Frankreich nimmt bei Schülerprotesten 1.949 Menschen fest
Bei den schwersten Ausschreitungen seit Beginn der Schülerproteste sind am 1. Oktober 1.949 Menschen festgenommen und 305 Einsatzkräfte verletzt worden. Die Regierung beschuldigt die Linkspartei LFI eines „organisierten Manövers“ – LFI nennt das eine Verschwörungstheorie.
1.949 Menschen sind am 1. Oktober bei den Schülerprotesten in Frankreich festgenommen worden, 305 Einsatzkräfte wurden verletzt. In Nantes brannte die Eingangshalle des Lycée Nelson-Mandela aus, in Marseille gingen Busse und ein Feuerwehrauto in Flammen auf, in Paris wurden Polizisten angegriffen.
Innenminister Laurent Nuñez zählt die Ausschreitungen nicht mehr zum legitimen Ausdruck von Schülerforderungen. Seine Bewertung fällt drastisch aus:
„Die Lage hat sich verschärft und hat nichts mehr mit dem legitimen Ausdruck von Schülerforderungen zu tun. Feuerwerkskörper wurden auf Einsatzkräfte geschossen, öffentliche Gebäude angezündet und Geschäfte geplündert.“
Laurent Nuñez, Innenminister Frankreichs
Von 440 auf 1.949 Festnahmen in drei Tagen
Die Festnahmen steigen von Tag zu Tag. Am 29. September zählte die Polizei 440 Festnahmen und 31 Verletzte an rund 416 Schulen, am 30. September waren es 625 Festnahmen und 83 verletzte Polizisten. Am 1. Oktober wurden landesweit 1.949 Menschen festgenommen, 305 Einsatzkräfte mussten behandelt werden. Wie unterschiedlich die französische Presse die Eskalation bewertet, zeigt der Presseüberblick zu den eskalierten Protesten.
Festnahmen bei den Schülerprotesten in Frankreich
Polizeiangaben vom 29. September bis 1. Oktober 2026
Quelle: Angaben der französischen Behörden
Begonnen hatten die Proteste am 24. und 25. September im Großraum Paris. Die Schüler forderten sanierte Schulgebäude, mehr Lehrkräfte und kürzere Schultage. Seit Beginn der Proteste wurden 119 Schüler, Lehr- und Aufsichtskräfte verletzt.
Regierung beschuldigt LFI eines organisierten Manövers
Matignon, das französische Regierungszentrum, beruft sich auf Erkenntnisse der Geheimdienste: Die Linkspartei La France insoumise (LFI) steuere die Proteste in einem „organisierten Manöver“. Premierminister Sébastien Lecornu berief eine Krisensitzung ein, die Präfekten verboten Demonstrationen vor geschlossenen Schulen. Der Vorwurf der Anstiftung gegen die LFI-Partei ist der Kern des Streits.
Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement National, macht den LFI-Gründer Jean-Luc Mélenchon persönlich verantwortlich. Er erscheine vor den Gymnasien, „um die Jugendlichen anzustacheln“, rufe seine Anhänger zum Aufstand auf und schicke Abgeordnete auf die Schulgelände. Damit trage er „eine schwere Verantwortung“ für die Lage im Land.
LFI-Koordinator Manuel Bompard nennt die Proteste dagegen „eine spontane Protestbewegung angesichts unwürdiger Bedingungen im Schulwesen“ und fordert die Regierung auf, „nicht in Verschwörungstheorien zu verfallen“. Lecornu wies Mélenchons Rede von einer „Repression mit rassistischem Beigeschmack“ zurück: „Ihre Rassismus-Anschuldigung ist eine Beleidigung“, sagte er.
Umfrage
Lädt
Das Video aus Saint-Denis
In Saint-Denis geriet der LFI-Bürgermeister Bally Bagayoko in die Kritik. Ein am 28. September vor dem Lycée Bartholdi aufgenommenes Video zeigt ihn lächelnd und tanzend neben einer brennenden Mülltonne.
„Ich habe selbstverständlich weder ein Mülltonnenfeuer angezündet noch dazu ermutigt. Ich habe im Gegenteil versucht, es zu löschen, um die Sicherheit der anwesenden Jugendlichen zu gewährleisten und ein schnelles Eingreifen der Feuerwehr zu ermöglichen.“
Bally Bagayoko, LFI-Bürgermeister von Saint-Denis
Am 29. September wies Bagayoko den Vorwurf, das Feuer gelegt zu haben, als „Fake News“ des rechten Lagers zurück; die Zeitung L'Humanité veröffentlichte die vollständige Videosequenz. Nach Berichten französischer Medien sieht sich der Bürgermeister seither auch rassistischen Angriffen ausgesetzt.
Am Freitag bleiben gut 400 Schulen geschlossen
Für den Freitag kündigte Bildungsminister Édouard Geffray an, gut 400 Schulen blieben geschlossen und böten nur Fernunterricht an. Geffray setzt auf das Gespräch mit den Schülervertretern.
Am 1. Oktober hatte die Regierung im Kabinett einen Haushaltsentwurf mit 43 Milliarden Euro Einsparungen vorgelegt, der neue Studiengebühren vorsieht. CGT-Chefin Sophie Binet nannte ihn angesichts der laufenden Proteste eine „Provokation“.
Am Freitag will Geffray mit den Schülervertretern sprechen. Ob Dialog und Demonstrationsverbote die Proteste bremsen oder der Sparhaushalt mit den neuen Studiengebühren neuen Zorn auslöst, zeigt sich am Wochenende.