Zehn Euro im Monat, unbegrenztes mobiles Internet in rund 100 Ländern, keine Drosselung: Mit diesem Versprechen will der 49-jährige Xing-Gründer Lars Hinrichs die deutschen Netzbetreiber angreifen. Sein neuer Anbieter Simsalasim soll in der kommenden Woche starten.
Am 4. Oktober stellte Hinrichs das Projekt in einem Interview mit BILD vor, parallel berichtete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Sein Vorstoß gegen Telekom und Vodafone trifft die Platzhirsche des Marktes direkt. Hinrichs sagte im Interview mit BILD:
„Es ist ein kompletter Angriff auf die Telekom, Vodafone und viele, viele andere.“
Vom Aufsichtsrat zum Angreifer
Der Angriff kommt von innen: Von Oktober 2013 bis April 2025 saß Hinrichs im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom. Im Januar 2025 schrieb er einen Brief an den Aufsichtsratschef und nahm danach an keiner Sitzung mehr teil; am 9. April 2025 schied er aus. Schon der Telekom-Geschäftsbericht für 2024 führt ihn als Board-Mitglied der amerikanischen Simsalasim Inc.
In der Branche ist Hinrichs kein Unbekannter: 2003 gründete er das Business-Netzwerk OpenBC, den Vorläufer von Xing, 2009 verkaufte er 25,1 Prozent seiner Anteile für rund 48 Millionen Euro an den Burda-Verlag. Über den Marktführer sagt er heute: „Im Bereich Telekom gab es keine wirkliche Innovation in den letzten zwanzig, dreißig Jahren.“
Von Xing über den Telekom-Aufsichtsrat zu Simsalasim
- 2003Hinrichs gründet OpenBC
Das Business-Netzwerk ist der Vorläufer des Karrierenetzwerks Xing.
- Oktober 2013Aufsichtsrat der Deutschen Telekom
Hinrichs wird Mitglied des Kontrollgremiums des Bonner Netzbetreibers.
- Dezember 2024Simsalasim im Telekom-Geschäftsbericht
Hinrichs wird als Board-Mitglied der amerikanischen Simsalasim Inc. geführt.
- Januar 2025Brief an den Aufsichtsratschef
Hinrichs schreibt an den Vorsitzenden und nimmt danach an keiner Sitzung mehr teil.
- April 20255,55 Millionen Dollar von elf Investoren
Eine SEC-Mitteilung (Form D) weist für die Simsalasim Inc. 5,552 Millionen US-Dollar aus; Hinrichs wird als Director geführt.
- 9. April 2025Ende im Telekom-Aufsichtsrat
Hinrichs scheidet aus dem Kontrollgremium der Deutschen Telekom aus.
- 4. Oktober 2026Start in der kommenden Woche
BILD veröffentlicht das Interview, die FAS berichtet parallel; am 5. Oktober greifen weitere Medien die Ankündigung auf.
Keine Funkmasten, zwei Dutzend Mitarbeiter
Simsalasim betreibt kein eigenes Funknetz. „Wir haben keine Funkmasten und betreiben keine klassischen Handy-Shops“, sagt der Gründer. In Deutschland kauft das Unternehmen Netzkapazität bei Telefónica ein, also im o2-Netz. Die eSIM-Profile liefert laut der Datenschutzerklärung von Simsalasim der Anbieter Red Tea Mobile mit Sitz in Singapur.
Möglich machen soll das vor allem künstliche Intelligenz. Rund zwei Dutzend Mitarbeiter beschäftigt das Start-up nach Angaben aus dem BILD-Interview; Softwareentwicklung, Abrechnung, Marketing und Kundenservice laufen weitgehend über KI. Hinrichs zahlt dafür laut FAS knapp 80.000 Euro im Monat — und rechnet das gegen die Arbeit von „hundert Entwicklern“ auf. Das Versprechen dahinter: Mobilfunk für zehn Euro in 100 Ländern.
Rufnummern ja, Tarif noch nicht
Regulatorisch ist das Vorhaben auf dem Weg: Die Bundesnetzagentur hat der Simsalasim Germany GmbH mit Sitz in Berlin den Rufnummernblock 015-333 und die internationale Mobilfunkkennung MCC 262 / MNC 26 zugeteilt. Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft ist Hinrichs selbst. Buchbar ist der Tarif trotzdem nicht — auf simsalasim.de steht bislang nur eine Warteliste.
Beim Geld nennt Hinrichs laut BILD 25 Millionen Dollar, die er für Simsalasim eingesammelt habe. Eine SEC-Mitteilung (Form D) vom April 2025 weist für die US-Gesellschaft Simsalasim Inc. dagegen 5,552 Millionen US-Dollar von elf Investoren aus. Das Unternehmen will bis 2030 mehr als 20 Millionen Kunden gewinnen und langfristig 100 Millionen Nutzer weltweit erreichen.
Zweifel an der Leistungsgrenze
In der Branche stößt der Vorstoß auf Skepsis. Der Telekommunikationsexperte Peter Winzer von der Hochschule Rhein-Main bezweifelt, dass viele Kunden das Versprechen überhaupt brauchen — und formuliert damit die Gegenposition zum Angriff auf Telekom und Vodafone. Winzer sagt:
„Die wenigsten werden es wirklich brauchen, wenn man ehrlich ist.“
Für die kommende Woche hat Hinrichs den Start angekündigt. Offen ist, ob er tatsächlich gelingt — und ob der Preis von zehn Euro hält, wenn Millionen Kunden dieselbe Kapazität bei Telefónica nutzen wollen. Offen ist auch, wie die Telekom reagiert, in deren Aufsichtsrat Hinrichs bis April 2025 saß.
