkräfte durchsuchen rund 140 Objekte, 71 Beschuldigte, 14 Haftbefehle, Vermögensarreste von 48,6 Millionen Euro.
14 Haftbefehle und eine Festnahme in Duisburg
Unter den 14 vollstreckten Haftbefehlen war laut F.A.Z. auch einer gegen Selo A. Sicherheitsfachleute halten ihn für das mächtigste Hells-Angels-Mitglied in Duisburg. Ob sich die Vorwürfe vor Gericht bestätigen, ist offen.
Reul kündigte weitere Ermittlungen an: „An alle, die sich angesprochen fühlen: Wir sind noch lange nicht fertig. Wir bleiben dran."
Auch ein Polizist und städtische Mitarbeiter im Visier
Am selben Tag wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Duisburg gegen einen Polizisten und zwei städtische Mitarbeitende ermittelt. Sie sollen dienstliche Informationen weitergegeben haben. Ein weiterer städtischer Mitarbeiter wird der Bestechlichkeit beschuldigt — die Ermittlungen gegen Polizisten und städtische Mitarbeiter laufen parallel zu den Verfahren gegen die Rocker. Auch für sie gilt die Unschuldsvermutung.
Ob die Vermögensarreste über 48,6 Millionen Euro Bestand haben, entscheiden die Gerichte. Offen ist auch, ob gegen weitere Beschuldigte Haftbefehle ergehen.
