Am 13. Juni 1977 starb Matthew Garber im Royal Free Hospital im Londoner Stadtteil Hampstead. Der Junge, der 1964 als Michael Banks in „Mary Poppins“ an der Seite von Julie Andrews und Dick Van Dyke weltberühmt wurde, wurde nur 21 Jahre alt. Einen Nachruf gab es nicht.
Nicht einmal die Filmindustrie nahm Notiz. Schauspielerlexika wie Who's Who führten Garber noch bis 1987 als lebend. Selbst die Walt Disney Archives suchten 1999 noch vergeblich nach einer Todesmeldung und teilten der US-Filmseite Reel Classics mit, man suche „seit Jahren“. In dieses Vakuum stießen Spekulationen über Drogen und einen „mysteriösen Virus“.
Ein Kobold, der Hollywood 1967 verließ
Matthew Adam Garber wurde am 25. März 1956 im Londoner Stadtteil Stepney als Sohn zweier Bühnenschauspieler geboren und wuchs im Norden der Stadt auf. Zum Film kam er durch eine Familienfreundschaft: Der Shakespeare-Darsteller Roy Dotrice, Vater seiner späteren Partnerin Karen Dotrice, machte Disneys Casting-Abteilung auf den Jungen aufmerksam.
1963 gab Garber sein Debüt in „Die drei Leben von Thomasina“, ein Jahr später folgte „Mary Poppins“ mit Karen Dotrice als Jane Banks, 1967 mit „Abenteuerliche Reise ins Zwergenland“ sein dritter und letzter Film an ihrer Seite. Danach zog er sich mit etwa zehn Jahren aus dem Geschäft zurück und besuchte von September 1968 bis Juli 1972 die Highgate School in Nord-London.
Hepatitis aus Indien, nicht Drogen
1976 reiste Garber durch Indien und steckte sich dort unwissentlich mit Hepatitis an. Wenige Monate später holte ihn sein Vater zurück nach Großbritannien; die Krankheit hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf die Bauchspeicheldrüse ausgebreitet und war nicht mehr behandelbar. Am 13. Juni 1977 starb er mit 21 Jahren, ledig und kinderlos. Sein Leichnam wurde eingeäschert.
Die offizielle Todesursache wurde erst Jahrzehnte später aktenkundig: hämorrhagisch-nekrotisierende Pankreatitis, eine mit Blutungen und Gewebszerstörung einhergehende, lebensbedrohliche Form der akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung. Sein jüngerer Bruder Fergus war damals 13 Jahre alt. Garbers Eltern starben beide im Jahrzehnt nach dem Tod ihres ältesten Sohnes.
Matthew Garber: Stationen eines fast unbemerkten Todes
- 25. März 1956Geburt in London-Stepney
Matthew Adam Garber kommt als Sohn zweier Bühnenschauspieler zur Welt.
- 1964Durchbruch als Michael Banks
In „Mary Poppins“ spielt er an der Seite von Julie Andrews, Dick Van Dyke und Karen Dotrice.
- 1976Indienreise und unbemerkte Ansteckung
Garber steckt sich mit Hepatitis an, ohne es zu wissen.
- 13. Juni 1977Tod mit 21 Jahren
Garber stirbt im Royal Free Hospital in Hampstead; sein Leichnam wird eingeäschert.
- 22. Oktober 1999Todesurkunde belegt die Ursache
Reel Classics erhält die Kopie der Urkunde: hämorrhagisch-nekrotisierende Pankreatitis.
- 2004Posthume Ehrung als Disney-Legende
Garbers Bruder Fergus nimmt die Auszeichnung entgegen.
1999 belegt eine Urkunde den Tod
Den Wendepunkt brachte die Recherche von Reel Classics zur Todesurkunde, die 1998 begann. Am 15. Oktober 1999 ermittelte die Seite im englischen Personenstandsarchiv den Sterbemonat Juni 1977, am 22. Oktober lag die Kopie der Urkunde vor. Sie nennt das Royal Free Hospital als Sterbeort und die Pankreatitis als Todesursache – Angaben zu auslösenden Faktoren enthält sie nicht.
Medien füllten die Lücke mit eigenen Versionen: Die Daily Express meldete am 29. November 1977 unter Berufung auf ein Interview mit Karen Dotrice, Garber sei mit 20 „an Drogen“ gestorben; die Daily Mirror schrieb 1984 von einem „tödlichen mysteriösen Virus“ auf einer Rock-Tour durch Südafrika. Beide Blätter gelten als Boulevardmedien, ihre Angaben als unbelegt. 2004 – nach anderen Angaben 2005 – räumte Garbers Bruder Fergus die Spekulationen aus: Die Hepatitis stamme vermutlich von verdorbenem Fleisch, Drogen als Ursache wies er entschieden zurück.
Späte Ehrung, spätes Bedauern
Karen Dotrice, in allen drei Filmen seine Partnerin, erfuhr vom Tod ihres früheren Leinwandbruders durch einen Anruf von Garbers Mutter. Nach dem letzten gemeinsamen Film hatten sich beide aus den Augen verloren, ohne dass es je zum Zerwürfnis gekommen war. Dotrice sagte später, Garber habe so viel Freude und Wagemut ausgestrahlt, dass er auch Rennfahrer hätte werden können.
„Ich wünschte, ich hätte im Laufe der Jahre öfter zum Telefon gegriffen, ich wünschte, ich hätte ihn mehr wie einen Bruder behandelt.“
Dotrice hielt ihr Bedauern öffentlich fest, zuletzt im Bonusmaterial der 40-Jahre-Jubiläumsedition von „Mary Poppins“ (2004). Julie Andrews beschrieb Garber in ihren Memoiren als Jungen mit roten Haaren und vielen Sommersprossen; sein Tod sei ein tragischer Schicksalsschlag für alle gewesen. Im selben Jahr wurde Garber posthum als „Disney Legend“ geehrt, Garbers Eintrag als Disney-Legende führt ihn seither in der höchsten Kategorie des Konzerns; sein Bruder Fergus nahm die Auszeichnung entgegen. Ob je ein Gedenkstein für ihn errichtet wurde, weiß bis heute niemand.
