Nato legt erstmals offen, wie sie einen Angriff zurückschlagen will
Die Nato legt erstmals offen, wie sie einen Angriff abwehren will: stoppen, abschwächen, das gegnerische Kriegführungssystem zerschlagen. General Grynkewich richtet die Warnung erkennbar an Moskau – nennt Russland aber nicht.
Die Nato hat erstmals öffentlich beschrieben, wie sie einen Angriff auf ihr Gebiet zurückschlagen will – bis hin zur Zerschlagung des gegnerischen Kriegführungssystems. US-General Alexus Grynkewich stellte den erstmals vorgestellten Plan für den Ernstfall am Montag beim Warsaw Security Forum 2026 vor. Seine Rede dauerte rund 14 Minuten.
Grynkewich nannte Russland kein einziges Mal. Er sprach durchgängig von „unserem Gegner“. Wer gemeint war, war dennoch klar: Die Warnung richtete sich an Moskau.
Drei Schritte: Block, Blunt, Break
Das Konzept hat drei Stufen. Block: Die Bündnisstreitkräfte stoppen den ersten Angriff. Blunt: Hält der Angriff an, schwächen sie ihn ab und verhindern den Vormarsch. Break: Reicht auch das nicht, zerschlagen sie die angreifenden Kräfte und das gesamte Kriegführungssystem dahinter – samt allem, was diese Truppen unterstützt, versorgt und steuert.
„Sollte es zum Krieg kommen, werden wir jeden Angriff abwehren und zerschlagen.“
Alexus Grynkewich, Nato-Oberbefehlshaber (SACEUR)
Wie die Nato russische Angriffe zurückschlagen will, ist damit erstmals öffentlich nachlesbar. Grynkewich nannte das die Formulierung eines „commander's intent“, aus dem die 32 Mitgliedstaaten ihre eigenen Pläne ableiten. Die als geheim eingestufte Endfassung liegt seit rund drei Monaten vor.
Taktische Niederlage statt strategischer Sieg
Der General betonte den defensiven Charakter des Konzepts. Es gehe nicht um eine strategische Niederlage des Gegners und nicht um die Besetzung fremden Territoriums. Ziel sei allein die taktische und operative Niederlage der angreifenden Kräfte – ihnen soll die Fähigkeit genommen werden, Nato-Gebiet zu erobern und zu halten.
Zur Umsetzung will das Bündnis hochpräzise Langstreckenwaffen mit großen Mengen kostengünstiger, skalierbarer Systeme verbinden: Drohnen, Sensornetze, autonome Systeme und eine militärische Cloud. Eine nicht als geheim eingestufte Teilfassung, die Anfang Oktober bekannt wurde, sieht vor, dafür verstärkt Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg zu nutzen.
„Wenn jemand so töricht ist, uns anzugreifen, werden wir kämpfen.“
Alexus Grynkewich, Nato-Oberbefehlshaber (SACEUR)
Warum der General öffentlich spricht
Den Grund für die ungewöhnliche Veröffentlichung nannte Grynkewich selbst: Sabotage- und Brandstiftungsakte hätten die Bevölkerung verunsichert. Er wolle die rund eine Milliarde Bürger des Bündnisses beruhigen – und jeden abschrecken, der einen Angriff erwägt. Wer der Nato Schaden zufügen wolle, solle wissen: „Wir haben das im Griff, und er sollte keinen Schuss auf das Bündnis wagen.“
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Vom Geheimpapier zur Rede
Der Weg zur Warschauer Rede war kurz und von vielen Signalen begleitet: Erst wurde die geheime Endfassung fertig, dann drang eine Teilfassung an die Öffentlichkeit, dann begann ein großes Nato-Manöver. Die wichtigsten Stationen:
Von der Geheimfassung zur öffentlichen Rede
Juli 2026
Geheime Endfassung liegt vor
Die endgültige, als geheim eingestufte Fassung der „Theory of Victory“ wird fertiggestellt und von allen 32 Bündnisstaaten mitgetragen.
30. September 2026
Russland droht mit Atomwaffen
Moskau droht der Nato in einer diplomatischen Note mit Atomwaffeneinsatz, falls Kaliningrad isoliert werde. Generalsekretär Mark Rutte weist die Drohung zurück.
5. Oktober 2026
Teilfassung wird bekannt
Eine nicht als geheim eingestufte Fassung des Dokuments wird publik; darin will die Nato verstärkt Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg nutzen.
6. Oktober 2026
Übung Steadfast Duel 2026 beginnt
Rund 8000 Teilnehmer simulieren einen Bündnisverteidigungsfall.
11. Oktober 2026
Grynkewich spielt die Gefahr herunter
In einem Interview bezeichnet er die Gefahr eines größeren russischen Angriffs auf ein Nato-Mitglied als „relativ gering“.
12. Oktober 2026
Die Rede in Warschau
Grynkewich stellt die „Theory of Victory“ erstmals öffentlich vor – ohne Russland namentlich zu nennen.
Die Drohung aus Moskau
Offen ist, wie Moskau auf die Warschauer Rede reagiert. Am 30. September hatte Russland der Nato in einer diplomatischen Note mit Atomwaffeneinsatz gedroht, falls Kaliningrad isoliert werde; Generalsekretär Mark Rutte wies die Drohung zurück. Nur einen Tag vor seiner Rede in Warschau hatte Grynkewich die Gefahr eines größeren russischen Angriffs auf ein Nato-Mitglied noch als „relativ gering“ bezeichnet.