Der Panzer verschwindet nicht vom Schlachtfeld – aber er muss neu gedacht werden. Deutsche Rüstungsfirmen arbeiten an einer Zwischenlösung namens „Leopard 3“, die offiziell als „Leopard 2AX“ geführt wird. Verteidigungsminister Boris Pistorius hält daran fest – gegen eine wachsende Gegenseite, die das Geld lieber in Drohnen stecken würde.
Auslöser der neuen Debatte ist die am 28. September 2026 veröffentlichte Analyse der „Jungen Freiheit“ zum Kampfpanzer der Zukunft. Autor Ferdinand Vogel schreibt darin, der Panzer werde „auch trotz allgegenwärtiger Drohnen nicht vom Schlachtfeld verschwinden". Dafür brauche es neue Technologien und Konzepte, an denen deutsche Unternehmen mitarbeiten.
Das Aufmacherbild zeigt Rheinmetall-Entwicklungen von der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris. Die Messe im Juni 2026 wurde zum Schaufenster der neuen Panzergeneration – von unbemannten Türmen bis zu aktiven Schutzsystemen.
Eine Brückenlösung bis in die 2040er-Jahre
Der Leopard 3 ersetzt den Leopard 2 nicht, er schließt eine Lücke. Er ist als Zwischenlösung gedacht, bis das deutsch-französische Main Ground Combat System (MGCS) einsatzreif ist – erwartet wird es erst in den 2040er-Jahren. Bis dahin bleibt der Leopard 2 das Rückgrat; allein 2026 soll die Bundeswehr 75 weitere Leopard 2 A8 beschaffen.
Schon im Februar 2025 schrieb das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw technische Studien zu 130-Millimeter-Munition, Triebwerk, Schutzsystem und Feldjustieranlage für den Leopard 2 aus. Ergebnisse von KNDS, Rheinmetall und Hensoldt werden Ende 2026 erwartet. Erst danach wird festgelegt, wie der neue Kampfpanzer genau aussehen soll.
Europäisch ist das Vorhaben längst. Am 18. Juni 2026 präsentierten Leonardo und Rheinmetall auf der Eurosatory in Paris den gemeinsam entwickelten Kampfpanzer NMBT für die italienische Armee. In Deutschland bündeln Rheinmetall und KNDS Deutschland ihre Kräfte in der PSM GmbH; an dem nächsten europäischen Kampfpanzer sind nach Angaben des Fachportals defence-network 51 Unternehmen beteiligt.
Von der 130-Millimeter-Kanone zum neuen Kampfpanzer
- 2016Erster Prototyp der neuen Kanone
Rheinmetall stellt auf der Eurosatory in Paris die 130-Millimeter-Glattrohrkanone mit 52 Kaliberlängen vor.
- 2022Technologieträger KF51 Panther
Rheinmetall präsentiert den Kampfpanzer-Demonstrator KF51 Panther mit 130-Millimeter-Kanone.
- 21. Juni 2024Konzept mit unbemanntem Turm
Auf der Eurosatory zeigt Rheinmetall das Concept Uncrewed Turret (KF51 CUT) mit 130-Millimeter-Kanone.
- 5. Februar 2025Studien ausgeschrieben
Das Beschaffungsamt BAAINBw schreibt technische Studien für Munition, Triebwerk, Schutzsystem und Feldjustieranlage aus.
- 15. Dezember 2025Kartellamt genehmigt PSM-Erweiterung
Die Freigabe erlaubt dem Gemeinschaftsunternehmen von Rheinmetall und KNDS Deutschland die Entwicklung des neuen Kampfpanzers.
- 18. Juni 2026NMBT für die italienische Armee
Leonardo und Rheinmetall stellen auf der Eurosatory 2026 ihren gemeinsamen Kampfpanzer vor.
- Ende 2026Ergebnisse erwartet
Die technischen Studien von KNDS, Rheinmetall und Hensoldt sollen vorliegen, danach fällt die Entscheidung zur Ausprägung.
130 Millimeter und 30 Kilo Munition
Kernstück der neuen Generation ist eine Glattrohrkanone mit 130 Millimetern Kaliber von Rheinmetall. Sie hat 52 Kaliberlängen, das Rohr misst 6.760 Millimeter. Die Mündungsenergie liegt bei rund 20 Megajoule – etwa 50 Prozent mehr als bei der 120-Millimeter-Kanone des Leopard 2.
Jeder Schuss wiegt rund 30 Kilogramm. Diese Munition kann ein Ladeschütze kaum noch von Hand bewegen, deshalb braucht der neue Panzer einen Ladeautomaten. Rheinmetall zeigt mit dem Technologiedemonstrator KF51 Panther, wie das aussieht: 130-Millimeter-Kanone, Autolader und aktive Schutzsysteme.
Ein zweites Konzept kommt von der PSM GmbH: Auf der Eurosatory 2026 stellte das Gemeinschaftsunternehmen von Rheinmetall und KNDS Deutschland „MBT Vision 2032" vor – ein Panzer mit unbemanntem Turm, dessen Besatzung geschützt in der Wanne sitzt.
Für Rheinmetall steht bei dem Projekt viel auf dem Spiel. Konzernchef Armin Papperger hält die These vom Ende des Panzers für falsch:
„Fakt ist aber auch, dass der aktuelle Krieg zeigt, dass Kriege immer noch mit Panzern und Raketen geführt werden. Das wird sich in Zukunft nicht ändern.“
Pistorius gegen die Drohnen-Fraktion
Der Widerstand gegen den Panzerkurs wächst. Im August 2026 häuften sich die Stimmen, die Deutschland vorwerfen, falsch aufzurüsten – sie wollen das Geld in Drohnen statt in Kampfpanzer stecken, wie die Kritik an Pistorius' Panzerkurs in der Süddeutschen Zeitung zeigt. Verteidigungsminister Pistorius kontert:
„Der Drohnenkrieg ist ein entscheidender Faktor in der modernen Kriegsführung, ohne Frage. Aber Drohnen alleine und auch vor allem diese einfachen Drohnensysteme werden den Krieg der Zukunft nicht entscheiden.“
Der Minister bekommt Rückendeckung aus der Industrie, aber Widerspruch von Ökonomen. Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sieht das größte Problem nicht in der Technik, sondern im Personal: „Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren möchten."
Für Schularick folgt daraus eine andere Priorität: Statt auf mehr Soldaten, mehr bemannte Fahrzeuge und mehr Kasernen müsse Deutschland – wo immer möglich – auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik setzen. Damit stehen sich zwei Linien gegenüber: automatisierte Waffensysteme auf der einen, mehr Soldaten und bemannte Fahrzeuge auf der anderen Seite.
Kartellamt genehmigt die Panzer-Allianz
In der Industrie sind die Weichen gestellt. Am 15. Dezember 2025 genehmigte das Bundeskartellamt die Erweiterung der PSM GmbH, des Gemeinschaftsunternehmens von Rheinmetall und KNDS Deutschland, für die Entwicklung des neuen Kampfpanzers. Behördenpräsident Andreas Mundt begründete die Freigabe damit, dass kein Unternehmen die Anforderungen allein hätte erfüllen können.
Welches Konzept sich durchsetzt, ist offen. Die PSM-Variante mit unbemanntem Turm und der Rheinmetall-Demonstrator KF51 Panther mit bemannter Besatzung sind unterschiedliche Antworten auf dieselbe Bedrohung: Drohnen, die Panzer von oben angreifen. Der Panzer verschwindet also nicht – er wird umgebaut.
Bis Ende 2026 sollen die Studien von KNDS, Rheinmetall und Hensoldt vorliegen; erst danach wird die Ausprägung des neuen Kampfpanzers festgelegt. Offen bleibt, ob das deutsch-französische MGCS tatsächlich in den 2040er-Jahren kommt – oder ob Deutschland den Leopard-Nachfolger ohne Frankreich baut.
