Nur 243 von 7.596 Nagelstudios stehen im Handelsregister
Bild: KI-generiert
Nail Art

Nur 243 von 7.596 Nagelstudios stehen im Handelsregister

Nagelkunst boomt in Deutschland – doch nur 3,2 Prozent der 7.596 gezählten Nagelstudios stehen im Handelsregister. Zoll und Staatsanwaltschaft gehen seit 2025 gegen Schwarzarbeit und Ausbeutung vor; bei einer Großrazzia im Januar 2026 durchsuchten mehr als 1.000 Einsatzkräfte Studios in mehreren Bundesländern.

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Nagelkunst ist in Deutschland zum Massenmarkt geworden – und zum Fall für Zoll und Staatsanwaltschaft. Seit 2025 gehen die Behörden verstärkt gegen Schwarzarbeit und Ausbeutung in Nagelstudios vor. Bei einer bundesweiten Großrazzia am 14. Januar 2026 durchsuchten mehr als 1.000 Einsatzkräfte Studios in mehreren Bundesländern.

Der stern veröffentlichte sein Feature am 2. Oktober 2026, mehr als acht Monate nach der bundesweiten Razzia vom 14. Januar 2026. In dem stern-Feature über den Nagelkunst-Boom fragt Reporterin Viorica Engelhardt, wie Nail Art so extrem beliebt werden konnte. Früher, so die Ausgangsbeobachtung des Textes, wurde nur eine „Tussi“ mit unechten Krallen abgewertet.

Wie groß der Markt ist, den die Behörden kontrollieren sollen, weiß niemand genau. Die Firmendatenbank Listflix zählt 7.596 Nagelstudios – gerade einmal 243 davon stehen im Handelsregister, 3,2 Prozent.

Wie viele Studios es wirklich gibt

Je nach Quelle schwanken die Angaben erheblich. Die Firmendatenbank Listflix kommt am 2. Oktober 2026 auf 7.596 erfasste Nagelstudios in Deutschland. Der Branchenverband VNDD schätzt rund 35.000 Betriebe, sein eigener Wert von 2015 lag bei knapp 60.000.

Wie viele Nagelstudios gibt es in Deutschland?

Angaben verschiedener Quellen im Vergleich

Quelle: Listflix (2. Oktober 2026), VNDD, BKA-Forschungsbericht

Regional verteilen sich die Betriebe ungleich. Nordrhein-Westfalen führt mit 1.361 Studios, die höchste Dichte erreicht Rheinland-Pfalz mit 11,77 Betrieben je 100.000 Einwohner. Der Bundesschnitt liegt bei 9,09.

Statussymbol und Klassenfrage

Nail Art ist keine Erfindung der Gegenwart. Gefärbte Nägel gab es im alten Babylon, im Ägypten der Pharaonen und in der chinesischen Ming-Dynastie, die von 1368 bis 1644 herrschte. Gold-, Silber-, Rot- und Schwarztöne markierten dort hohen Status; adelige Frauen trugen künstliche Verlängerungen als Zeichen, keine körperliche Arbeit zu verrichten.

Die moderne Acryl-Verlängerung entstand 1954 eher zufällig: Der US-Zahnarzt Frederick Slack reparierte einen gebrochenen Nagel mit zahnmedizinischem Kunststoff.

Über die Statussymbolik wird bis heute gestritten. Die Autorin Jovana Reisinger beschreibt in ihrem Buch „Pleasure“ eine feine Grenze: Maniküre und Pediküre gelten demnach nur solange als Statussymbol, wie sie erträgliche, dezente und saubere Weiblichkeit erzeugen. Alles darüber hinaus – Chrome, Muster, Glitzer – wirke wie ein Hinweis auf die Straße.

„Maniküre und Pediküre gehen als Statussymbol für manche durch, nämlich dann, wenn sie die erträgliche, dezente und vor allem saubere Art der Weiblichkeit erzeugen. (...) Alles, was darüber hinausgeht, Chrome, Muster, Glitzer, dient als Hinweis auf die Straße: vulgär, billig, gefährlich und daher schön fotzig. Diese Finger greifen nach Aufmerksamkeit.“
Jovana Reisinger, Autorin („Pleasure“)

Promis, Pop und rote Teppiche

Getragen wird der Boom von Popkultur und sozialen Medien: Billie Eilish zeigt ihre Nägel auf dem roten Teppich, Cardi B in Musikvideos, Rosalía auf der Bühne. Seit der Pandemie entstehen in Städten wie Berlin und Wien neue, lifestyle-orientierte Nagelstudios. Florence Griffith-Joyner gewann 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul Gold und war für ihre auffällig langen, dekorierten Nägel bekannt; dafür wurde sie teils kritisiert.

Die Moderatorin und Journalistin Maria Popov widerspricht der Abwertung als „vulgär“. Sie sieht in extralangen Nägeln, High Heels und Miniröcken eine Ästhetik, die sich der Bewertung durch Männer entzieht – und feiert sie als Selbstermächtigung.

„Dass Feministinnen uneitel bis hässlich sind, ist ein super-veraltetes Klischee, das sich immer noch hält. Ich finde ganz im Gegenteil: Der Trend, Hyperfemininity zu feiern, also extralange Nägel, High Heels und Miniröcke, die mehr Gürtel als Rock sind, entzieht sich einer Ästhetik, die Männer feiern würden, statt sie zu zentrieren. Die Girlies machen, was sie geil finden, und fühlen sich hot dabei.“
Maria Popov, Moderatorin und Journalistin

Zoll und Staatsanwaltschaft greifen durch

Politisch steht die Branche unter Druck. Finanzminister Lars Klingbeil erklärte Nagelstudios und Barbershops im August 2025 zum Hotspot der Schwarzarbeit. Im Dezember 2025 berichtete DIE ZEIT in einem Nachrichtenpodcast über Ausbeutung und Zwangsarbeit in deutschen Nagelstudios.

Für die Aufsicht bleibt die Lage unübersichtlich. Eine einheitliche staatliche Statistik nur für Nagelstudios gibt es in Deutschland nicht – kontrolliert wird ein Markt, dessen Größe niemand genau kennt.

Von der Erfindung 1954 zur Großrazzia 2026

  1. 1954
    Ein Zahnarzt erfindet die Acryl-Verlängerung

    Der US-Zahnarzt Frederick Slack repariert einen gebrochenen Nagel mit zahnmedizinischem Kunststoff – die künstliche Nagelverlängerung entsteht.

  2. 1984
    Olympia-Gold mit langen Nägeln

    Sprinterin Florence Griffith-Joyner gewinnt mit langen, dekorierten Nägeln – und wird kritisiert, sie sei dafür nicht „gut genug“.

  3. 2015
    Bis zu 60.000 Studios

    Der VNDD geht laut einem Forschungsbericht des BKA von knapp 60.000 Nagelstudios in Deutschland aus.

  4. 9. August 2025
    Klingbeil nennt Nagelstudios einen Hotspot

    Finanzminister Lars Klingbeil erklärt Nagelstudios und Barbershops zum Zentrum der Schwarzarbeit.

  5. 11. Dezember 2025
    Bericht über Zwangsarbeit

    Ein Nachrichtenpodcast der ZEIT befasst sich mit Ausbeutung und Zwangsarbeit in deutschen Nagelstudios.

  6. 14. Januar 2026
    Großrazzia in mehreren Bundesländern

    Mehr als 1.000 Einsatzkräfte durchsuchen Nagelstudios; im Fokus steht ein 56-jähriger Beschuldigter aus Düsseldorf.

  7. 2. Oktober 2026
    stern-Feature und neue Statistik

    Viorica Engelhardt fragt nach dem Boom der Nagelkunst, Listflix zählt 7.596 Nagelstudios in Deutschland.

Bare Nails als Gegenbewegung

Auf der anderen Seite des Booms zeichnet sich ein Gegentrend ab. Für 2026 wird in der Beauty-Branche der Verzicht auf Lack, Glitzer und Verlängerungen als neues Statement gehandelt – unter dem Schlagwort Bare Nails.

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Wie viele Studios es in Deutschland tatsächlich gibt, könnte erst eine einheitliche Erfassung zeigen. Bis dahin bleibt jede Kontrolle eine Stichprobe in einem Markt, dessen Grenzen niemand kennt.