Einmal abgefeilt wächst Zahnschmelz nie wieder nach – trotzdem greifen junge Menschen auf TikTok zur Nagelfeile und schleifen ihre Vorderzähne ab. Das Nachrichtenmagazin stern nahm den Trend in einem zwei Minuten langen Video auf und wies am 1. Oktober 2026 darauf hin, dass eine Zahnärztin eindringlich davor warnt.
Das Muster ist immer dasselbe: Wer mit Form und Länge seiner Schneidezähne unzufrieden ist, legt selbst Hand an, statt die Korrektur einer Zahnarztpraxis zu überlassen. In den Videos gilt die Methode als günstige Alternative zur kostenpflichtigen Zahnkorrektur; auf eine gemeinsame Länge gebracht wird der Zahn mit einer gewöhnlichen Nagelfeile.
Zahnschmelz wächst nicht nach
Die Warnungen stützen sich auf den Aufbau des Zahns. Außen schützt der Zahnschmelz vor Karies, Hitze und Kälte. Darunter liegt das weichere Dentin, durchzogen von feinen Kanälen bis zum Zahnnerv. Wird der Schmelz abgetragen, liegt das Dentin frei – über die Kanäle können Bakterien bis zum Nerv vordringen, Karies und Entzündungen auslösen und den Zahn im schlimmsten Fall absterben lassen.
Der Zahnarzt Dirk Michael Timmermann, Landesvorsitzender des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte, erklärt in dem RND-Gespräch über die Gefahren des Zahnfeilens, warum Laien das Risiko nicht einschätzen können. Zusätzlich drohen herausbrechende Ecken und Kanten sowie Schäden an Zahnfleisch und Zahnstruktur. Das ursprüngliche Problem – etwa eine Fehlstellung der unteren Zähne – löst die Feile ohnehin nicht.
„Laien, die mit einer Nagelfeile an ihre Schneidekanten gehen, können vorher nicht wissen, ob diese bereits abgenutzt sind und wie viel Zahnschmelz noch vorhanden ist.“
Der Preis der Gratis-Lösung
Der eigentliche Reiz des Trends – das knappe Budget – wird durch die Folgekosten konterkariert. Ein professionelles Polieren oder Kürzen der Frontzähne kostet nach Angaben der Fachzahnärztin für Kieferorthopädie Angelika Frankenberger meist nur 30 bis 40 Euro, für das Schleifen pro Zahn werden 20 bis 50 Euro genannt. Wer dagegen zu viel Zahnsubstanz zerstört, braucht womöglich teuren Zahnersatz; die Zahnarztpraxis Dr. Dietzel in Lingen spricht von einer absoluten Kostenfalle.
„Zähne abschleifen zu Hause ist ein absolutes NO GO. Nagelfeilen sind für Fingernägel und nicht für Zähne gedacht.“
Der Trend ist mindestens sechs Jahre alt
Das Phänomen ist keine Erfindung des Jahres 2026. Bereits im Juni 2020 veröffentlichte die damals 19-jährige TikTok-Nutzerin Mia Dio ein Video, in dem sie mit einer knallpinkfarbenen Nagelfeile ihre Zähne abschliff. Washington Posts Bericht über die feilenden TikTokerinnen hält fest, dass sie anschließend selbst davon abriet; die damals 16-jährige Aislinn Rendulic tat es ihr im August 2020 gleich und warnte ebenfalls.
Vom viralen Video zur wiederkehrenden Warnung
- Juni 2020Mia Dio feilt sich die Zähne ab
Die damals 19-jährige Nutzerin schleift ihre Schneidezähne mit einer pinkfarbenen Nagelfeile und rät anschließend selbst davon ab.
- 21. September 2020Erste große Berichtswelle
Die ZEIT berichtet über den TikTok-Trend, der Zahnarzt Kami Hoss warnt, Zahnschmelz wachse nie nach.
- 24. September 2020Washington Post und RND greifen auf
Die Washington Post dokumentiert zwei reuige TikTokerinnen, das RND interviewt Zahnarzt Timmermann und holt ein Statement von TikTok ein.
- 7. August 2022Fachzahnärztin nennt Preise
Angelika Frankenberger nennt das Selbstfeilen ein absolutes NO GO und beziffert professionelles Polieren mit 30 bis 40 Euro.
- 20. September 2023Krankenkasse warnt mit Oralchirurgin
Die Krankenversicherung Envivas veröffentlicht einen Beitrag zu gefährlichen Zahn-Trends mit der Zahnärztin Tina Mandel.
- 25. September 2026stern veröffentlicht Video-Beitrag
Der stern stellt den Zwei-Minuten-Beitrag „Zähne mit Feile schleifen? So gefährlich ist der neue Tiktok-Trend“ online.
- 1. Oktober 2026stern weist erneut auf den Trend hin
Das Magazin teilt den Hinweis, dass eine Zahnärztin vor dem viralen Trend warnt.
Seither kehrt der Trend in Wellen zurück. 2022 warnte die Zahnärztin Andrea Jacob in einem eigenen Video vor dem Selbstfeilen, im September 2023 griff die Krankenversicherung Envivas das Thema mit der Oralchirurgin Tina Mandel auf. Auch die US-Zahnmedizin der University of Pennsylvania beobachtet das Selbstfeilen inzwischen als immer häufigeren DIY-Trend.
TikTok sieht keinen Verstoß
Auf die wiederkehrende Kritik reagierte TikTok früh. Ein Unternehmenssprecher erklärte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, die betreffenden Zahnpflege-Videos seien geprüft worden und verstießen nicht gegen die Community-Richtlinien. Man beobachte die Inhalte aber genau und moderiere, falls ein Verstoß vorliege.
Nicht geklärt ist bislang, wen das stern-Video eigentlich zitiert. Der Beitrag ist ein zwei Minuten langes Video ohne ausformulierten Artikeltext; der Name der warnenden Zahnärztin wird im zugänglichen Material nicht genannt. Die stern-Listung führt ihn mit dem Zeitstempel 25. September 2026, 15:10 Uhr, geteilt wurde der Hinweis am 1. Oktober 2026. Ob der stern eine neue deutschsprachige Zahnärztin zu Wort kommen lässt oder die seit 2020 bekannte Warnlage neu aufgreift, bleibt offen.
