England zählt 640 statt 158 Prostatakrebsfälle bei Männern unter 50
Der World Cancer Research Fund meldet steigende Krebszahlen bei Menschen unter 50 in England, den USA und den Niederlanden – in England hat sich Prostatakrebs bei Männern unter 50 seit 2001 vervierfacht. Statistiker bezweifeln, dass dahinter ein echtes höheres Risiko steckt.
640 statt 158 Fälle: In England hat sich die Zahl der Prostatakrebs-Diagnosen bei Männern unter 50 Jahren zwischen 2001 und 2023 mehr als vervierfacht. Diese Zahl steht im Zentrum einer Analyse des World Cancer Research Fund International vom 6. Oktober 2026, die bei unter 50-Jährigen in England, den USA und den Niederlanden steigende Krebsraten beschreibt. Statistiker bestreiten die Deutung.
Für die Analyse verglich der WCRF Krebsregisterdaten bei unter 50-Jährigen – in England von 2001 bis 2023, in den USA und den Niederlanden von 2000 bis 2023. Für jedes Land wurden die Inzidenzraten im ersten und letzten Jahr berechnet und mit einem Mann-Kendall-Test auf Signifikanz geprüft. Eine begutachtete Fachpublikation gibt es nicht; Grundlage ist die WCRF-Auswertung zu Krebsfällen bei unter 50-Jährigen samt Methoden-Erklärung.
Prostatakrebs vervierfacht sich in England
In England nahmen sieben der zwölf untersuchten Krebsarten statistisch signifikant zu: Prostata-, Darm-, Nieren-, Gebärmutter-, Brust-, Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Am steilsten stieg Prostatakrebs: Die Rate kletterte bei Männern unter 50 von 1 auf 3,6 Fälle pro 100.000, die Zahl der Diagnosen von 158 auf 640.
Darmkrebs legte ebenfalls deutlich zu: Die Rate stieg von 3,9 auf 8,4 pro 100.000 – bei Frauen von 3,8 auf 8,3, bei Männern von 4 auf 8,4. Gebärmutterkrebs verdoppelte sich von 1,8 auf 3,9 Fälle pro 100.000 Frauen, Nierenkrebs stieg von 1,2 auf 2,3 (Frauen) und von 1,9 auf 3,6 (Männer). Brustkrebs blieb die häufigste Krebsart bei Frauen unter 50; ihre Rate stieg moderater von 42 auf 47,5.
Krebsraten bei unter 50-Jährigen in England: 2001 gegen 2023
Fälle je 100.000 Einwohner nach Krebsart
Quelle: WCRF, Krebsregisterdaten England
In den USA und den Niederlanden weniger Krebsarten betroffen
In den USA stiegen fünf Krebsarten signifikant: Brust, Darm, Niere, Bauchspeicheldrüse und Gebärmutter. Nierenkrebs mehr als verdoppelte sich von 2,5 auf 5,3 Fälle pro 100.000; Darm-, Gebärmutter- und Bauchspeicheldrüsenkrebs legten um mehr als 50 Prozent zu, Brustkrebs um rund 20 Prozent. In den Niederlanden nahmen vier Krebsarten zu: Darm-, Nieren-, Leber- und Gebärmutterhalskrebs.
In allen drei Ländern sank dagegen die Rate von Lungenkrebs bei unter 50-Jährigen – ein Spiegel des seit Jahrzehnten zurückgehenden Tabakkonsums. Die Autoren betonen zugleich, wie selten diese Tumore bleiben: In Industrieländern liegt das mittlere Alter bei der Krebsdiagnose bei über 60 Jahren.
Statistiker bezweifeln die Aussagekraft der Zahlen
Mehrere Statistiker und Epidemiologen reagierten zurückhaltend. In den gesammelten Expertenreaktionen zur WCRF-Analyse verweist Jason Oke von der University of Oxford auf PSA-Tests bei Männern zwischen 40 und 49 Jahren: Deren Zahl sei seit 2000 von 3,3 auf 21 pro 1.000 Personenjahre gestiegen. Ein Anstieg der Inzidenz bedeute nicht zwangsläufig einen Anstieg der Krankheitslast.
„Was wie eine aufkeimende Prostatakrebs-Epidemie aussieht, könnte zumindest eine Epidemie des Testens sein.“
Jason Oke, Medizinstatistiker an der University of Oxford
Kevin McConway von der Open University hält die Tabelle der Pressemitteilung für ein „teilweise irreführendes Bild“, weil sie nur die prozentuale Zunahme absoluter Fallzahlen zeige. Die Zahl der unter 50-Jährigen sei im Zeitraum um rund zehn Prozent gewachsen – das allein lasse mehr Fälle erwarten. Adam Jacobs verweist auf die Krebsarten, die die Übersicht ausspart: Speiseröhren-, Lungen- und Blasenkrebs gingen zurück. Amy Berrington de Gonzalez vom Institute of Cancer Research vermisst den Vergleich mit den über 50-Jährigen.
Was den Anstieg erklären könnte
Die Ursachen sind ungeklärt; die Forscher gehen von einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren aus. Rund 40 Prozent der Krebsfälle gelten als vermeidbar – über Übergewicht, Bewegungsmangel, Alkohol, Rauchen und eine Ernährung mit viel rotem und verarbeitetem Fleisch. Die Weltgesundheitsorganisation meldet, dass sich die Adipositasraten bei Erwachsenen seit den 1990er-Jahren verdoppelt haben. Marc Gunter vom Imperial College London dämpft die Erwartungen: Für einen Krebs-Effekt von hochverarbeiteten Lebensmitteln oder Mikroplastik gebe es keine schlüssigen Belege – „da ist viel Hype“.
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Was jetzt folgen soll
Das britische Department of Health and Social Care erklärte, die Befunde unterstrichen, warum Früherkennung im Zentrum des nationalen Krebsplans steht. Bis 2035 sollen drei Viertel der Diagnostizierten krebsfrei oder gut mit Krebs leben – das sollen 320.000 gerettete Leben sein. Das King's College London kündigte zudem eine Studie mit 250.000 Teilnehmenden an, die das Verhältnis von verschlechterten Risikofaktoren und besserer Erkennung klären soll. Genau daran entscheidet sich, ob der Anstieg echt ist oder vor allem ein Effekt des früheren Nachsehens.