Gerhard Schröder sitzt künftig im Aufsichtsrat des russischen Globus-Ablegers Hyperglobus. Die Anteilseigner wählten den 82-Jährigen am 30. September 2026, das Unternehmen bestätigte die Personalie am 2. Oktober auf Anfrage von dpa und Reuters, wie die Tagesschau über die Berufung Schröders berichtet.
Vier Tage vor der Wahl hatte Moskau die russischen Vermögenswerte des deutschen Handelskonzerns Metro unter vorübergehende staatliche Verwaltung gestellt. Die russische Wirtschaftszeitung Kommersant bringt die Berufung Schröders mit der Frage in Verbindung, ob Hyperglobus damit einer staatlichen Zwangsverwaltung entgehen will. Die Hyperglobus-Pressestelle äußerte sich zu einem solchen Zusammenhang nicht.
Die Welle der Zwangsverwaltungen
Russland hatte 2023 per Dekret die Grundlage geschaffen, ausländische Vermögenswerte ‚bestimmter ausländischer Unternehmen‘ unter ‚vorübergehende‘ staatliche Verwaltung zu stellen. Getroffen hat es seither unter anderem Danone und Carlsberg. Ende September 2026 folgte Metro; zuvor traf es bereits Auchan, Lemana Pro und Nestlé.
Von der Ausgliederung zur Zwangsverwaltung
- 2023Russland schafft die Rechtsgrundlage
Ein Dekret stellt ausländische Vermögenswerte ‚bestimmter ausländischer Unternehmen‘ unter ‚vorübergehende‘ staatliche Verwaltung. Später trifft es unter anderem Danone und Carlsberg.
- 1. Januar 2025Globus spaltet das Russlandgeschäft ab
Das Russlandgeschäft wird aus der deutschen Globus Holding ausgegliedert. Hyperglobus agiert seither juristisch und organisatorisch eigenständig, nutzt aber weiter die Marke Globus. Inhaber wird Thomas Bruch.
- Frühjahr 2026Putin nennt Schröder als Ansprechpartner
Putin erklärt öffentlich, Schröder sei sein bevorzugter Ansprechpartner für Gespräche über eine neue europäische Sicherheitsordnung. Die EU weist das zurück.
- Mai/Juni 2026Bruch auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg
Globus-Gesellschafter Thomas Bruch nimmt als einer von wenigen deutschen Unternehmern am Internationalen Wirtschaftsforum teil, Gastgeber ist Putin. Dafür wird er kritisiert.
- 28. September 2026Moskau übernimmt Metro-Vermögenswerte
Die russischen Vermögenswerte des Handelskonzerns Metro werden unter vorübergehende staatliche Verwaltung gestellt. Zuvor getroffen: Auchan, Lemana Pro und Nestlé.
- 30. September 2026Schröder wird in den Aufsichtsrat gewählt
Die Anteilseigner von Hyperglobus wählen den ehemaligen Bundeskanzler in das Kontrollgremium des Unternehmens.
- 1./2. Oktober 2026Putin äußert sich, Hyperglobus bestätigt
Auf dem Waldai-Forum stellt Putin eine Rückgabe der betroffenen Vermögenswerte bei verbesserten Beziehungen in Aussicht. Am 2. Oktober bestätigt Hyperglobus die Personalie auf dpa-/Reuters-Anfrage.
Am 1. Oktober, einen Tag nach Schröders Wahl, sagte Putin auf dem Waldai-Forum, die betroffenen Unternehmen könnten ihre Vermögenswerte zurückerhalten, wenn sich die politischen Beziehungen verbesserten. Ein Datum nannte er nicht.
Der russische Globus-Ableger
Hyperglobus ist der russische Teil der deutschen Globus Holding. Zum 1. Januar 2025 wurde das Russlandgeschäft aus der Holding ausgegliedert; seither agiert das Unternehmen juristisch und organisatorisch eigenständig, die Märkte in Russland nutzen aber weiterhin die Marke Globus. Inhaber ist der deutsche Unternehmer Thomas Bruch.
Bruch war bis 2020 Geschäftsführer der Globus Holding, heute führt sein Sohn Matthias Bruch die Holding, die Familie Bruch ist Mehrheitseigentümerin. Im Frühjahr 2026 nahm Thomas Bruch als einer von wenigen deutschen Unternehmern am Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg teil – Gastgeber war Putin – und wurde dafür kritisiert. Seine Begründung für die Berufung Schröders:
„Mit seinem bisherigen Engagement in Politik, Wirtschaft und Kultur in Russland ist er eine ideale Ergänzung des Gremiums, um unseren dialogorientierten Ansatz fortzuführen.“
Schröders Netzwerk nach Moskau
Schröder war von 1998 bis 2005 Bundeskanzler. Nach seiner Amtszeit arbeitete er für die Ostsee-Pipeline Nord Stream und stand von 2017 bis Mai 2022 an der Spitze des Aufsichtsrats des staatlichen Ölkonzerns Rosneft. Schröder gilt als einer der engsten deutschen Vertrauten Wladimir Putins.
Im Frühjahr 2026 hatte Putin öffentlich erklärt, Schröder sei sein bevorzugter Ansprechpartner für Gespräche über eine neue europäische Sicherheitsordnung; die EU wies das zurück. Eine eigene Bestätigung Schröders für den Aufsichtsratsposten lag zunächst nicht vor – zitiert wird er lediglich aus der Unternehmensmitteilung, wie der ZEIT-Bericht über Schröders Aufsichtsratsposten zeigt.
„Es ist und bleibt wichtig, dass Unternehmer wie Thomas Bruch und Unternehmen wie Hyperglobus versuchen, die wirtschaftlichen Verbindungen aufrechtzuerhalten und in Russland zu investieren.“
Offene Fragen nach der Wahl
Der Aufsichtsrat kontrolliert das Management, über Vermögenswerte entscheidet er nicht. Ob Hyperglobus mit Schröder eine Zwangsverwaltung abwendet, ist damit offen. Für Metro, Auchan, Lemana Pro und Nestlé bleibt die Frage, wann sie ihre russischen Vermögenswerte zurückbekommen – garantiert ist das für keinen von ihnen.
