Studie belegt jahrzehntelange Gewalt im Papst-Internat St. Michael
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Aufarbeitung

Studie belegt jahrzehntelange Gewalt im Papst-Internat St. Michael

Eine Studie des ISS dokumentiert 30 Jahre Gewalt am Studienseminar St. Michael in Traunstein: Ohrfeigen, Kollektivstrafen, Essenszwang. Generalvikar Klingan bat die Betroffenen um Entschuldigung – die Aufsicht hatte über Jahrzehnte gefehlt.

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Manche Schüler mussten ihr eigenes Erbrochenes essen. Über drei Jahrzehnte hinweg wurden minderjährige Seminaristen am Studienseminar St. Michael in Traunstein geschlagen, gedemütigt und mit Kollektivstrafen belegt.

Vorgestellt wurde die Aufarbeitung am Donnerstag, 8. Oktober 2026, in Traunstein. Erarbeitet hat sie das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) unter dem Titel „Wenn du mitläufst, dann geht es…“; Projektleiterin und Autorin ist Judith Dubiski.

Das 1929 gegründete Internat gilt als „Papst-Internat“, weil in den 1930er und 1940er Jahren Joseph Ratzinger dort Seminarist war – der spätere Papst Benedikt XVI. Der untersuchte Zeitraum beginnt erst 1960.

Ohrfeigen, Kopfnüsse, Essenszwang

Dokumentiert sind vor allem psychische und körperliche Gewalt: Drohungen, Erniedrigungen, Ohrfeigen, Kopfnüsse, Schläge auf den Hinterkopf, Kollektivstrafen und Essenszwang. Die Übergriffe richteten sich gegen minderjährige Seminaristen, also gegen Kinder und Jugendliche.

Die Studie stößt außerdem auf Hinweise auf geistlichen Missbrauch und Machtmissbrauch. Sie berichtet von sexualisierter Gewalt durch Erwachsene – drei Fälle sind dokumentiert – und von sexualisierter Gewalt unter gleichaltrigen Seminaristen.

Öffentlich bekannt ist der Fall von Johannes Koch: 1985 erlebte er als Oberstufenschüler sexuelle Gewalt durch einen Franziskaner-Minoriten aus dem Kloster Maria Eck. Koch hat die Studie mit angestoßen. Sein Fall steht für die Folgen, die das Erlebte bis heute hat:

„Ich war so winzig und er war so mächtig. Dieses Erlebnis hat die katholische Welt, die meine Heimat sein sollte, zerstört.“
Johannes Koch, Betroffener und Initiator der Studie

Überforderte Präfekten, keine Kontrolle von außen

Die Studie nennt konkrete Ursachen: Die geistlichen Präfekten seien mit ihrer Aufgabe überfordert gewesen und hätten keine pädagogische Ausbildung gehabt. Zwischen Leitung und Schülern habe ein erhebliches Machtgefälle bestanden.

Hinzu kam, dass von außen niemand kontrollierte. Eine externe Heimaufsicht durch den Freistaat und die Erzdiözese fehlte – nach Einschätzung der Studie ein Grund, warum die Gewalt über Jahrzehnte unentdeckt bleiben konnte.

Dubiski, die die Aufarbeitung geleitet hat, benennt die Vermischung von Seelsorge und Gewalt so:

„Die Hand, die schlägt ist die Hand, die in der Messe den Segen spendet.“
Judith Dubiski, Projektleiterin und Autorin der Studie

Von den ersten Vorwürfen zur Studie

In Auftrag gegeben hat die Studie die Stiftung Studienseminar St. Michael, finanziert hat sie die Erzdiözese München und Freising. Empfohlen hatte das Projekt die Unabhängige Aufarbeitungskommission der Erzdiözese.

Die Vorgeschichte in sieben Stationen

  1. 1929
    Gründung in Traunstein

    Kardinal Michael von Faulhaber gründet das Studienseminar St. Michael, um Jungen aus dem Chiemgau Bildungschancen zu eröffnen und für den Priesterberuf zu gewinnen.

  2. 1930er/1940er Jahre
    Joseph Ratzinger lebt im Internat

    Der spätere Papst Benedikt XVI. ist Seminarist in St. Michael und besucht dort das Gymnasium – vor dem später untersuchten Zeitraum.

  3. 1960 – 1990
    Der Untersuchungszeitraum

    In diesen Jahren kommt es am Studienseminar zu psychischer, körperlicher, spiritueller und sexualisierter Gewalt gegen minderjährige Seminaristen.

  4. 2016
    Erste Vorwürfe werden bekannt

    Ehemalige Seminaristen beginnen, das Erlebte öffentlich aufzuarbeiten.

  5. 2020
    Johannes Koch geht an die Öffentlichkeit

    Nach seinem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ melden sich weitere Betroffene; Seminarleitung und Erzbistum beginnen einen Beratungsprozess über die Aufarbeitung.

  6. Juli 2025
    Das ISS kündigt die Aufarbeitung an

    Das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik will die Gewaltvorwürfe wissenschaftlich aufarbeiten, Abschluss zunächst für September 2026 geplant.

  7. 8. Oktober 2026
    Die Studie wird in Traunstein vorgestellt

    Judith Dubiski und Marius Hilkert präsentieren die Ergebnisse; Generalvikar Klingan bittet im Namen der Erzdiözese um Entschuldigung.

Das ISS hatte die Aufarbeitung im Juli 2025 angekündigt – damals mit einem Fokus auf die Mitte der 1960er bis Mitte der 1980er Jahre und einem geplanten Abschluss im September 2026. Vorgelegt wurde sie nun für den gesamten Zeitraum von 1960 bis 1990.

Der Generalvikar bittet um Entschuldigung

Generalvikar Christoph Klingan hat die Betroffenen im Namen der Erzdiözese München und Freising um Entschuldigung gebeten, wie die Pressemitteilung des Erzbistums zur Aufarbeitung mitteilt. Die Lektüre der Studie, sagt er, habe ihn bewegt:

„Mich hat die Lektüre sehr bewegt. Im Studienseminar habe es viel Licht, doch eben auch viel Schatten gegeben.“
Christoph Klingan, Generalvikar der Erzdiözese München und Freising

Klingan ist der oberste Verwaltungschef jener Erzdiözese, die die Studie bezahlt hat.

Über die damalige Verantwortung sagt Johannes Koch, der die Studie mit angestoßen hat: „Es hat mich nicht geschützt, es hat uns nicht geschützt. Die Verantwortlichen haben uns als Einzelne in dieser Notsituation nicht gesehen, und auch nach Aufforderung nicht geholfen.“ Stiftungsdirektor Wolfgang Dinglreiter nannte das heutige Seminar dagegen „ein völlig anderes Internat“.

Was von der Aufarbeitung bleibt

Für Georg Rieperdinger, ehemaliger Seminarist, hat die Studie vor allem eine Bedeutung: „Mein Fall ist kein sexueller Missbrauch, es war spirituelle und psychische Gewalt. Und die Studie ist eine Anerkennung dessen, wie schlecht es mir damals ging.“

Die Untersuchung betrifft ausschließlich das Studienseminar St. Michael in Traunstein. Ob andere kirchliche Internate in Bayern ähnlich umfassend aufgearbeitet werden, beantwortet sie damit nicht.

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