Wiebke Jahn warnt Deutsche vor dem Bullerbü-Syndrom in Schweden
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Auswanderung

Wiebke Jahn warnt Deutsche vor dem Bullerbü-Syndrom in Schweden

Wiebke Jahn zog 2021 nach Lappland – und warnt jetzt vor dem „Bullerbü-Syndrom“: Die Deutschen liebten ein Schweden-Bild, das es nicht gibt. Trotzdem will sie nicht zurück.

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Die Deutschen lieben Schweden – und laufen damit in eine Enttäuschung, vor der eine Auswanderin warnt. Wiebke Jahn (38) zog 2021 von Berlin nach Sápmi, dem schwedischen Teil Lapplands. Heute sagt sie in dem WELT-Interview über ihr Leben in Lappland: Ihr Land träume von einem Schweden, das es nicht gibt.

Mit ihrem Mann und den damals zwei, mittlerweile drei Kindern kaufte sie in der Gemeinde Skellefteå ein Haus mit fast 4000 Quadratmetern Grundstück; die Familie lebt dort sehr abgeschieden. Unter dem Namen „Arctic for Beginners“ dokumentiert sie ihren Alltag auf Instagram, rund 65.700 Menschen folgen ihr. Dazu kommen ein Blog, ein YouTube-Kanal und der Podcast „Polfunk“.

Jahn ist gelernte Lehrerin und war nach eigenen Angaben von August 2022 bis November 2025 bei der Gemeinde Skellefteå angestellt; seither arbeitet sie als Marketingverantwortliche bei der edushare Trägerverwaltung, im Interview sagt sie, sie sei „aktuell gerade selbstständig“. Anlass des Gesprächs ist ihr Debüt „Schneesturmtage“, erschienen Mitte September 2026 im MVG Verlag.

Von Berlin nach Sápmi – und zum ersten Buch

  1. 2021
    Umzug nach Schwedisch-Lappland

    Wiebke Jahn zieht mit ihrem Mann und zwei Kindern von Berlin nach Sápmi und kauft in der Gemeinde Skellefteå ein Haus mit fast 4000 Quadratmetern Grundstück.

  2. August 2022
    Anstellung als Lehrerin

    Nach eigenen Angaben beginnt Jahn bei der Gemeinde Skellefteå zu arbeiten; sie bleibt dort bis November 2025.

  3. November 2025
    Wechsel in die Marketingabteilung

    Jahn wechselt nach eigener Darstellung als Marketingverantwortliche zur edushare Trägerverwaltung.

  4. 22./23. September 2026
    Buch erscheint

    „Schneesturmtage“ kommt beim MVG Verlag heraus: 240 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-7474-0796-7.

  5. 1. Oktober 2026
    Interview veröffentlicht

    WELT-Redakteurin Kerstin Rottmann veröffentlicht das Gespräch; das polnische Nachrichtenportal Onet übernimmt den Text.

Ein ganz normales Land mit ganz normalen Problemen

Für das, was Jahn beschreibt, gibt es in Deutschland einen Namen: das „Bullerbü-Syndrom“, benannt nach Astrid Lindgrens Kinderbuch „Wir Kinder aus Bullerbü“. Der Schweden-Blog „Elchkuss“ schreibt den Begriff dem früheren Leiter des Stockholmer Goethe-Instituts, Bertold Franke, zu. Gemeint ist die Sehnsucht nach roten Holzhäusern, Elchen und Idylle.

„Nun, die Deutschen haben eine ausgeprägte Schwedenverliebtheit. Man sagt auch „Bullerbü-Syndrom“ dazu. Wir sind ganz vernarrt in ein Bild von Schweden, das es in der Realität so aber gar nicht gibt.“
Wiebke Jahn, Auswanderin und Buchautorin

Auf die Frage, warum so viele wieder gehen, nennt Jahn zwei Gründe: die enttäuschte Erwartung und das Gefühl, nicht dazuzugehören. „Schweden ist ein ganz normales Land, mit ganz normalen Problemen, die andere europäische Länder auch haben“, sagt sie und nennt Politik und Gesundheitssystem. Die Anpassung koste Kraft: „Es kostet unglaublich viel Kraft, sich da anzupassen. Dabei möchte man das ja.“

Reibungen entstehen auch, weil Deutsche als „arbeitswütig“, aber ebenso als „besserwisserisch und anstrengend“ gelten. Die Schweden seien „zwar immer nett und freundlich“, sagten aber nicht direkt, wenn sie genervt seien; diese feinen Grenzen verstehe man kaum, selbst mit guten Sprachkenntnissen. Im Interview ist zudem von einem ausgeprägten Konformitätsdruck unter schwedischen Jugendlichen die Rede.

Ganztagsbetreuung, Gratis-Musikschule, lange Pausen

Was die Familie hält, ist vor allem die Familienpolitik: Die Ganztagsbetreuung reiche von 7 bis 17:30 Uhr, es gebe sehr viele Angebote für Familien, und die Musikschule sei kostenlos. Alle ihre Kinder spielten ein Instrument. Nordschweden werbe intensiv um neue Einwohner – in Stockholm sehe das „schon wieder anders“ aus.

Die drei Kinder besuchen eine internationale Privatschule und lernen dort drei Sprachen; zahlen müssen die Eltern nichts, weil in Schweden für die Schule kein Geld verlangt werden darf. Auch Familienzeit hat dort einen anderen Stellenwert: Es sei nicht schlimm, wenn man zu Hause bleiben müsse, weil das Kind krank ist.

Überrascht habe die Familie die Pausenkultur. „Was uns überrascht hat: Hier haben Pausen einen sehr hohen Stellenwert. Damit hatten wir als Deutsche echt zu kämpfen!“, sagt Jahn. Ihr schwedischer Chef habe sie aufgefordert, weniger zu arbeiten – er wolle sie für die nächsten 20, 30 Jahre als Lehrerin haben, nicht nur für fünf.

Bezahlt wird das mit finanziellen Abstrichen. Die Lebenshaltungskosten seien hoch, Lehrer würden „nicht besonders gut bezahlt“, und der Beruf habe ein schlechtes Ansehen. Arbeiteten sie und ihr Mann beide in Vollzeit als Lehrer, verdienten sie zusammen so viel wie ein Lehrer in Deutschland. Eine Kollegin nannte den Job gemessen am Studium den schlechtbezahltesten in Schweden.

Viele Deutsche gehen nach ein bis zwei Jahren zurück

Trotzdem rechnet Jahn anders. Das Haus mit fast 4000 Quadratmetern Grundstück könnte sich die Familie in Deutschland „niemals leisten“. „Wenn ich das alles aufrechne, muss ich sagen, dass die Lebensqualität in Schweden für uns sehr viel höher ist als in Deutschland, obwohl wir dort mehr Geld verdienen könnten. Aber Geld ist ja nicht alles im Leben.“

Auf die Frage, ob sie Rückkehrer persönlich kenne, antwortet sie: „Ja, ich habe viele Deutsche nach ein, zwei Jahren wieder gehen sehen. Sie hatten Heimweh oder haben gemerkt, dass Schweden doch nicht das bietet, was sie sich erhofft haben.“ Der Text wurde auch außerhalb Deutschlands gelesen: Die polnische Übernahme des Interviews bei Onet erschien am 1. Oktober 2026.

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„Wir sind ja keine Bäume“

Auswanderungswilligen rät Jahn, den Druck herauszunehmen: „Wenn man so ein Abenteuer angeht, dann kann viel Positives daraus entstehen.“ Eine Rückkehr sollten Deutsche nicht als Scheitern begreifen. Abraten würde sie nur bei gesundheitlichen Problemen oder wenn alles knapp auf Kante genäht sei – eine Auswanderung sei teuer.

Konkret empfiehlt sie, zunächst ein Ferienhaus zu mieten und Wochen oder Monate zu testen, ob das Land wirklich passt. „Wir sind ja keine Bäume, sondern freie Menschen und können Dinge einfach mal ausprobieren“, sagt sie.

In ihrem Blogbeitrag „Gedanken über eine Rückkehr nach Deutschland“ schreibt Jahn nach knapp vier Jahren in Schweden von Heimweh nach Berlin und dem wachsenden schlechten Gewissen gegenüber der alternden Familie in Deutschland.

„Auch wenn Deutschland mir in vielen Punkten fremd geworden ist, ich meine Sprache und Kultur nicht missen möchte und Deutschland immer meine Heimat sein wird. Momentan ist eine Rückkehr allerdings ausgeschlossen.“
Wiebke Jahn, Auswanderin und Buchautorin

Zugleich kritisiert sie das mangelnde Gesundheitssystem, hohe Lebensmittelpreise und einen härteren Ton gegenüber Zuwanderern seit dem Erstarken der Schwedendemokraten. Ob sich daran etwas ändert, lässt sie offen.