Um 22 Uhr mitteleuropäischer Zeit schließen an diesem Sonntag die Wahllokale in Brasilien. Rund 159 Millionen Bürgerinnen und Bürger sind Übersicht zu den Wahlen in Brasilien 2026 zur Wahl verpflichtet. Gewählt werden auch alle 513 Sitze der Abgeordnetenkammer, zwei Drittel der 81 Senatssitze und die Gouverneure aller 26 Bundesstaaten.
Die beiden Favoriten könnten unterschiedlicher kaum sein: Der 80-jährige Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva strebt seine vierte Amtszeit an, der 45-jährige Senator Flávio Bolsonaro ist der älteste Sohn des zu 27 Jahren Haft verurteilten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Donald Trump steht nicht auf dem Stimmzettel, prägt den Wahlkampf aber wie kein zweiter.
Lula und Bolsonaro liegen Kopf an Kopf
Die Umfragewerte zur brasilianischen Präsidentschaftswahl zeichnen kein klares Bild: Datafolha, CNT/MDA, Quaest und AtlasIntel sehen Lula im ersten Durchgang zwischen 40 und knapp 48 Prozent, Flávio Bolsonaro zwischen 33 und 45 Prozent. Verfehlt einer der beiden die absolute Mehrheit, entscheidet am 25. Oktober die Stichwahl.
Für diesen zweiten Durchgang sehen mehrere Institute Lula nur hauchdünn vor seinem Herausforderer. Trump erklärte am 2. Oktober vor Reportern lediglich, er verfolge den Urnengang sehr aufmerksam und halte Brasilien für ein sehr wichtiges Land – eine Empfehlung für einen der beiden Kandidaten sprach er nicht aus.
Umfragen zur ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Brasilien
Spannbreite der Werte mehrerer Institute, in Prozent der Stimmen
US-Druck und Lulas Souveränitätskurs
Washington setzt Brasilien seit anderthalb Jahren unter Druck: 2025 verhängten die USA 50 Prozent Zölle und sanktionierten den Obersten-Gerichtshof-Richter Alexandre de Moraes. Im Mai 2026 stufen sie die Banden PCC und Comando Vermelho als Terrororganisationen ein, im Juli folgten neue 25 Prozent Zölle, im August der Visumsentzug für Botschafterin Maria Luiza Ribeiro Viotti.
Der brasilianische Geheimdienst Abin stufte das Risiko einer US-Einflussnahme Ende August 2026 in einem vertraulichen Bericht als kritisch ein. Lula macht den Schutz der brasilianischen Souveränität zum Kern seiner Kampagne und beendete sie am Samstag in São Paulo. Dort sagte Lula:
„Trump kann Bolsonaro und seine Familie weiter gut finden, damit habe ich überhaupt kein Problem. Aber er sollte sich auf keinen Fall in den brasilianischen Wahlkampf einmischen. Die Wahlen sind Brasiliens Sache.“
Bolsonaros Sohn setzt auf US-Flaggen
Flávio Bolsonaro inszeniert seinen Wahlkampf mit den Symbolen Washingtons: Seine Veranstaltungen sind mit US-Flaggen und Trump-Ballons geschmückt, auch die Abschlusskundgebung am Samstag in Rio de Janeiro. Eine Annäherung an die USA hat er angekündigt; sein Vater Jair Bolsonaro wurde 2025 wegen des Putschversuchs vom 8. Januar 2023 zu 27 Jahren Haft verurteilt. Bei der Kundgebung sagte Flávio Bolsonaro:
„Ich kann ruhiger, lächender, gelassener und moderater sein. Aber hier fließt das Blut Bolsonaros.“
Die Familie steht weiter unter Druck: Eduardo Bolsonaro wurde am 17. Juni 2026 wegen Nötigung verurteilt, weil er für US-Sanktionen gegen Richter des Obersten Gerichtshofs geworben haben soll. Flávio Bolsonaro tritt trotzdem an.
Wie es zu diesem Duell kam
Das Duell hat eine lange Vorgeschichte: Lula hatte Jair Bolsonaro 2022 in der Stichwahl knapp geschlagen, im Januar 2023 stürmten dessen Anhänger den Kongress. Danach folgten ein Hafturteil, die überraschende Kandidatur des Sohnes und eine Serie amerikanischer Druckmittel.
Von der Stichwahl 2022 bis zum Wahlsonntag 2026
- 30. Oktober 2022Lula gewinnt die Stichwahl gegen Jair Bolsonaro
Lula da Silva setzt sich knapp mit 50,9 Prozent der Stimmen durch.
- 8. Januar 2023Anhänger Bolsonaros stürmen Brasília
Sie dringen in den Kongress, den Obersten Gerichtshof und den Präsidentenpalast ein.
- Juli 2025Trump verhängt 50 Prozent Zölle
Die USA belegen brasilianische Waren mit Strafzöllen und sanktionieren den Richter Alexandre de Moraes.
- September 2025Der Oberste Gerichtshof verurteilt Jair Bolsonaro
Wegen des Putschversuchs verhängt das Gericht 27 Jahre Haft.
- Dezember 2025Flávio Bolsonaro kündigt seine Kandidatur an
Sein Vater bestimmt ihn zum Fackelträger der Bewegung.
- August 2026Abin warnt vor US-Einflussnahme
Die USA entziehen Brasiliens Botschafterin das Visum; der Geheimdienst stuft das Risiko als kritisch ein.
- 2. Oktober 2026Generalanwaltschaft verlangt Ermittlungen
Brasiliens Generalanwalt warnt vor Einmischung aus den USA in den Wahlkampf.
Was nach dem ersten Wahlgang passiert
Der erste Durchgang entscheidet, ob Lula eine vierte Amtszeit erreicht – oder ob Flávio Bolsonaro das Erbe seines Vaters antritt. Sollte keiner die absolute Mehrheit holen, fällt am 25. Oktober die Stichwahl. Ob die Ermittlungen zur möglichen US-Einflussnahme bis dahin eingeleitet werden, ist offen.
