Wolf Biermann rechnet in seinen Tagebüchern mit der DDR ab
Bild: KI-generiert
Ausbürgerung

Wolf Biermann rechnet in seinen Tagebüchern mit der DDR ab

Die WELT druckt Wolf Biermanns Tagebücher vor – und die Aufzeichnungen rechnen mit der DDR ab, die ihn 1976 ausbürgerte. Der Band erscheint am 7. Oktober, im November folgen der 90. Geburtstag und der 50. Jahrestag der Ausbürgerung.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Über 200 Bände Tagebuch hat Wolf Biermann seit seinem 16. Lebensjahr gefüllt. Jetzt wird dieses Werk erstmals öffentlich – und schon der erste Vorabdruck liest sich wie eine Abrechnung mit der DDR und dem Land, das aus ihr geworden ist.

Am 3. Oktober veröffentlichte die WELT den Vorabdruck aus Biermanns Tagebüchern. Der steht unter einem Satz, der als Programm gelesen werden kann – und der von Biermann selbst stammt:

„In was einem lähmenden Land leben wir! Das enttäuscht so total, weil es unser Land sein könnte“
Wolf Biermann, Liedermacher und Dichter

Der Band „Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher. Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall“ erscheint am 7. Oktober im Penguin Verlag. Herausgegeben wird er von dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk unter Mitarbeit von Arno Polzin und Maximilian Arndt. Der Auftaktband ediert erstmals Auszüge aus dem Tagebuchwerk, hier die Jahre 1965 bis 1989.

Die Ausbürgerung war seit 1971 geplant

Der Weg dorthin war lang. 1965 verhängte die SED ein totales Auftritts- und Publikationsverbot gegen Biermann, Erich Honecker ächtete ihn auf einem Kulturplenum. 1971 sah ein von Honecker und Mielke abgezeichneter MfS-Vermerk die Ausbürgerung Biermanns vor.

Am 13. November 1976 trat Biermann in der Kölner Sporthalle vor rund 7000 Zuschauern auf, sein erster öffentlicher Auftritt im Westen. Drei Tage später, am 16. November 1976, beschloss das SED-Politbüro seine Ausbürgerung wegen „grober Verletzungen der staatsbürgerlichen Pflichten“. Verkündet wurde der Beschluss in der „Aktuellen Kamera“.

Schon am 17. November 1976 formulierten DDR-Künstler um Stephan Hermlin in Niederschönhausen eine Protestpetition gegen die Ausbürgerung. Die Bundeszentrale für politische Bildung zählt Chronik zur Ausbürgerung 1976.

Wolf Biermann: Stationen zwischen Verbot und Ausbürgerung

  1. 15. November 1936
    Geburt in Hamburg
  2. 1953
    Übersiedlung in die DDR

    Biermann zieht als 16-Jähriger als überzeugter Kommunist in die DDR.

  3. 1965
    Totales Auftritts- und Publikationsverbot

    Erich Honecker ächtet Biermann auf einem SED-Kulturplenum.

  4. 1971
    MfS-Vermerk zur Ausbürgerung

    Ein von Honecker und Mielke abgezeichneter Vermerk sieht die Ausbürgerung Biermanns vor.

  5. 13. November 1976
    Konzert in der Kölner Sporthalle

    Erster öffentlicher Auftritt im Westen, vor rund 7000 Zuschauern.

  6. 16. November 1976
    Ausbürgerung durch das SED-Politbüro

    Begründung: grobe Verletzungen der staatsbürgerlichen Pflichten.

  7. 1. Dezember 1989
    Rückkehr auf die DDR-Bühne

    Konzert in Leipzig, organisiert vom Neuen Forum – erstmals seit 25 Jahren.

Was in den Tagebüchern steht

Laut WELT schreibt Biermann in den Aufzeichnungen über Stasispitzel, über Manfred Krug als aggressiven Autofahrer und über den Selbstversuch, kurz vor dem Mauerfall frech in die DDR einzureisen.

Krug verließ 1977 die DDR, nachdem er öffentlich für Biermann eingetreten war. In den Tagebüchern steht ein Satz, den Biermann ihm zuschreibt:

„Krug erklärte danach, es tue ihm nicht leid, zugeschlagen zu haben, sondern nur, dass es Havemann gewesen war.“
Wolf Biermann, Liedermacher und Dichter

Mit Sondererlaubnis durfte Biermann 1982 den todkranken Robert Havemann in Grünheide besuchen – unter Stasi-Bewachung. Am 4. November 1989 ließ ihn die DDR trotz einer Einladung von Bärbel Bohley nicht zur Großdemonstration nach Ost-Berlin einreisen.

Erst am 1. Dezember 1989 trat Biermann wieder in der DDR auf – erstmals seit 25 Jahren, bei einem Konzert in Leipzig, organisiert vom Neuen Forum.

Ein dicht getakteter Herbst für Biermann

Der Buchstart ist nur ein Teil eines dicht getakteten Biermann-Herbsts 2026. Am 15. November wird Wolf Biermann 90 Jahre alt, einen Tag später jährt sich seine Ausbürgerung zum 50. Mal. Am Berliner Ensemble ist zum Jahrestag das Konzert „Pardon, ich lebe noch“ geplant.

Dazu kommen zwei weitere Bücher, zwei Alben, ein Kinofilm, Konzerte und ein Theaterstück. Das Album „Wolf Biermann – Wolf Biermann“ erschien am 11. September bei Clouds Hill, die Doku „BIERMANN“ von Jens Meurer läuft ab dem 29. Oktober bundesweit im Kino.

„Mich, den alten Biermann, freut es, dass die dpa mit der Frankfurter Buchmesse und dem Penguin Verlag einen Biermann-Abend organisiert, also mitten im Winter meines 90. Lebensjahres. Da geh ich hin, denn dort werden meine drei neuen Bücher vorgestellt: Neue Gedichte und Lieder, Tagebuch-Prosa und ein wunderwahres Märchen.“
Wolf Biermann, Liedermacher und Dichter

Nobelpreis-Vorschlag für einen Ausgebürgerten

Um den Band herum gibt es weitere Termine: Die große Buchvorstellung steigt am Erscheinungstag, dem 7. Oktober, auf der Frankfurter Buchmesse. Am 13. Oktober folgen eine Buchvorstellung und Diskussion im Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin-Lichtenberg. Schon am 1. Oktober hatte der stern einen exklusiven Tagebuchauszug unter dem Titel „Ich hab Sehnsucht nach meinen Frauen“ veröffentlicht.

Politische Rückendeckung bekommt das Projekt von der CDU. Der Kulturpolitiker Uwe Lehmann-Brauns schlug Biermann am 29. September für den Literaturnobelpreis vor. Biermanns Werk stehe „für die Unantastbarkeit individueller Freiheit als Würde des einzelnen Menschen bis heute“, begründete er.

Umfrage
Lädt

Offen bleibt, wie die Edition aufgenommen wird – und ob aus dem Vorstoß der Union mehr wird als ein Vorschlag. Der nächste Termin steht fest: Am 7. Oktober liegt der Band in den Buchhandlungen, am 15. November wird der Mann, der ihn geschrieben hat, 90 Jahre alt.