Die Polizei Bremen empfiehlt Menschen, sich bei einem sexuellen Übergriff zu übergeben, um den Angreifer abzuwehren. Der Rat stammt nicht aus einem anonymen Forum, sondern aus den Selbstbehauptungsseminaren der Behörde – und er ist kein Einzelfall.
Wie die Kreiszeitung über die Empfehlung berichtet, bestätigte Pressesprecherin Franka Haedke den Ratschlag. Den Teilnehmenden wird demnach beigebracht, sich den Finger in den Hals zu stecken, den Würgereflex auszulösen und zu erbrechen; der entstehende Ekel soll den Täter stoppen.
„Im Notfall, etwa einer versuchten Vergewaltigung, wehren Sie sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Auch das Sich-Erbrechen kann eine wirksame Möglichkeit sein, ein Sexualdelikt abzuwehren.“
Womit der Täter nicht rechnet
Haedkes Satz folgt einem Konzept, das die Bremer Polizei „paradoxe Intervention“ nennt. Polizeihauptkommissarin Maike Seifert vom Präventionszentrum lehrt, „etwas zu tun, womit mein Gegner nicht rechnet“ – bewusst auch Absurdes. Der Ekelreflex, so die Logik, soll den Angreifer aus dem Tritt bringen, bevor er weitermacht.
Der Ratschlag ist nicht neu. Das Protokoll einer Plenumssitzung des Netzwerks Selbsthilfe Bremen vom 19. November 2025 hält fest, Seifert habe in ihrem Vortrag geraten, bei drohender Vergewaltigung Erbrechen zu erzwingen, weil Täter dies in vielen Fällen abschrecke. Als Begründung notiert das Protokoll, 80 Prozent der versuchten Vergewaltigungen würden abgebrochen, weil sich das Opfer stark wehre.
Seit mehr als zehn Jahren im Programm
Angeboten werden die Seminare von der Dienststelle Zentrale Polizeiliche Prävention – nach eigenen Angaben seit mehr als zehn Jahren. Sie laufen in Firmen, Behörden und in der medizinischen Versorgung, außerdem für Beschäftigte von ÖPNV, Feuerwehr, Jobcenter und sozialen Diensten. Öffentliche Kurse gibt es zweimal im Jahr, Betriebe können ab 15 Personen buchen.
Die Behörde wirbt für ihr Angebot. Die Seminare „befähigen Menschen, Gefahren frühzeitig zu erkennen, Konflikte zu bewältigen und überlegt zu handeln“, sagte Haedke; sie sollten „aus Sicht der Polizei aktiv gefördert und wiederkehrend durchgeführt werden“. Für Betroffene hält das Präventionszentrum außerdem einen scheinbar einfachen Rat bereit: „Lassen Sie sich helfen. Rufen Sie die 110 an. Lieber einmal zu viel als zu wenig.“
Vom Protokoll zum bundesweiten Bericht
Öffentlich wurde der Ratschlag in diesem Herbst: Anfang Oktober veröffentlichte die Kreiszeitung den Bericht „Polizei empfiehlt Erbrechen als Schutz vor Vergewaltigung“ mit den Zitaten der Sprecherin. Am 7. Oktober machte die Junge Freiheit den Erbrechen-Ratschlag der Bremer Polizei einem bundesweiten Publikum bekannt.
Der Weg des Ratschlags in die Öffentlichkeit
- 19. November 2025Erbrechen im Protokoll
Maike Seifert vom Präventionszentrum referiert beim Plenum des Netzwerks Selbsthilfe Bremen; das Protokoll hält den Ratschlag fest, bei drohender Vergewaltigung Erbrechen zu erzwingen.
- 29. Mai 2026Seminar angekündigt
Die Polizei Bremen kündigt in der Pressemitteilung Nr. 0354 das Selbstbehauptungsseminar „Starkes Auftreten statt starker Fäuste!“ für den 15. Juni 2026 im Justizzentrum Am Wall 198 an.
- 23. Juni 2026Weser-Kurier berichtet aus dem Seminar
Der Weser-Kurier beschreibt das Selbstbehauptungsseminar ausführlich; Seifert erläutert dort das Konzept der paradoxen Intervention.
- Anfang Oktober 2026Kreiszeitung veröffentlicht den Bericht
Die Kreiszeitung bringt den Ratschlag mit den Zitaten der Polizeisprecherin Franka Haedke.
- 7. Oktober 2026Junge Freiheit greift den Fall auf
Die Junge Freiheit veröffentlicht den Bericht „Polizei rät zum Erbrechen als Schutz vor Vergewaltigung“.
Die Behörde hält an ihrem Kurs fest: Haedke empfiehlt die Teilnahme ausdrücklich und will die Seminare wiederkehrend durchgeführt sehen. Offen ist, wie viele Menschen sich nach dem Bericht noch für einen Kurs anmelden, in dem Erbrechen als Abwehrtechnik gelehrt wird – die nächste Runde der öffentlichen Selbstbehauptungskurse steht aus.
